Goldener Oktober

Was für ein tolles Wetter! Die Sonne lacht am blauen Himmel. Buntes Herbstlaub zaubert Farbe in die Gärten. Wer da kein Kitzeln im Bauch fühlt, dem ist auch nicht mehr zu helfen. George gehört zu den Menschen, die (fast) immer gutgelaunt am frühen Morgen aus dem Bett springen. Er behauptet im letzten Jahr wäre es noch anders gewesen, aber ich halte das für ein sehr gut geschwindeltes Kompliment. Er darf es gerne und jederzeit wiederholen. 

Unter der Dusche, schäumend, singt er mir ein Ständchen: “It’s alright, it’s OK, doesn’t really matter if you’re old and grey”. Das gilt doch mir, oder? Eine simple Melodie aber ein Ohrwurm. Man wird ihn nicht wieder los. Noch am Nachmittag summe ich beim Einkaufen: “It’s alright, doing fine, doesn’t really matter if the sun don’t shine.”

 

Gummistiefelzeit

Prince William, Kate und Prince Harry haben vielleicht ähnliches erlebt, als sie Anfang der Woche in der Bafta* Zentrale in London waren. Es hatte wohl Shaun das Schaf eingeladen und ganz sicher wurde wieder für einen wohltätigen Zweck gesammelt. Eine der Attraktionen war der welly throwing contest. Was soviel heißt wie Gummistiefel Weitwurf WettbewerbIm Schuhgeschäft würde man nach ein Paar wellington boots fragen, aber kaum hat man sie zuhause, spricht man nur noch von den wellies. Ob und was der berühmte Duke damit zu schaffen hat, entzieht sich meiner Kenntnis. Auf jeden Fall sollte man in England immer ein paar gute wellies im Auto haben, man braucht sie garantiert.
*British Academy of Film and Television Arts am Piccadilly Circus.

welly
Königlicher Gummistiefel Weitwurf am Piccadilly Circus.

Ich bin längst in der Küche. Die Kaffeemaschine blubbert zufrieden vor sich hin. George ist mit dem Duschen auch schon fertig, singt aber noch immer dieselbe Melodie:

“It’s alright, I say it’s OK, listen to what I say. It’s alright, I say it’s OK, getting to the end of the day.” Pfüüüüht, pfüüüüüüüüht, pfühhhhh.

Übrigens kennt der Engländer tatsächlich einen earworm aber catchy tune oder catchy song klingt viel besser. Während ich mit dem toasten noch warte, fällt mir eine Broschüre von der Oxford University in die Hand. Die haben sich mal wieder mit alltäglichen Banalitäten wissenschaftlich beschäftigt. Es muß da ein unerschöpfliches Budget für diese “Forschungen” geben. Die spannende Frage, die man ergründen sollte, lautet: Wieviel Berührung ist erlaubt? Wo und wie oft darf man Menschen anfassen, damit sie sich noch wohlfühlen? Also da hätten sie auch mich fragen können; da kenne ich mich aus.

Grundsätzlich mag der Engländer die Berührung nicht so gerne. Wenn Sie in offizieller Mission auf der Insel sein sollten, dann gehen Sie bitte sparsam mit dem Händeschütteln um. Einmal pro Tag und Nase reicht völlig. Und bloß nicht in die Augen gucken, dann kriegen Sie niemals eine Unterschrift.

Auch wenn der (wildfremde) Engländer Sie gerne als darling oder love begrüßt, bedeutet das gar nichts. Innerlich ist er unbeteiligt wie ein Stein. Deshalb antworten Sie auf so vertrauliche Bezeichnungen niemals mit einer Umarmung, auch nicht angedeutet. Jede Berührung ist beim ersten Treffen strikt verboten. Das gilt auch für das zweite bis hundertachtzigste Meeting … Warten Sie wenigsten ab, bis der Engländer Ihnen seinen NACHnamen (!) verrät, das kann allerdings dauern. Seeeeeehr dauern. Die Queen darf niemals angefasst werden, auch wenn sie das Vergnügen haben regelmäßig ihr Gast zu sein.

Ich brauche ein bißchen um die Grafik zu verstehen. Aha, das hat man nach Geschlechtern getrennt ausgewertet. Die Farben geben an, wo man eine Berührung aushält. Schwarze Stellen sind Tabuzonen. Außerdem sind die Grade der Beziehung abgestuft dargestellt. Alles klar. 

Ich schaue, staune, lache. Einiges ist mir ziemlich unverständlich, anderes so sonnenklar, dass ich den Satz meiner Mutter höre: “Dat weet mien Nachtmütz!”

 

female
Eigentlich keine Überraschung, die Frau mag von ihrem Partner überall gerne berührt werden, aber …

 

George kommt in die Küche. Wortlos und doch beste Laune verbreitend stellt er die Pfanne auf den Herd, holt Speck und Eier aus dem Fridge und demonstriert mir anschaulich wie ein Engländer den Tag beginnt. Noch immer pfeifend zeigt er auf die ‘Studie’ und bemerkt grinsend: Never kiss a stranger on the cheek. If you need touching, take me.

 

male
… der Mann schätzt die Berührung nur am Oberkörper??? Will er nur die Brusthaare begrabbelt haben? Und was ist mit seinem linken Bein? Fragen über Fragen stellen sich mir. – Und wieso hat Mann keine Tabuzone für fremde Frauen? Unfassbar.

 

Die Oxford-Wissenschaftler geben zum Besten, dass das Berühren extrem wichtig für human relationships ist. Ein Erbe der Schimpansen. Gegenseitiges Flöhen entspannt. Aber bitte zur rechten Zeit, am rechten Ort und vor allem mit dem richtigen Partner. Aha. Ich probiere es gleich mal aus und kneife George in den Südpol. It works, er ist überrascht, aber er läßt mich gewähren. Inzwischen sind Eier und Speck fertig, zum Glück doppelte Portionen. Wenn’s erst mal auf dem Teller liegt, greife ich gerne zu. Egal, wem der Napf gehört, da kenne ich keine Tabuzone.

“It’s alright, it’s OK, doesn’t really matter if you’re old and grey.
If hi-tech, if low-tech take your pick,
you can’t teach an old dog a brand new trick.
It’s alright, it’s OK, I don’t care what anybody say.”