Die westliche Welt hat ihre innere Sicherheit auf die höchste Stufe geschraubt. Vor jeder Großveranstaltung muß abgewogen werden zwischen maximalen Schutz und minimaler Gefährdung der Menschen und wie reagiert da die englische Queen? Sie geht Straßenbahnfahren. Zusammen mit Ehemann Philip besuchte sie vor einigen Tagen Birmingham, um dort eine neue Station einzuweihen. In einem pinkfarbenen Mantel, unübersehbar, ging sie unerschrocken durch die Zuschauermengen, die sich trotz Regen gesammelt hatten. Philip hatte schlechte Laune, das kalte Wetter behagt ihm nicht und das sollte man ihm nachsehen. Der Herr ist 94 Jahre alt! Als die Ansagerin den ersten Zug mit den königlichen Fahrgästen per Lautsprecher abfertigt, schnarrt er los: “She should speak with English accent to be understood”. Na das kommt bei den Brummies aber gar nicht gut an. George, der gebürtige Birminghamer schüttelt den Kopf: “Oo cost expect posh english in Burminum?”, ich ahne was er meint, muß es aber nicht verstehen.

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Die Queen fährt Straßenbahn und setzt sich auf gleich mal auf den Fahrerplatz. Philip darf das nicht, steht gelangweilt herum und fängt prompt an zu quängeln.

In der letzten Woche regnete es in London täglich. Dann plötzlich kam über Nacht der Winter. Prompt fiel bei und die Heizung aus. Die Pumpe wollte partout nicht anspringen. Zum Glück hat George einen Installateur, der des öfteren im Labor lukrative Arbeiten ausführen darf. Er war bereit die Sache als Notfall zu betrachten und kam schon am nächsten Tag mit dem Ersatzteil. Ansonsten sind Handwerker, und ganz besonders Klempner, eine ganz rare Spezie auf der Insel. Mancher hat wohl schon Monate gewartet, bis er endlich wieder sein Bad benutzen konnte. – Schon erstaunlich wie schnell ein Haus kalt wird. Wir waren glücklich, dass der Kamin im Wohnzimmer noch immer funktionsfähig ist, wenn auch längst auf moderne Brennmittel umgestellt. Im Schlafzimmer war es mal wieder vorteilhaft, dass der Engländer eine Bettdecke für zwei bevorzugt. George hat genug Wärme, das reicht auch für mich.

Um den naßkalten Tagen in London ein Schnäppchen zu schlagen, habe ich mir einen Besuch in der National Gallery gewünscht, und zwar in der rückwärtigen Abteilung. Der vordere Teil wird wahrscheinlich von jedem Touristen gefunden, kommt man doch fast zwangsläufig am Trafalgar Square vorbei, und die helle Fassade am Ende des Platzes, mit den mächtigen Säulen, ist die Nationalgallerie. Dahinter versteckt sich eine zweite Galerie, die weniger bekannt ist. Und selbst George gelingt es nicht den Eingang zu finden. Wir laufen einmal um das ganze Areal herum und stehen immer nur vor verschlossenen Türen. Gut dann eben über den Haupteingang, hoch die Treppen und rein ins Museum. Eintritt, wie immer kostenfrei! Im Inneren des Hauses schlagen wir uns durch bis wir endlich die National Portrait Gallery betreten. 

Während vorne die schönsten und kunstfertigsten Gemälde aller großen Maler zu finden sind, hängen hinten ausschließlich Porträts. Sie sind nicht immer von bester künstlerischer Qualität aber stets zeigen sie die Person so lebensecht wie möglich. Von Persönlichkeiten des letzten Jahrhunderts findet man natürlich auch Fotografien. Die Bilder sind zeitlich zugeordnet und schon bald hat man das Gefühl einer realen Begegnung. Hier sind alle bekannteren Persönlichkeit der Weltgeschichte versammelt, natürlich besonders viele Briten. Noch nie konnte ich so vielen Prominenten in die Augen sehen kann. Der Besuch hat sich gelohnt, ich war noch lange danach sehr beeindruckt. – George freut sich über seine Selfies mit Isaac Newton und Francis Crick (engl. Mediziner).

Statt in der National Gallery zu essen, es gibt dort gleich mehrere Restaurants, schlendern wir ein paar Straßen weiter und finden einen der urgemütlichen Pubs mit dem Namen Edgar Wallace. Die Wände hängen voller Fotografien von Schauspielern, viele signiert, daneben alle Filmposter. Auf der Fensterbank stehen Bücher, alles was Wallace jemals geschrieben hat und manch anderer Krimi. Man darf nach Herzenslust schmökern. Wir essen Fish & Chips und trinken dazu ein Bier. Ein real ale, dh. es wird mit Handpumpen und reiner Luft gezapft. Keine Kohlensäure treibt den Hopfensaft aus den Fässern in das Glas. Das ist viel bekömmlicher als die Flaschenbiere.

Als George die Haustür aufschließt empfängt uns wohlige Wärme. Die Pumpe funktioniert, der Winter kann kommen. In den Nachrichten wird mal wieder eine Erkenntnis verbreitet, die nicht ganz neu ist: Menschen, die zwei Sprachen sprechen, bleiben geistig länger fit. Dasselbe gilt für ältere Leute, die noch einmal die Universität besuchen oder sich zu einem Volkshochschulkurs eintragen. Der geistige Schmier-Effekt ist ähnlich hoch wie bei Menschen, die sich dazu aufraffen doch noch ein Instrument zu erlernen. Das ist alles nicht neu und überrascht mich nicht. Aber das Bild das man dem Artikel zugeordnet hat, macht mich schon stutzig:

 

zweisprachig
Das ist ja Deutsch! Neue und alte Rechtschreibung. Der Engländer hält es für zwei Sprachen und spricht von bilingual education. Eigentlich hat er damit Recht.

 

Seit des Terroranschlags in Paris rückt Deutschland in den Blickpunkt der Presse. Erst berichtete man über deutsche Ausländerpolitik, schwenkte dann aber bald auf amüsantere Themen um. So erfuhr ich erst aus den englischen News über ein neues Gesetzt, gültig für Hauskater (!), dass die jetzt auch dem Leinenzwang unterliegen. Da heißt es: Either castrate your cat or don’t let him out of the house. Ich zeige es George und will seine Einschätzung wissen. Soll das nur für Kater gelten oder wäre es für alle Tomcats eine gute Empfehlung? Your decision. No risk, no fun. 

Das hat sich wohl auch ein junger Mann gesagt, der auf dem Fahrad durch London radelte. Als ihm ein gut gekleideter Gentleman entgegenkommt, zeigt er ihm ganz ungeniert den S….finger. Die Pointe an der Geschichte ist, dass der junge Mann genau wußte, wer ihm da in die Quere kommt. Es war Boris, der Bürgermeister von London. Der nimmt es sportlich. Wie soll man auch in einer so kurzen Zeit dem Top-Politiker und möglichen nächsten Premierminister klar machen, dass man seine Partei nicht mag.

 

boris
Boris Johnson ist es gewohnt, dass nicht alle die Tories lieben. Geboren wurde er in New York und inzwischen ist er Bürgermeister von London.