Wie wohl die meisten Männer, braucht auch George morgens nicht lange um sich anzuziehen. Verbringt er den Tag zu Hause trägt er Jeans und Hemd (oder die englische Freizeit-Variante: irrwitzig bunt, wohl als Ausgleich zum farblosen business suit; also pinke Socken zur Cordhose, Marke Brisbane Moss), fährt er ins Labor, zieht er einen Anzug an. Da muß er nicht lange auswählen, denn kaum ist er dort, legt er schon wieder alles ab. Bei der Arbeit trägt er grüne Kleidung, wie wir sie aus dem OP kennen, und bis auf die Unterhose bleibt nichts am Körper.

Wenn er sich also morgens lange vor dem Spiegel dreht, dann ist das schon ungewöhnlich und bekommt meine volle Aufmerksamkeit. Heute morgen erzwingt er die geradezu. Er betrachtet sein Spiegelbild, dreht sich links rum, dann nach rechts, spannt die Muskeln, lässt wieder locker und scheint mit sich selbst höchst zufrieden zu sein. Schließlich kommentiert er auch noch, vielleicht nur so dahingesagt, aber laut genug, dass ich es verstehen kann:

What a piece of work is a man! How noble in reason! How infinite in faculty in form and moving, how express and admirable in action, how like an angel in apprehension, how like a god the beauty of the world, the paragon of animals.

Sprachlos ergänze ich: Und behaart wie ein Gorilla. Triumphierend fixiert er mich über den Spiegel und fragt: Who wrote it? Ich habe keine Ahnung, kann mir aber gut vorstellen, daß Oscar Wilde diese Zeilen seiner Romanfigur Dorian Gray in den Mund gelegt hat. Weit gefehlt, klärt mich George auf, es ist von William Shakespeare, er lässt es Hamlet im zweiten Akt, zweite Szene, sagen.

Und???? Nothing, just to keep it in mind. – Na dann, kann ich ja das Thema wechseln. Wissen Sie eigentlich, dass es einen tieferen Grund für das Tragen von grüner Kleidung bei Mediziner gibt? Falls Sie ins Krankenhaus müssen, achten Sie mal darauf. Ärzte die ans Krankenbett kommen, den Patienten untersuchen, tragen gerne weiß. Weiß, die Farbe der Unschuld.

Andere Mitarbeiter, die im OP assistieren oder im Labor tätig sind und bestenfalls mal über die Flure huschen, sind oft in Blau gekleidet. Und dann gibt es noch Ärzte in grüner Kleidung. Es sind Chirurgen, Pathologen oder auch Gerichtsmediziner. Das ist tatsächlich vorgeschrieben und hat mit der Hygieneordnung zu tun. Jeder Arzt oder auch Helfer, der mit Keimen in Berührung kommt, muß die grüne Kleidung tragen. Nach der OP, noch vor Verlassen der Zone, muß er sich umzuziehen; deshalb nennt man es auch Bereichskleidung. Sollte also ein Arzt in grüner Kleidung außerhalb des OPs in ihre Nähe kommen, dann wird es Zeit die Luft anzuhalten.

 

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Achtung wenn Mediziner grün gekleidet sind. Vielleicht nicht keimfrei?

 

Aber es gibt auch einen ganz praktischen Grund für die Farbenvielfalt, die eventuell kontaminierte Wäsche ist so viel leichter erkennbar. Sie wird anders behandelt als der Rest. Ausserdem reflektiert die grüne Wäsche (auch Laken) viel weniger Licht als weisses Tuch. Die Lampen über einem OP- oder einem Sektionstisch sind extrem hell. Das kann schnell blenden. Schließlich gilt grün auch als psychologisch beruhigend. Und es ist die Farbe der Hoffnung. Es soll also den Patienten Mut machen. Oder will man die Nerven der Mediziner in ruhiges Fahrwasser bringen? Da bin ich mir jetzt nicht so sicher.

Ich habe mir eigentlich nie Gedanken darüber gemacht, ob George Keime mit nach Hause bringen könnte? Da vertraue ich ihm blind, er wird wissen was er machen muß um sich und andere zu schützen. Aber ganz so einfach konnte ich es mir dann doch nicht machen. Meine klare Ablehnung von Impfungen mußte ich neu überdenken. Tetanus, Hepatitis-B und HIV waren auf einmal nicht mehr ganz so weit weg, wie früher. Trotzdem fühle ich mich sicher und mache mir auch um seine Gesundheit keine Sorgen. Wir haben ausführlich über das erhöhte Risiko gesprochen und wie immer, ist Aufklärung eine gute Grundlage für eine objektive Einschätzung der Lage.

Zurück zu Shakespeare, von dem ich ehrlich gesagt nichts weiß. Gar nix! Ich hätte den Satz ‘to be or not to be’ ihm zuordnen können, kenne ein Werk namens ‘Der Sturm’, weil es eine Rolle spielt im Geheimnis um die Insel Oak Island (spannend, müssen Sie mal googeln) und könnte den ‘Sommernachtstraum’, nennen, indem ein Waldgeist (?) namens Puck mitspielt. Das war es dann aber auch. – In der deutschen Literaturklassik kenne ich mich besser aus, Dichterfürst Goethe war jahrelang mein Favourit. Ich habe alles von und über ihn gelesen und schließlich erlosch meine Begeisterung als ich seine unrühmliche Rolle begriff, die er als jahrzehntelanger Partner seiner späteren Ehefrau Christiane einnahm. Nein, Goethe, das war keine Heldentat.

 

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Dichterfürst Goethe. Irgendwie auch nur ein Mensch. Aber ein schöner.

 

Aber Shakespeare? Kam irgendwie nie im Unterricht vor, weder in Deutsch noch in Englisch. Und mal ehrlich, die deutschen Klassiker sind auch nicht gerade Bestandteil der Allgemeinbildung. Oder? Ich habe schon Akademiker im TV Quiz gesehen, die Goethe und Schiller verwechselten. Einer hatte sogar den Abschluß in Germanistik! Da fällt man ja fast in Ohnmacht.

Mich wundert es immer, wieviel der Durschnittsengländer über das Theater und speziell  Shakespeare weiß. Die Menschen sind ganz erstaunlich gut im Bilde und können fast alle Helden der zahlreichen Theaterstücke nennen und zuordnen. Ganze Textabschnitte fehlerfrei zu rezitieren ist nicht ungewöhnlich. Egal ob die Leute eine Universität besucht haben oder gleich nach der Schule ein Handwerk erlernten. Die Engländer lieben das Theater, gehen regelmäßig ins Theater und sind alle selbst begeisterte ‘Schauspieler’. Die Selbstdarstellung und vor allem die Unterhaltung liegt dem Engländer im Blut. Außerdem lernen sie viel über ihre Kultur. Das genießt hohe Wertschätzung.

George hat inzwischen immerhin schon mal seine Hose angezogen und nähert sich damit auch der menschlichen Kultur Stück für Stück. Er will mich aber gerne weiter auf die Probe stellen und fragt deshalb: Wann sagte Hamlet den berühmten Satz ‘to be or not …’? Und ich antworte wie aus der Pistole geschossen: Dritter Akt, erste Szene. Das haut ihn so um, dass er vor Schreck seine Jeans erst mal wieder auszieht. “How did you know???” 

Na das werde ich ihm auch gerade auf die Nase binden. Ich weiß es natürlich, weil TV-Superstar Benedict Cumberbatch gerade Hamlet auf der Bühne spielt und damit im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit steht. Der eigentlich für die Rolle des alternden Königs viel zu junge Cumberbatch, hat noch mit Problemen ganz anderer Art zu kämpfen. Seine Fans machen ihm die Darstellung schwer. Sie sitzen Abend für Abend im Theater, junge Mädchen und Teenager, die ihren Star kreischend begrüßen, sobald er die Bühne betritt. Der will aber eine ganz und gar seriöse Darstellung abliefern und fühlt sich schwer gestört, wenn er in hunderte von roten Lichtern blicken muß. Es sind die roten Lampen an den Smartphones seiner Fans, die mitfilmen was das Zeug hält.

 

Benedict Cumberbatch steht als Hamlet in Barbican, London, auf der Bühne

 

Und ein weiterer Stolperstein legte sich Cumberbatch in den Weg. Er eröffnet das Drama auf übliche Weise. Es gibt wohl so eine Art Vorspiel, wie auch bei Goethes Faust. Da tritt Cumberbatch in modernen Klamotten vor den Vorhang und begrüßt die Zuschauer. Ein Warm-Up sozusagen. Und Cumberbatch steht also da, macht den Mund auf und sagt: “to be or not to be”. Die Teenager jubeln ihm enthusiastisch zu, die erfahrenen Theaterbesucher sinken im Sessel kurz zusammen. Dieser Satz ist der Höhepunkt des ganzen Theater-Abends. An dieser Stelle, also gleich zu Beginn,  ist er viel zu früh gesprochen! Ejaculatio praecox.

Ich bin mir nicht sicher, aber ich meine gehört zu haben, dass die Regie inzwischen den ungewöhnlichen Auftakt geändert hat. Jetzt stellt König Hamlet seine Frage wieder an der Stelle, wo Shakespeare sie hingeschrieben hat: Dritter Akt, erste Szene. Daher mein Wissen. – George sage ich natürlich, das man/ich so etwas weiß. Er bläst die Backen auf und schweigt. 

Schließlich kann ich aber doch noch eigenes Wissen beisteuern, denn ich habe mal nachgeschlagen. Also Hamlet stellt hier ja eine ganz existenzielle Frage. Die deutsche Seele liebt solche Gedankenspiele: Wer bin ich? Warum bin ich hier? Welchen Sinn hat das alles? Den Engländer quälen diese Fragen weniger, er würde bestenfalls wissen wollen: Who cares? Da ist er deutlich pragmatischer veranlagt. Also wurde ich neugierig, welche Antwort denn Hamlet erhalten hat? Und das ist nun wirklich erhellend. 

König Hamlet hadert mit sich und dem Schicksal. Was soll er machen. Die ‘Kalamitäten’ des Alterns quälen ihn? Er fürchtet den Tod und spielt gleichzeitig mit dem Gedanken an Selbstmord. Fragend und hilfesuchend wendet er sich an die Nymphe Ophelia; Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage. Und was antwortet sie? Good my lord, und wie geht es Ihnen sonst so? Und Hamlet weiß nichts anderes als well, well, well zu stammeln. Fertig, das war’s! Näher geht Ophelia auf die Schicksalsfrage nicht ein. Die Handlung geht nahtlos weiter, ganz alltägliches Geschehen wird gezeigt. Englisches Understatement in Reinkultur. Bitte niemals jammern, immer daran denken, dass der andere gut unterhalten werden will. Und vor allem keine persönlichen Probleme mitteilen. Das mag der Engländer nicht, da flackert ihm kurz die Lampe im Gehirn. So etwas drückt ihm gewaltig auf die Stimmung. Schließlich will er sich doch amüsieren.

 

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Wohl die bekannteste Hamlet Szene; hier mit Jonathan Singer (rechts 😉

 

George ist von meinem Theaterwissen schwer beeindruckt. Inzwischen hat er es geschafft sich anzuziehen, also kann der Tag beginnen. Weil ich mal wieder freiwillig auf Diät bin, kümmert er sich lieber selbst ums Frühstück. Das ist immerhin die Hauptmahlzeit des Engländers und da reicht ihm mein Vorschlag nicht:  Ungesüßtes Müsli? No, thanks!

Seine Auswahl ist besser: Rolls in poppy seeds? Or sesam, pumkin, caraway seeds? Or in melted cheese? I can bake it with sweet raisins. Or sprinkled with sugar, nuts or grains? Schon steigt mir der Duft der frischen Backwaren in die Nase und alle guten Vorsätze sind dahin. Jetzt noch fingerdick Marmelade aufs Brötchen und viel Sahne in den Kaffee. Das weckt die Glückshormone. “Just the right thing to put the smile back on your face and restore your good mood. Let the diet goes out of the door.” Recht hat der Mann.