und wir sind nur die Kanditaten.
Das ganze Leben ist ein Quiz
ja, und wir raten, raten, raten.

(Hape Kerkeling)

Fangen wir also auch mit einem Quiz an. Die Lieblingsbeschäftigung des Pub-Besuchers. Aber verstehen Sie mich nicht falsch, die Prioritäten sind auch beim Briten klar sortiert: erst das Bier, dann die Unterhaltung. Müsste er auf eines davon verzichten, bin ich mir wirklich nicht sicher, wie er sich entscheiden würde. Wahrscheinlich ist beides für den Engländer untrennbar verbunden.

Der (männliche) Engländer geht in seine Kneipe um möglichst schnell, möglichst viel Alkohol zu tanken. Ganz besonders am Freitag, da geht es hoch her. Aber man möchte beim Trinken auch gut unterhalten werden. Und dafür gibt es den Pub-Quiz, der vom Landlord (Wirt) regelmäßig organisiert wird. Mit Mikrofon und Lautsprecher wendet er sich an seine Gäste und stellt Fragen zu allerlei Themen. “Good Moaning” *) andListen very carefully, I shall say zis only once”, lautet der Auftakt. Die Gäste sitzen in Vierergruppen an den Tischen, sie bilden jeweils ein Team, und lauschen gespannt den Fragen. Die Antworten werden auf einem Zettel notiert. Die werden zum Schluß eingesammelt und ausgewertet. Das Gewinner-Team bekommt ein Freibier. Was sonst.

*) Good Morning oder stilechter Moaning ist ganztägig erlaubt. Also im Pub, nicht unbedingt an der Uni. Es scheint eine Sprachverwandtschaft zum Norddeutschen zu geben. Ich antworte: Moin, moin und fühle mich wie zuhause.

 

Im Wellington bin ich fast schon ein Local Guest. Der Pub liegt an der Straße The Strand, nahe Covent Garden. Im Obergeschoss wird gute Essen zu bezahlbaren Preisen serviert.

 

Wo in deutschen Kneipen, wenn es die dann überhaupt noch gibt, wortkarge Männer stumm am Tresen sitzen und  mit immer glasigeren Blick ein Halbes nach dem anderen herunterspülen, geht es in England’s Pubs lautstark zu. Man diskutiert die Antworten zu den Quizfragen und lässt das Biertrinken eher zu einer Nebensache werden. Wenn Menschen so leidenschaftlich streiten, werden die Kehlen trocken. Da ist das Trinken dann kein Selbstzweck mehr.

 

Herman hat inzwischen mehrere Filialen. Es sind tatsächlich deutsche Gastwirte, die hier Currywurst mit Pommes anbieten. Riesenportionen, die nach einem langen Fußmarsch garantiert satt machen. Ich bin meistens hier, in der Villiers Street, nahe Charing Cross Station.

 

Selten habe ich diese Quizabende erlebt, -aktiv teilgenommen habe ich nie-, aber immer war ich sehr überrascht. Denn die Fragen sind alles andere als einfach. Ich finde sie extrem schwer, kann normalerweise keine einzige beantworten! Sicher fehlt es mir an der nötigen Verwurzelung aber das alleine scheint es nicht zu sein. Ich gebe mal ein paar Beispiele, an die ich mich noch erinnern kann:

Which plant is believed to be useful in treating depression, nervous disorders and bedwetting?? Antwort: St John’s Wort.  Auf Deutsch: Johanniskraut. Ich hätte es nicht gewußt. George ruft es vorlaut in die Runde und hat damit die Rote Karte. Vorsagen ist nicht erlaubt. Spielverderber – killjoy!

Which letter is represented in Morse Code by three dots? Antwort: The letter ‘s’. Wer weiß so etwas? SOS – kurz, kurz, lang ???? Paßt doch gar nicht??

For which instrument did Mussorgsky compose Pictures at an Exhibition? Antwort: Piano. Verdammt, die Einspielung der London Symphoniker unter Sir Georg Solti habe ich hundert Mal gehört, ich liebe das Werk, und hätte es NICHT gewusst!!!

Also das sind doch anspruchsvolle Fragen, oder nicht? Und wir waren in einem ganz “normalen” Pub, das war nicht der Treffpunkt der Eton Absolventen. Das hat mich schon beeindruckt. Der Bildungsstand der Menschen fällt mir immer wieder sehr positiv auf. 

quiz
Eine andere Variante des Pub Quiz ist das Spendensammeln für wohltätige Zwecke. Sehr beliebt und ein guter Grund, um ein Bier zu trinken.

Machen wir es doch auch einmal. Ich stelle Ihnen eine Quizfrage. Eigentlich eher ein Rätsel, denn die Phantasie ist gefordert und die Antwort lässt sich erraten. Also stellen Sie sich bitte folgende Situation (TV-Serie) vor:

Ein Mann hat sich in seinem Haus eingesperrt. Der Schlüssel ist in eine Ritze des Bodens gerutscht und nun unerreichbar. Die abgeschlossene Haustür führt direkt auf die Straße, und könnte eventuell von außen aufgebrochen werden. Vor dem Haus steht eine sehr teure Limousine, darin ein Fahrer, der auf den Mann wartet und sich die Zeit mit lauter Musik verkürzt. So merkt er auch nicht, das der Mann im ersten Stock am offenen Fenster steht und verzweifelt versucht Kontakt aufzunehmen. Lautes Rufen, Pfeifen, alles hilft nichts. Also beschließt er etwas auf das Auto zu werfen, das den Fahrer aufmerksam machen soll. Die große Motorhaube bzw. die Frontscheibe sind für ihn nicht zu verfehlen. Was glauben Sie hat der Mann auf das Auto geworfen? Ich bin großzügig und gebe einen Tipp: er hat nicht lange gesucht, sondern das nächstbeste genommen.  – Na, jetzt habe ich es ja fast schon verraten.

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In der TV Serie “Starlings” wurde die Szene gezeigt. Ich liebe die Show, sie ist vollgepackt mit ganz viel Herz, noch mehr Komik und durch und durch englischen Humor.

Während Sie rätseln, räume ich noch mit ein paar anderen Halbwahrheiten auf, die gerne vom Fernsehen unters Volk gestreut werden. Der Londoner Bobby wird nur vom Ausländer so genannt. Der Engländer kennt ihn als copper. In Urzeiten gab es einen Robert Irgendwie, der war Namensgeber von ‘Bobby’. Aber das ist so lange her, das es niemand mehr weiß.

Zurück zum Rätsel. Womit hat der Mann auf das Auto geworfen? Nun ziemlich einfach: Ein Tee-Becher stand noch vom Frühstück auf dem Tisch, darin waren die benutzten Teebeutel. Die eigneten sich perfekt für die Aufgabe: zielgenauer Wurf, sichere Landung an der Windschutzscheibe, und ein nicht überhörbares ‘quoddsch’ machten den Fahrer sofort aufmerksam.

Ich habe Tränen gelacht, George wußte nicht worüber? Ich sagte ja, die Lösung war naheliegend. Für ihn zu naheliegend.

Noch etwas Lustiges fällt mir zum Thema ein. Letzte Woche hat ein Zugbegleiter seine Passagiere spontan unterhalten, indem er mal eben ein Quiz über die Monitore veranstaltete, die in allen Abteilen zu sehen sind. Es handelte sich um einen ganz normalen Schnellzug, der um 19.01 Uhr den Bahnhof Waterloo verließ. Voll mit Pendlern, die nach Hause wollten. Alle waren gestresst vom Arbeitstag und der Hitze und da ist es einem englischen Serviceman eine ehrliche Verpflichtung seine Gäste ein bißchen zu unterhalten. Man muß es im Originalton lesen, sonst begreift man es nicht: “The conductor decided to cheer up weary travellers with some on-board entertainment, and the passengers took to Twitter to express their confusion and delight.” Da meckerte keiner, man freute sich. Man muß sich die Situation in einem deutschen Personenzug vorstellen. Wohl mehr Empörung, Verwunderung, wo-kann-man-sich-beschweren, Kopfschütteln, so-tun-als-merkt-man-nichts …

Hier die spontanen Reaktionen der Fahrgäste, die einen harten Arbeitstag hinter sich hatten. Sie schrieben auf Twitter:

  • The train conductor is genuinely doing a music quiz down the tannoy; what a legend! [Anmerkung: Der Mann stellte fragen zu Musikern und ihren Liedern]
  • Yay! Tonight the guard is hosting a quiz on our commute home.
  • A quiz on the Shepperton to Waterloo train right now… This is so odd.

Und so geht es weiter. Es gab keine einzige Kritik. Keiner fand das doof. Keiner fühlte sich gestört. Diese Offenheit für einen kleinen Spaß, diese Toleranz und Bereitschaft alles Mitzumachen liebe ich an den Engländern. Ich weiß nicht, ob ich es mir hier in Deutschland genauso wünsche, aber ich bin sehr froh darüber, dass ich immer wieder die Gelegenheit habe es zu sehen, zu erleben und zu lernen. Es macht mich spürbar reicher.