Sommerzeit ist Urlaubszeit. Sommer? Ist das nicht noch ein bißchen hin? Laut Kalender dauert es noch gut sechs Wochen, aber ich orientiere mich an einer sehr viel älteren Zeitrechnung, die zwei Sommer kannte: einen im Mai, der sich symbolisch immer um junge Paare, Liebende rankte und einen im Juni, der die Hitze brachte. Auch die chinesische Fünf-Elemente-Lehre kennte diese beiden Phasen und unterscheidet sie als Feuer- und Erdeelement.

Mein Engländer kennt auch beide Sommerzeiten und will sie dieses Jahr nahtlos nutzen. Ein langer Urlaub ist geplant.

Dass wir im Monat Mai die Liebe feiern (Maisprung, Maibaum, Pfingstsingen …) hat mir ein Drosselpärchen in der letzten Tagen nur allzu deutlich gezeigt. Direkt vor meinem Fenster baute der Drosselmann tagelang ein Nest. Es wuchs von Tag zu Tag und hatte bald schon eine beachtliche Größe. Er brachte nicht nur Zweige und weiches Moos zur Baustelle, sondern transportierte auch ganze Bauteile in’s neue Heim. Sie dienten der Isolation (Folie!) und der Wärme (Pappe).

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In drei Tage war das Nest gebaut. Gegen Wind und Regen geschützt.

Ich ließ den Vogel gewähren, denn ich hatte das Nest erst entdeckt, als es bereits eine gemütliche Halbkugel war. Wenig begeistert war ich über den “Bauschutt”, der auf dem Boden landete und leicht für ein zweites Nest gereicht hätte.

Gestern war die Drosselfrau eingezogen. Sie saß im Nest, weich gepolstert und gegen Regen und Wind gut geschützt. Ich dachte sie würde Eier legen. Aber heute morgen war sie verschwunden und tauchte auch nicht wieder auf. Irgendetwas schien ihr nicht zu gefallen. – Wenn ich mich nicht täusche, wird inzwischen an anderer Stelle neu gebaut. Hoffentlich nicht wieder umsonst.

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Kein Ei wurde gelegt. Die Drosselfrau hat das Nest verlassen.

Typical woman!” war alles was George dazu einfiel. Nur so dahingesagt oder eine Botschaft an mich? Habe ich mich eigentlich über das Haus in Wohldorf gefreut? Nun ja, ich habe meine Begeisterung wohl ganz gut getarnt, indem mir ein kluger Einwand nach dem anderen einfiel: Ist das nicht viel zu aufwendig? Zu teuer? Zu abgelegen? Zu selten bewohnt? Zu groß, zu klein? Zu …

Das Drosselpärchen hat mir wahrscheinlich gerade zum richtigen Zeitpunkt eine wichtige Botschaft gebracht. Ich werde sie beachten, wenn George mir in den nächsten Wochen zeigen wird, wie man aus einem toten Holzstamm eine Figur schneidet, warum Bienenzucht auch ohne Hilfsmittel im eigenen Garten klappt und auf welcher Philosophie die Kunst des Aikido basiert. Der Mann hat deutlich mehr Interessen, als ich bisher wahrgenommen habe. Da erwarten mich noch einige Überraschungen.

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Hoffentlich hält die Smartphone-Batterie. Sonst sind wir verloren.

Und dann freue ich mich auf lange Touren durch die Natur. Da sind wir auf einer Wellenlänge. Wie gehören zu den wenigen, die schweigend im geistigen Einklang durch die Wälder und Wiesen streifen können. Da sind wir so eng beieinander, dass es keines Wortes bedarf. Leider sind wir uns allerdings auch beide recht ähnlich, wenn es um die Orientierung geht. Schnell vergessen wir den Weg und das Kartenlesen ist eher Glückssache. Wir nutzen gute Wander-Apps. Da verlassen wir uns ganz auf  Smartphone & Co.  

Was immer wir auch machen werden, eines ist abzusehen, ich werde in diesem Sommer nicht oft in London sein. Und deshalb klappe ich mein Tagebuch hier erst einmal zu. Als ich an einem der ersten Januartage meinen ersten Bericht schrieb, war ich mir ziemlich sicher, dass es auch der letzte sein wird. Jetzt ist in wenigen Monaten ein kleines “Buch” daraus geworden. Ein schönes Ergebnis.

 Genießen Sie den Sommer. Bye-bye.