Zwischen dem gemütlichen Hampstead, wo George lebt, und dem fast schon zentral gelegenen Regent’s Park, liegt Camden (-Town). Es ist das klassische Londoner Studentenviertel. In den letzten Jahren zogen aber auch hier die Mieten mächtig an. Die “Studenten” wurden merklich älter, weil die meisten wohl längst ihren Abschluss in der Tasche haben.

camden-market
Auf dem Camden Market ist immer Betrieb

Rund um Camdens High Street, findet täglich der Camden Market statt. Aber erst am Wochenende ist hier richtig was los. Dann ist schon am frühen Vormittag kein Durchkommen mehr. Danach steht uns der Sinn, auch wir wollen uns  in’s Gemenge  wühlen. Also ziehen wir am frühen Samstag los.

Auf die vielen Menschen reagiert das Londoner U-Bahn Management wie immer ganz pragmatisch. Man sperrt einfach die tube-station Camden Town zwischen 12:00 – 18:00 Uhr. Ganzjährig, an jedem Wochenende. Wer in die City will muß zum nächsten Halt Mornington Crescent gehen und das ist eigentlich eine kluge Entscheidung. So muß man nämlich die Camden High Street entlang und sieht dabei viel Interessantes. Wie so oft liegen die beiden Bahnhöfe nahe beieinander und es dauert kaum fünf Minuten von einem zur anderen.

camden-station
Am Wochende wegen zu großer Nachfrage geschlossen. London-Logik. – Ich denke in den tube-stations immer in Hamburg zu sein. Die Ähnlichkeit ist groß.

Nicht nur in Camden, sondern auf allen Londoner Märkten, -und es soll viele geben-, ist Handeln angesagt. Feilschen was das Zeug hält. Da habe ich noch Lernbedarf. Die erste Lektion lautet, erstmal einen Überblick verschaffen. Wir ziehen also unsere Kreise zwischen T-Shirts, Sonnenbrillen, Samtjacken, Bücher, Platten und Schmuck. Auch Kunst, Möbel und Schuhe werden angeboten.

Als das Gedränge immer wilder wird und die Londoner längst gegenüber den Touristen in Unterzahl geraten sind, habe ich genug. Statt bummeln ist jetzt praktischer Einkauf mein Programm. Das erledigen wir bei Sainsbury’s. Deren Angebot ist auch für eine Großstädterin, wie ich es bin, schlichtweg erschlagend.

Aber das ist kein Problem, denn George scheint sich auszukennen. Er steuert zielsicher die richtigen Gänge an. Diese Supermarkt Filiale soll eine der größten in London sein, geöffnet von 6:00 bis 24:00 Uhr. Täglich. Auch am Sonntag. Mit gut gefüllten Einkaufswagen reihen wir uns schon bald in eine der queues vor der Kasse ein. Das ist alles nicht weiter spannend.

sainsbury
Die Ladenkette Sainsbury’s hat in Camden ihre größte Filiale

Interessant wird es erst, wenn man einen kleinen Einkauf tätigt. So wie wir es letzte Woche machten. Dann bieten Englands Supermärkte den self-service checkout. Ein Angebot für den eiligen Kunden. So oder ähnlich wird es jedenfalls angepriesen. Ich glaube aber eher, es ist ein versteckter Sprachtest für Fremde. Auf jeden Fall sind diese Kassenautomaten ein Erlebnis der Sonderklasse und falls Sie jemals irgendwo einen entdecken, benutzen sie ihn. Sie sollten allerdings Zeit mitbringen …

Self-service checkouts sind Kassenautomaten. Statt die eingekaufte Ware auf’s Laufband zu legen, darf der Kunde selbst kassieren. Das hört sich doch spannend an. Ich steuer also auf die Automaten zu und George trottet kommentarlos mit. Das deute ich als “everything is fine“.

self_checkout
Rechts der automatische Kassenbereich. Dort kassiert man selbst.

An der Selbstbedienungskasse sind so viele Hinweisschilder montiert, dass ich einfach nicht weiß, wo ich mit lesen anfangen soll. Hier wird dem Kunden die Welt in bunten Bildern erklärt. Wo aber steht was ich jetzt machen soll???

Und wo ist George??? Er scheint sich in Luft aufgelöst zu haben. Also mache ich es jetzt mal alleine. Das wird ja nicht so schwierig sein; schließlich habe ich es auch geschafft ein Flugticket aus einem Automaten zu ziehen und bin ohne jede weitere Nachfrage im richtigen Flieger gelandet.

Das Prinzip ist simple. Links den Warenkorb abstellen, dann EINZELND jedes Teil scannen, wobei es auch gleich gewogen wird, dann die Sachen in Tüten auf einer rechts angeordneten Ablage verstauen. Auch hier ist eine Waage aktiv. Schlau! Auf diese Weise wird kontrolliert. Stimmt das Endgewicht mit dem Anfangsgewicht nicht überein, dann hat der Kunde geschummelt. “Shop lifting” nennt man das in England.

Also bloß nicht irgendwo gegen kommen oder sich gar aufstützen. Auch nichts mal eben ablegen. Alles führt unweigerlich zum Tatbestand des Betrugs und wird ausnahmslos als älteste Ausrede der Welt gewertet.

Und ganz wichtig, noch vor Beginn, muß dem Automaten mitgeteilt werden, ob man eine selbst mitgebrachte Tasche nutzen will. In dem Fall muß der “I use my own bag” Button gedrückt werden. Für solche Details habe ich jetzt keinen Nerv, Umweltschutz hin oder her, ich nehme die angebotenen Plastiktüten.

Bei aller technischen Raffinesse steckt natürlich auch hier der Teufel im Detail. Ein Päckchen Kaugummi, eine Packung Kondome oder ein Bund Petersilie sind für die Waage zu leicht. Da wird die untere Reizschwelle nicht angesprochen und nichts passiert. Dumm nur, dass das fehlende Gewicht einzelner leichter Artikel in der Summe dann doch mitgezählt wird. Schon geht der ohrenbetäubende Alarm los. Die Sirene heult und ein “traffic light” beginnt zu rotieren. So können auch weit entfernt stehende Kunden leicht ausmachen, wer da gerade zu blöd zum Einkaufen ist.

Der einzige der nichts hört, ist George. Er hat mir vor Losgehen seine Kreditkarte gegeben und damit aus seiner Sicht auch gleich jede Zuständigkeit abgegeben.

Eigentlich sollte jetzt, nachdem ich den ear-splitting alert in Gang gesetzt habe, ein helping service kommen. Aber weil auch bei anderen Kunden, -es gibt mehrere self-service checkouts-, zeitgleich die Alarmleuchten pulsieren, sind gerade keine Berater abkömmlich. Es dauert ein bißchen, aber dann kommt ein junger Mann, der das Geheul abstellt.

Er ist überaus freundlich, packt einige Sachen nochmals auf den Scanner, andere sortiert er von links nach rechts, dann wieder zurück, dabei redet er die ganze Zeit auf mich ein und gibt lächelnd Auskunft, damit ich den Kassiervorgang alleine fortsetzen kann. Dummerweise verstehe ich ihn nicht, er spricht wohl auch eine Art Englisch. Ich höre es zum ersten Mal. Vielleicht stammt er aus Wales oder Schottland? Australien wäre auch denkbar.

Mein ganz persönlicher all-you-want-helper bleibt nach wie vor verschwunden. Aber mein Einkaufskorb hat sich schon ziemlich geleert. Da werde ich den Rest auch noch alleine schaffen. Also weiter mit den Brötchen. Ach du Sch… ! Bugger it! Da ist ja gar kein Barcode dran. Und jetzt???

Ich drücke einen Knopf mit der Beschriftung “call for help” und schon fängt das traffic light of doom wieder an zu drehen. Die Sirene heult erneut los.

Diesmal kommt der walisische Schotte mit australischen Akzent schneller zu mir. Ich halte ihm die Brötchentüte vor die Nase und ziehe die Schultern hoch. Auch er wechselt in’s Nonverbale und zeigt auf einen seitlich montierten Monitor, der mich an die elektronischen Obst-Waagen in deutschen Supermärkten erinnert. 

code
Wo soll ich drücken???

Hier muß ich einfach meine Brötchen auswählen und schon kann ich weiter kassieren. Dumm nur, das einige hundert Artikel in dieser e-Hilfe gespeichert sind. Theoretisch einfach zu finden, denn es gibt eine A-Z Vorauswahl. Wenn man aber gerade nicht so genau weiß, ob es denn nun “bagels JS loose“, “twist cheese” oder doch “croissants” sind, steht man auf dem Schlauch *). Und im letzten Fall muß ich mich noch entscheiden, zwischen “almond” oder “JS CHC/HZL“???

*) Witzig: George würde sagen “lost in the tube world”. Nicht seine Erfindung. Die Formulierung sagt viel, eigentlich alles, über die Londoner U-Bahn aus.  

Zurück zur Automatenkasse, wo ich noch immer mit meiner Brötchentüte stehe, die ich leider selbst essen will. Anderenfalls würde ich sie jetzt quer durch den Shop werfen, mit dem stillen Wunsch damit endlich George’s Aufmerksamkeit zu wecken. HILFE! Please, please, oh god, please …

Damit es weiter geht drücke ich einfach die nächst beste Taste, die mir einen Artikel zeigt, der mir preislich angemessen erscheint. Zum Glück habe ich keinen Alkohol gekauft, sonst würde die Kasse losplappern: “Are you underage? Let me call for assistance.” Mancher hat da schon den Schraubverschluß abgedreht und erst einmal einen Schluck genommen.

Dann, endlich, ist es geschafft. Meine Ware ist komplett von links nach rechts gewandert. Jetzt muß ich nur noch bezahlen. Wieder stellt mich der Automat vor die Wahl: coins or card? Ganz klar Karte, alleine schon deshalb um George auf diese Weise an der Einkaufsaktion zu beteiligen.

Ich drücke auf das Kartensymbol und der Monitor reagiert sofort: “Great offers. Do you want to purchase any of our promotion items? YES/NO?” Arrgghhh!!!” Wo bitte ist der Knopf “DIE“??? 

Wenn George auch nur einen Funken Telepathie zu mir hält, sollte er in diesem Moment nicht wieder auftauchen. – Nun, das scheint er zu haben.

An dieser Stelle des Kassiervorgangs wird es spannend. Hört man jetzt ein “unexpected item in the bagging area” dann hat man gerade die rote Karte vom Automaten gezeigt bekommen. Der niederschmetternde Hinweis ertönt so oft, dass er inzwischen zum beliebten T-Shirt Spruch erwählt wurde. Draußen, auf dem Camden Market, wird man solche Hemden kaufen können.

Aber mir ist das Glück hold. Der Kassenautomat gibt nach und erklärt sich bereit die Geldkarte zu lesen. Jetzt bloß nicht zu früh rausziehen, denn dann geht sofort wieder das traffic light an und der Automat tönt für alle hörbar: “card declined“. An dieser Stelle des Einkaufs wurden schon Kunden gesehen, die wild um sich schlugen.

Aber alles geht gut. Und schon steht George neben mir. Aufgetaucht aus dem Nichts. “Do you know, that you can mute the audible alarm? There’s a button, right there, at the bottom.” Gut, dass man mir schon öfter sagte, dass alle Deutschen Klugscheisser sind. So fehlen mir jetzt wenigstens nicht die Worte.

Endlich wieder Zuhause wird sofort der Teekessel aufgestellt und dann gibt es ein zweites Frühstück. Ich frage George wo er die ganze Zeit war, als ich mich mit dem blöden self-service abgequält habe? Er grinst. Es war wohl eine Art Test und klärt mich auf: “New research suggest 48% of Britons think self-service checkouts are a nightmare. So if you can do that, then you have arrived. I’m proud of you.” Na, das ist doch ganz nett. Ja, es ist sogar sehr nett, denke ich mir, und schon lasse ich ihn vom Croissant abbeissen.

1 Kommentar

  1. Excellent post. I used to be checking constantly this blog and I’m inspired! Extremely helpful information specially the remaining part I care for such information a lot. I used to be seeking this particular information for a very long time. Thank you and good luck.

Comments are closed.