Es kommt nicht oft vor, dass sich London in eine Schneedecke hüllt. Lange hält die weisse Pracht nie an und jedesmal ist es eine Sensation. Kaum ist die erste Schneeflocke gelandet wird das Ereignis als ‘Breaking News’ live gesendet. Vorbereitet ist niemand, die Autofahrer rutschen auf ihren Sommerreifen über die Kopfsteinpflaster der alten Straßen, die Fußgänger gehen noch ein bißchen schneller als üblich, weil sie nur im Anzug/Kostüm unterwegs sind und die Pferde der Polizei und Guardsmen balanzieren auf ihren glatten Hufeisen durch die Straßen. Zum Glück bleibt es bei kleinen Ausrutschern und am nächsten Tag ist der ganze Winterzauber auch schon wieder vorbei, weil über Nacht warme Luft aus dem Südwesten herangerollt kam. Der nahe Golfstrom macht es möglich.

 

 

Der Engländer ist erstaunlich kälteresistent. Das lernt er schon in jüngster Kindheit, denn viele Leute müssen sparen und da fängt man gerne bei der Heizung an. Laut amtlicher Statistik liegt die Durchschnittstemperatur im Londoner Wohnzimmer zwischen 15-17 Grad Celsius. Das ist mir zu kalt und auch mit wooly knickers nur schwer erträglich. Den reicheren Kindern geht es nicht besser, so ein Landhaus mit einigen dutzend Zimmern ist auch nicht wirklich warm zu halten. Und George versicherte mir, dass die englischen Internate keine Ausnahme sind. So lässt es sich erklären, dass man in London ganzjährig Menschen in kurzen Hosen sieht. Weder Männer noch Frauen kennen Wintermäntel oder Mütze. 

 

Ein Mann auf dem Heimweg. Wie inzwischen sehr viele, nutzt er sein Fahrrad. Der Schnee mag ihn überrascht haben, aber er radelt munter in Shorts durch die Strassen der City. Ein gewohnter Anblick auf der Insel.

 

Jahrelange Beobachtungen haben mich davon überzeugt, dass der Engländer ein großes Vergnügen am Ausziehen hat. Ich weiß nicht, ob es das Nacktsein ist, oder die kühle Luft auf der Haut, die ihn in Hochstimmung versetzt. Jedenfalls nutzt er jede Gelegenheit, um seine Kleidung loszuwerden. Abends im Pub wird man immer jemanden sehen, der sich wenigsten bis auf das Unterhemd entkleidet hat oder unter dem Tisch die Hose fallen liess. Weil er das wenig später vergessen hat, wird er in seinen pants nach Hause gehen und sich dort peinlichen Fragen stellen müssen. Andererseits habe ich auch erfahren, dass der Engländer, jedenfalls der Mann, eher sehr schüchtern ist, sobald man mit einem Flirt beginnt. Da weiss er nicht, wo er die Hände lassen soll und kriegt kein Wort heraus. In solchen Situation gibt er sich bis zu den Ohren zugeknöpft, aber schon im nächsten Moment kann es passieren, dass er sich seiner Kleidung entledigt. Ist es vielleicht der Angstschweiss? Oder ist er einfach heißblütiger als die Männer auf dem Kontinent, wie er uns gerne bezeichnet. “Do you come from the continent?” “Yes, I’m home in Europe and you? In which continent do you live?” “Ugh, England? I mean here on the island.” Das ist kein perfekter Starter und vielleicht treibt ihm die Erkenntnis darüber die Hitze ins Blut?

Vielleicht irre ich mich, vielleicht habe ich die falschen Pubs besucht oder bin stets Engländern begegnet, die atypisch sind. Wer weiss? Allerdings wird meine Vermutung nächste Woche eine kräftige Bestätigung erhalten. Dann findet nämlich zum zehnten Mal der ‘No Trousers on the Tube Day’ statt. Ein Event der besonderen Art, in Deutschland schwer vorstellbar. In London inzwischen ein beliebter Jux. An diesem Tag, 13. Januar, werden wieder zahllose Männer (und ein paar Frauen) ohne Beinkleid in der U-Bahn unterwegs sein. Die Sache startet am frühen Nachmittag (14:30 Uhr) auf dem Trafalgar Square, direkt vor der National Gallery. Dort sammelt man sich, zieht die Klamotten aus und marschiert zur Underground, um ein paar Stationen durch die Gegend zu fahren. Später trifft man sich wieder unter Nelson’s Statue und steuert dann den Chandos Pub an. Man betont den Spass und will auf keinen Fall Ärger verursachen. Niemand soll sich belästigt fühlen. Deshalb die dringende Aufforderung der Veranstalter, nichts durchsichtiges oder hautenges unten drunter zu tragen. Es soll aber auch nicht so labberig sein, dass womöglich etwas herausfallen könnte. So steht es wörtlich im Handzettel. Und wer nun fürchtet, die meist jungen Teilnehmer könnten sich den Tod holen, sei getröstet. Die U-Bahnen sind immer sehr warm, oft Sauna ähnlich. “The trouserless part of the event is all underground, and it is warm down there. The only chance you’ll have to be cold is when we meet up at Trafalgar Square at the beginning and when we walk to the pub at the end.”

 

Foto vom letzten Jahr. Getwittert von Jimmy Avanger. – Wetten, dass sie abends noch einmal die Hosen fallen lassen? Der Weg vom Pub nach Hause wird unter Garantie mit bloßen Beinen stattfinden. Am nächsten Morgen kann man sich dann an nix mehr erinner. But we all had a great laugh.