Gott sei Dank! London ist aus dem Sommerloch aufgetaucht. Die Touristen packen ihre Koffer und die Cockneys kehren in ihre Stadt zurück. Man merkt es an jeder Ecke, der absurde Witz ist wieder da. Die drögen Wochen (und damit meine ich ausdrücklich nicht das Wetter) sind vorbei.

Beispielsweise am frühen Freitag Nachmittag konnte man einen Engländer auf der Mall, mitten in der Stadt, sehen, der am Umziehen war. Er organisierte den Möbeltransport selbst, da spart man viel Geld.

umzug

Die englischen Zeitungen berichten in diesen Tagen schwerpunktmäßig über die Flüchtlingswelle, die über Europa hereingebrochen ist. Dem Thema kann man nun wirklich nichts Heiteres abgewinnen. Viele Deutsche verstehen nicht, dass die Engländer sich nur zögernd solidarisch zeigen. Ich will das Thema hier nicht diskutieren, aber ein paar aktuelle Zahlen nennen, die vielleicht dem einen oder anderen unbekannt sind:

  Einwohner Dichte Ausländer
London 8,54 Mio. 5.432 Einwohner/km² 22%
Hamburg 1,76 Mio. 2.331 Einwohner/km² 14%
Berlin 3,46 Mio. 3.887 Einwohner/km² 15%

Und noch eine Zahl, die vielleicht überrascht. Londoner mit weißer Hautfarbe machen inzwischen weniger als die Hälfte der Bewohner aus. Ca. 55% der Londoner sind dunkelhäutig. Stammen sie aus dem weltweiten Commonwealth, gelten sie nicht als Ausländer.

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Shoreditch High Street. Das East End von London ist bunt und lebendig.

Wenn Sie also einmal hautnah erleben möchten, was eine multikulturelle Bevölkerung tatsächlich bedeutet, dann besuchen Sie auf jeden Fall das östliche London. Dort leben und arbeiten traditionsgemäß die Zugewanderten. Es sind die Stadtteile Spitalfields, Bethnal Green und Shoreditch, die unmittelbar an die City of London grenzen, also auf Höhe der Tower Bridge beginnen. Das bunte East End ist nicht kilometerweit außerhalb gelegen und wurde deshalb auch nie zu einem Ghetto. Ganz im Gegenteil. Hier ist die Stadt lebendig, erhält ihre besten Impulse und wird abends gerne besucht, um beispielsweise die exotische Küche zu probieren. Keine Frage, das East End ist auch ein sozialer Brennpunkt, aber das lässt sich in keiner Großstadt vermeiden, es sei denn man lässt nur noch die Reichen dort wohnen.

Zurück zum alltäglichen Londoner Treiben. Es ist wie immer absurd. Wie überall muß gespart werden, der öffentliche Haushalt ist ausgeschöpft. Jeder Minister ist aufgefordert worden, seine Ausgaben zu minimieren. Und das traf dann auch die Polizei. Man hat den Rotstift bei der Beschaffung neuer Dienstfahrzeuge scharf gespitzt. Ab sofort werden kleinere Modelle gekauft. Statt des teuren BMW oder Opel Insignia, fährt man künftig mit dem Vauxhall Corsa (Vauxhall = Opel).  Das erschwert das Verfolgen von Verbrechern erheblich, denn der Corsa ist nicht der schnellste. Richtig blöd finden die Polizisten aber die Entscheidung, dass man die Autos zwar mit Blaulicht aber OHNE Sirene ausgestattet hat. Damit ist ein Fahren außerhalb der Verkehrsvorschriften unmöglich. Falls Sie sich also auf der Flucht befinden sollten, fahren Sie einfach beherzt über die nächste rote Ampel. Die Polizei muß und wird stehenbleiben.

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Schlagzeile: Police cars without sirens are ‘risking lives’, say officers

Ein weitere Entscheidung toppte die Sache noch. Eine Sparmaßnahme die mich  geradezu elektrisiert. Ganz tricky und legal will man Kfz-Steuern sparen, indem man Einsatzfahrzeuge künftig als Privatautos deklariert. Aus unerfindlichen Gründen, sind in dem Fall keine Steuern fällig. Also bietet man Inspektoren und leitenden Mitarbeitern bei Polizei, Feuerwehr und Notdienst voll ausgestattete Dienstfahrzeuge zum Kauf an. Die Wagen haben Blaulicht, Sirene, Funk usw. Es sind leistungsstarke Limousinen. Die Halter müssen aktiv im Dienst sein und dürfen die Sonderausstattung auch nur dann nutzen. Bei privaten Fahrten ist es ihnen strengstens untersagt Sirene oder Blaulicht anzumachen.

Jetzt bin ich ja schon ganz aufgeregt, wann ein solches Auto bei George in der Garage steht. Ich werde ihn Tag und Nacht anbetteln, damit eine Spritztour machen zu dürfen. Aber er schüttelt nur den Kopf und bietet alternativ seinen verbeulten Transporter an. “How about using the van. Might be better for you?” Okay, ich habe verstanden und halte den Mund.

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Der wohl schnellste englische Polizeiwagen, ein McLaren. Ob er mich mal fahren lässt? Leider nicht echt. Er wurde für eine Motorshow beklebt.

Auch für die Queen gilt ‘back in office – and business as usual‘. Sie war nicht wirklich verreist, aber man gönnte ihr viel private Zeit während des Sommers. Jetzt steht das inoffizielle Jubiläum unmittelbar vor der Tür und auch wenn die Königin immer wieder sagt: “Macht bitte kein Faß auf” warten alle sehnsüchtig auf den Mittwoch. Then she overtakes her great-great-grandmother as Britain’s longest-serving monarch. So lautet die Nachricht.

Die Queen wird eine Ansprache an ihr Volk richten (sehr außergewöhnlich), sie wird den Abend mit William und Kate und den Enkeln George und Charlotte auf Schloß Balmore verbringen. Sohn Charles ist nicht anwesend. Ein klarer Hinweis auf die Zukunft der Monarchie. Wie so oft bei ganz besonderen Anlässen, hat sie ein kleines Stück aus ihrem privaten Leben bekanntgemacht; eine Geste die vom Volk begeistert aufgenommen wird, denn man fühlt sich sofort ihres Vertrauens sicher. Die Queen ist bekennender Fan der TV-Serie Downtown Abbey. Sie fiebert schon der letzten Staffel entgegen, die noch im September auf BBC startet. Jede Folge wird von ihr sehr aufmerksam und kritisch verfolgt. Sobald sie etwas entdeckt, dass nicht stimmig ist, wird es registriert. Mal entdeckt sie einen Orden an einer Uniform prangen, der zu der Zeit noch gar nicht verliehen wurde, oder eine Plastikflasche auf einem Kaminsims stehen. Auch das war in den 20-er Jahren noch nicht erfunden. Sie kennt das Haus, das als Filmkulisse dient, persönlich und freut sich an jedem Detail, das nicht echt ist. Ob sie wohl auch Leserbriefe schreibt? 

Wir werden den Tag ein bißchen feierlicher als einen üblichen Mittwoch begehen. Nachmittags werden wir zu einem High Tea erwartet. Das ist ein sehr stilvolles Kaffee- oder Teetrinken mit Kuchen, Sandwiches, Scones und Mint-Chocolate. Das macht sehr viel Spaß, fängt bei der Auswahl der Kleidung an und endet beim gut vorbereiteten und letztlich doch spontanen Small-Talk. Wenn alles gut läuft tankt man für Tage gute Laune auf. 

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Der High-Tea ist etwas ganz Besonderes. Trotzdem kann man ihn jederzeit auch in Hamburg geniessen. Laden Sie sich einen ganz lieben Menschen zum Kaffee ein, gehen Sie mit ihm/ihr in die Stadt, zum Hotel Vierjahreszeiten und besuchen sie das dortige Café Condi in der ersten Etage. Nehmen Sie einen Tisch am Fenster mit herrlichen Blick über die Alster. Genießen Sie den Kaffee, den Kuchen, die Bedienung, das Ambiente mit allen Sinnen. Das ist High Tea. – Ich kann mir die Condi auch nicht jeden Tag leisten, aber für zwei- bis dreimal im Jahr reicht es. Und das ist auch genug, denn es soll ja etwas ganz Besonderes sein.

Ein königliches Dienstjubiläum in Zahlen:

Regierungszeit (am Mittwoch) 23.226 Tage Enkelkinder 30
Schiffstaufen 23 Schirmherrschaften 620
offizielle Porträts (Gemälde) 129 eigene Corgies 30
Überseebesuche 270 Gäste auf ihren Gartenparties 1,1 Mio.

Congratulations and all the best for the future!