singt Barry Manilow im Radio und das ist genau das, was ich gerade nicht brauche. George musste zurück nach London und ich sitze trübsinnig alleine in Hamburg. Irgendwie finde ich diesmal nur schwer den Schwung mich alleine zu beschäftigen. Und das viel zu kalte Wetter lädt auch nicht gerade ein. Ich drehe lauter:

I can’t smile without you
I can’t laugh and I can’t sing
I’m findin’ it hard to do anything

Come on! sage ich zu mir selbst. Do something. Ich könnte George anrufen oder ich könnte … Hm, warum nicht. Wie sieht eigentlich mein “miles & more” Konto aus? Einen Augenblick später weiß ich es, es sieht gut aus! Na dann, nächst möglichen Flug wählen, Enter-Taste drücken und schon kann ich wieder singen.

Now some people say happiness takes so very long to find
Well I’m finding it hard leavin’ your love behind me
I just can’t smile without you… you… lalalala

War doch eigentlich einfach.

Die Engländer kennen kein Pfingstfest. Die anglikanische Kirche feiert nur Weihnachten und Ostern. Der Montag war trotzdem arbeitsfrei, denn der letzte (und erste) Montag im Mai sind gesetztliche Feiertage.  Praktisch geregelt, so hat man immer ein langes Wochenende, genannt bank holiday. Wer kann packt Kind und Kegel ein und fährt auf’s Land. Ein besonderes Spektakel fand an diesem Wochenende landesweit an vielen Orten statt: Die jährlichen cheese rolling competitions.

cheese rollers 2015 Völlig durchgeknallte Briten (sorry, liebe Engländer, hier zweifel ich ernsthaft an eurem Verstand) stürzen sich todesmutig an steilen Abhängen hinab.

cheese-roller2
Unverletzt bleibt kaum einer der Läufer

Bein- und Armbrüche sind dabei fest einkalkuliert. Warum sie das machen? A big joke. Man rennt einem runden Käse hinterher, der wie der Fuchs vor der Hundemeute den Abhang hinunter kullert. Wer den Käse zu fassen kriegt, ist der gefeierte Sieger. Dieses Jahr war besonders spektakulär. Es hatte nachts geregnet. Das Terrain war aufgeweicht, glitschig und matschig. Mit anderne Worten perfekt. Viele wagemutige Läufer realisieren erst am Start, das die Sache wirklich gefährlich ist und beruhigen sich mit “a few drinks beforehand“.

cheese-roll.jpg
Der Sieger des “most bizarre and dangerous sporting challenges”

Tausende von Zuschauern säumten die steile Strecke beidseitig. Die Begeisterung ist riesig, ein bizarres Spektakel. Es gibt mehrere Läufe und damit auch mehrere Gewinner. Einer unter ihnen, der 19-jährige Christopher Anderson wurde auf einer Trage zum Rettungswagen getragen. Mit einem gewaltigen Satz hatte er das Käserad im Ziel gepackt, anschliessend krachte er unsaft auf den Rücken. Get well soon! Übrigens dürfen auch Frauen teilnehmen. Die Tradition des “cheese rollings” ist uralt, niemand weiß warum, wohl in der Römerzeit, das Rennen erdacht wurde.  

In diesen Tagen beschäftigt die Engländer noch eine andere Sportart: Cricket. Das wäre nicht erwähnenswert, weil es die mit Abstand populärste Beschäftigung des Briten ist. Cricket ist Pflicht; eine Kritik würde ich nicht wagen, wahrscheinlich würde ich sofort des Landes verwiesen werden. Ich habe mich ehrlich bemüht die Regeln wenigsten ansatzweise zu verstehen, ohne jeden Erfolg. Natürlich kennt sich George mit Cricket bestens aus, aber auch er konnte mir nicht helfen. Ich bin inzwischen fest davon überzeugt, dass es irgendwie genetisch bedingt ist. Wer nicht im British Empire geboren wurde, wird es nicht begreifen.

Mir ist noch nicht einmal klar, wann ein Spiel beginnt oder beendet ist. Was ist das Ziel. Wie lange spielt man? Manchmal, ungelogen (!), ziehen sich Spiele über mehrere Wochen hin!!! Völlig undurchschaubar. Inzwischen glaube ich, es gibt gar keine Regeln. Meine Vermutung geht in eine ganz andere Richtung. Ich denke der eigentliche Sinn der Cricketspiele  ist das tagelange Beisammensein der Zuschauer. Man trinkt Pimm’s und löffelt Erdbeeren und freut sich am schönen Wetter.

Jetzt ist aber der Friede nachhaltig gestört. Das Nationalteam, -unter uns, ich glaube die gewinnen fast nie, man liebt sie trotzdem abgöttisch- hat einen neuen Dress bekommen. Und der erhitzt die Gemüter:

cricket-jumper

Was zum Teufel ist an der Kleidung falsch? What the heck does it mean? Für mich sieht es nach einem typischen Cricketdress aus. George verdreht die Augen, überlegt kurz und sieht ein, dass es keinen Zweck hat mir die Sache zu erklären. “Bitte, versuche es!” “The new sweater is an abomination (Greul), a disgrace (Schande) and something that looks like it was knitted by a drunk grandmother.” lautet sein vernichtendes Urteil. Ich traue mich kaum zu fragen: “Why???” George bemüht sich mir den “Skandal” zu verdeutlichen, aber es dauert lange bis ich ansatzweise die Kritik begreife. Es geht irgendwie um das Strickmuster. Das Zopfmuster wird im Brustbereich von einem glatt gestrickten Stück unterbrochen. Das war noch nie und schockiert.

Es scheint da genaue Vorstellung bei den Männern (!) zu geben, welches Strickmuster dieser Jumper haben darf. Und das allerschlimmste ist der rote Rand. “It’s dumbing down heritage!” Das Kulturerbe wird damit beleidigt! Meint er das ernst? Es scheint so. Ich überlege im Stillen, was mir das Outfit unserer Fußball National-Elf bedeutet? Ehrlich gesagt, nix.

Zum Glück gab es an diesem langen Wochenende auch einen Geburtstag zu feiern, der alle strahlen ließ. Die Cunard Line wurde 175 Jahre alt und liess ihre Queens den Mersey hinauffahren. Ein märchenhaftes Bild. Ich kenne die Kreuzfahrtschiffe aus nächster Nähe, denn sie sind regelmäßig Gast im Hamburger Hafen, aber diese Flotte war traumhaft. Gemeinsam kamen die “Queen Mary 2“, “Queen Victoria” und “Queen Elizabeth” in Liverpool an. 

three-queens

Und dann bekomme ich doch noch das, was ich so vermisst habe: Englischen Humor vom Feinsten. George erwähnt nebenbei, dass sich vor wenigen Tagen ein Erdbeben ereignet hat. “Really?” Ja, auch hier in England bebt manchmal der Boden, allerdings geht es immer glimpflich ab, denn die Stöße sind ziemlich schwach.

kent-earthquake

Als die Reporter anstürmten und Bewohner im “Epizentrum” fragten, waren die höchst verlegen, denn sie hatten nichts bemerkt. Man entschuldigte sich und fühlte sich sehr “beschämt”, dass man nichts zu bieten hatte. Einige wenige glaubten einen Knall gehört zu haben und spürten ein leichtes Zittern, aber sie dachten jemand hätte die Haustür in’s Schloß geworfen. Das kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen, die englische Bauweise ist nicht die stabilste. Wenn einem die Tür zuknallt, wackeln die Wände.

Schließlich fand sich doch noch ein “Schaden”. Sofort wurde ein Foto gemacht und gepostet. Es zeigte einen Gartentisch mit Stühlen, davon waren zwei umgefallen! Wow! Die Reaktion der Leser lies nicht lange auf sich warten, sie boten ihre Hilfe zum Wiederaufbau an. Und natürlich reagierte auch die Presse am nächsten Morgen auf der Titelseite, wie es sich gehört.

reaction

Herrlich. Schon habe ich wieder gute Laune und fühle, wie sich meine Batterien mit Lebensfreude füllen.

Mein Blitzbesuch geht schon am nächsten Tag zu Ende. Gelohnt hat es sich trotzdem. Ziemlich gut gelaunt fliege ich nach Hamburg zurück. George brachte mich zum Flughafen: “See you soon“! Genau das wollte ich hören. I just can’t smile without you… lalalala.