In Großbritannien wird das Parlament nur alle fünf Jahre gewählt. Eine solche Wahl fand am 07. Mai 2015 statt. Im Vorfeld wurde viel in der Presse berichtet, aber wirklich spannend wurde es nach der Wahl. Seitdem verfolge ich die Entwicklungen und habe einiges über die englische Demokratie erfahren, was mir völlig neu war. Es wird Zeit es einmal zusammenzufassen. Und keine Angst, auch wenn das Thema Politik meistens dröge ist, wissen die Engländer die Sache natürlich mit reichlich Witz zu vermengen.

Auf den ersten Blick gibt es in England eine ganz ähnliche Parteienlandschaft wie in Deutschland. Es gibt zwei große Volksparteien, die Torries (CDU) und Labour (SPD). Daneben finden wir eine Liberale Partei, eine Rechte und eine Grüne. Und, nicht zu vergessen, eine Schottische Nationalpartei.

Die Torries werden von David Cameron angeführt, er ist der alte und neue Premierminister. Sein Herausforderer war Ed Miliband, der Leader der Labour-Partei. Im Wahlkampf lag man Kopf an Kopf. Die kleineren Parteien erreichten in den Umfragen bis zu 15%, besonders stark wurden die Rechten eingeschätzt.

Also ähnliche Ausgangslage wie in Deutschland seit Jahrzehnten. Das Rennen macht einer der Elefanten plus Koalitionspartner. So hat man eine Mehrheit. Aber weit gefehlt, die Rechnung geht in England nicht auf. Man hält von Koalitionen gar nichts, es gilt “the winner takes it all“. Sekt oder Selters, alles unter 50% gilt als verlorene Wahl.

So kam es, das trotz der guten Prognosen, der Wahlabend als ziemliches Drama inszeniert wurde. Und tatsächlich gab es eine faustdicke Überraschung. Nicht etwa den Rechten, sondern den Schotten gelang der Überraschungssieg. Die SNP (Schottische Nationalpartei) holte sich alle Wahlkreise im hohen Norden.

Am nächsten Morgen stand das Ergebnis fest: 

 

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Na, dachte ich mir, dann ist ja alles in Butter. David Cameron kann bequem weiter regieren, wenn er sich einen Koalitionspartner wählt. UKIP (Rechte) kam inhaltlich nicht infrage, aber auch mit den Liberalen sollte es gehen, denn der Herausfordern Ed Miliband (Labour) hatte im Vorfeld eine Zusammenarbeit mit UKIP ebenfalls ausgeschlossen.

Meine Rechnung ging gründlich daneben. Die Engländer waren vom Ergebnis völlig geschockt. Sie wünschen sich klare Verhältnisse und können mit der Vielfalt der Parteien rein gar nichts anfangen. Weil keiner über 50 Prozent kam, wurde das Wahlergebnis als gefühltes Desaster eingestuft. Manche riefen schon nach Neuwahlen und so brachen hektische Tage an. Ich war überrascht.

 

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Nach dem charismatischen Tony Blair hatte Labour nicht mehr viel zu bieten. Alle Nachfolger blieben blaß. Bringt Corbyn die Partei ins Aus?

 

Als erstes mußte ich lernen, dass England ein anderes Wahlsystem hat; ich habe es nicht ganz verstanden und will es deshalb nicht erklären. Entscheidend ist, dass in jedem Wahlkreis nur der Sieger punktet; der Verlierer geht leer aus. Das heißt wenn jemand “nur” 49% der Stimmen erzielt hat, fallen die komplett unter den Tisch. Das ist auch der Grund dafür, dass die Vorhersagen ziemlich daneben liegen. Selbst am Wahlabend, bei den ersten Hochrechnungen, wichen die Prognosen über 10 Prozent ab!

Als nächstes begriff ich, dass der Engländer Koalitionen zutiefst ablehnt. Ein solches Konstrukt erscheint ihm höchst unseriös. Für ihn ist der Wahlkampf eine echte sportliche Auseinandersetzung. Da gibt es einen Sieger und einen Verlierer. Wer sich den Sieg mit Hilfe von Koalitionen zusammenbastelt, handelt unfair. Das gilt als Schummeln und wird nicht toleriert. 

Die Tories konnten sich trotzdem freuen, sie hatten die meisten Stimmen. David Cameron durfte weiter regieren und tat sich mit der SNP zusammen. Nicola Sturgeon, die Spitzenkandidatin der Schottischen Partei, war die eigentliche Siegerin. Denn sie, die Quereinsteigerin, fand sich völlig unerwartet auf der Regierungsbank wieder. Und Cameron konnte die “Schande” der Koalition den Wählern gut verkaufen, denn die SNP hat ein ähnliches Wahlprogramm wie die Tories. Man tritt als Schwesterpartei auf und ist damit so etwas wie die englische CDU/CSU. Das wurde von den Wählern geschluckt.

 

koaliton
Diese politische Ehe wird akzeptiert. David Cameron (Tories) und Nicola Sturgeon (SNP).

 

Übrigens hatten sowohl Tories als auch Labour zugelegt, nur die Liberalen büßten gegenüber den Wahlen 2010 erheblich an Stimmen ein. Nun würde in Deutschland die SPD wohl jubeln, wenn sie ein solches Ergebnis bei einer Bundestagswahl einfahren könnte. In England reagierte man anders: Labours Spitzenmann Ed Miliband trat noch am Wahlabend zurück! Ich konnte es gar nicht fassen, bis ich verstand, dass das die normale Reaktion eines Verlierers ist. Da wird nicht manövriert, da wird nicht schön geredet, da windet sich keiner. Man hat die Mehrheit verfehlt und zieht die Konsequenzen. So einfach ist das und genauso wird es unter Gentlemen gemacht.

 

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England kennt keine 5- aber eine 50-Prozent Hürde. Ed Miliband, Labour-Chef, trat noch in der Wahlnacht zurück, weil er “nur” 30,5% der Stimmen hatte. Immerhin mehr als 2010. Zwei Tage später fliegt er mit seiner Frau nach Ibiza und ward nicht mehr gesehen. – Wer die 50% verfehlt, gilt als Loser.

 

Eigentlich war ja nun alles klar, bis auf eine große Kleinigkeit. Labour hatte über Nacht keinen Leader mehr. Hektisch wurden die eigenen Reihen durchforstet, man hatte nicht mehr viele politische Schwergewichte, denen man das Amt des Oppositionsführers zutraute. Der letzte große Labour Politiker war Tony Blair; schon sein Nachfolger Gordon Brown galt als schwach. Er verlor dann ja auch nach drei Jahren Amtszeit Downing Street 10 an David Cameron.

Seit Mitte Mai ringt Labour also um Führung. Einige junge Kanditaten wurden vorgeschlagen, aber alle lehnten ab. Zu jung, zu unerfahren, zu wenig charismatisch. Das sagten nicht etwas die Anderen, sondern sie selbst! Schließlich blieben drei altgediente Genossen übrig, die sich innerparteilich zur Wahl stellten. Diese Wahl fand vor zwei Wochen statt und der strahlende Sieger war Jeremy Corbyn. Er wurde mit über 60% der Stimmen gewählt; natürlich nur von Labour-Parteimitgliedern. In Zahlen waren das einige tausend Engländer. Mehr nicht.

Jeremy ist 66 Jahre alt, ein Alt-Linker mit ausgeprägten marxistischen und kommunistischen Ansichten. Eigentlich war er längst aussortiert, konnte nun aber punkten. Nach jahrelangen Sparmaßnahmen, konnte er die Unzufriedenen und sozial Schwachen um sich scharren. Nach seiner Wahl rieb man sich die Augen, am meisten in der Labour Partei selbst. Was für einen Vogel haben wir uns denn da gewählt?

 

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Ultimate casual Corbyn style, titelt die Zeitung. Jeremy auf dem Weg ins Büro. Das outfit geht gar nicht, weder hier noch in England.

 

Eine ganze Reihe von langgedienten Labour Parlamentariern traten schlagartig in die zweite Reihe, sie standen für kein Amt im Schattenkabinett zur Verfügung. Tony Blair meldet sich mehrfach zu Wort, warnte vor dem Untergang der Partei und das ist keineswegs übertrieben. Labour scheint sich nach Strich und Faden zu demolieren. David Cameron und seine Tories können amüsiert abwarten, bis  ihr Gegner sich selbst aufgelöst hat.

Jeremy Corbyn scheint restlos überfordert zu sein. Murphys Gesetz hat gnadenlos zugeschlagen. Whatever can go wrong will go wrong. Ich schwanke zwischen Auslachen und Mitleid, wenn ich seine hilflosen Auftritte verfolge. Der linksradikale Alt-Sozi lernt gerade auf die ganz harte Tour, das sein ewiges Verweigern Folgen hat. Für mich ein Geschenk des Himmels, denn soviel habe ich noch nie über die englische Mentalität lernen können.

Erster Fehler: Jeremy ist ein Gegner der Monarchie. Er verachtet den Adel und die Reichen. Er zeigt seinen Protest, -der auf mich wie Neid wirkt-, durch Missachtung der geltenden Regeln. So hält er den dress-code nicht ein und zieht sich auch nach seiner Wahl ziemlich nachlässig an. Das wird als unhöflich empfunden und deshalb stuft man sein Verhalten als anti-social ein. Das ist ungefähr das Schlimmste was einem in England passieren kann.

Zweiter Fehler: Bei einer Veteranen Feier wird die Nationalhymne gesungen. Jeremy verweigert das Mitsingen. Die Zeile “God save the Queen” kriegt er nicht über die Lippen. Nach meiner Einschätzung war das der Moment, als er seine Sympathie verspielt hat. Das nimmt man ihm übel; auch in der eigenen Partei.

 

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Bei der Nationalhymne ‘God Save the Queen’ bleibt Jeremy stumm. Man registriert auch den nicht zugeknöpften Hemdkragen und reagiert ziemlich verärgert.

 

Dritter Fehler: Jeremy lehnt alles ab, was etablierte Parteien machen. So verzichtet er auch auf einen Medienberater und baute einen Bockmist nach dem anderen. Inzwischen hat er einen Spin-Doctor engagiert, aber ob der noch etwas retten kann?

Vierter Fehler: Jeremy distanziert sich nicht von seiner Vergangenheit. Früher hat er wilde Meinungen geäußert, zeigte Sympathie für IRA-Attentäter und zeigte sich verbal gerne aggressiv gegenüber Frauen. Diese Positionen scheint er noch heute zu besetzen. Das missfällt; man erwartet von ihm eine Entschuldigung und den entscheidenden Satz: Lesson learnt.

Fünfter Fehler: Die Eröffnungszeremonie der Rugby Weltmeisterschaft wird in London groß gefeiert. Eingeladen sind Prinz Harry und William, dessen Frau Kate, der Premier Cameron und Corbyn. Alle kommen, nur Jeremy nicht. Der Querkopf kann nicht anders, ist total auf Widerstand gebürstet und macht sich damit selbst alle Chancen kaputt.

 

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Im Hotelzimmer kurz vor seiner großen Rede. Der Mann hat keinen Stil, rote Socken und viel zu große Schlappen wirken einfach unsexy.

 

Und dann, nach elf Tagen Amtszeit, holte Jeremy die Wahrheit ein. Auf einem großen Parteitreffen hielt er seine erste große Rede. Jetzt mußte er zeigen, dass er die Genossen begeistern kann, jetzt mußte er Farbe bekennen und vor allem detailliert sein Programm vorstellen. Und was kam? Nix. Er hielt eine knapp einstündige Rede, die in weiten Teilen aus einem Manuskript stammte, das bereits in den 80-er Jahren geschrieben worden ist. Und dann noch nicht mal von ihm, sondern von einem professionellen Redeschreiber. Poor! Armutszeugnis.

matt
Quelle: Matt / Daily Telegraph

Immerhin gab es etwas zu lachen. Natürlich hatte Jeremy selbst etliche Witze in seine Grundsatzrede eingebaut. Da kennt der Engländer nichts. Die Gags sind ihm sogar ganz gut gelungen. Aber als er zum Kern kam, hatte er nur noch Plattitüden zu bieten. Erstmals war er damit konfrontiert, dass er einen Teleprompter benutzen mußte. Eigentlich eine bequeme Sache, der Text wird auf einen, für das Publikum kaum sichtbaren, Bildschirm abgespult. Der Redner kann ablesen und wirkt, als würde er frei sprechen. Bei Jeremy ging das in die Hose. Er las ganz im Stil von Heinrich Lübke alles mit, was an Anweisungen angemerkt war: “We have to investing in our young people, and -strong message here- not cutting students numbers …” Das las Jeremy in einem Atemzug ab und schien nicht zu merken, das der Hinweis strong message here nur für ihn eingebaut war.

Und dann zieht er auf dem Parteitag mal wieder die falschen Klamotten an. Ach Jeremy, das kommt davon, wenn man meint Äußerlichkeiten zählen nicht. Unbeabsichtigt aber nicht zu toppen, war die Wahl der Kleidung. Eine schwarze Hose, weißes Hemd, rote Krawatte und irgendwie braunes Jacket. Erinnert Sie das an jemanden? 

 

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Jeremy Cor-Bean. Den Namen hat er sich selbst eingebrockt. Ganz England lacht sich tot.

 

Die nächsten Wochen könnten lustig werden. Spätestens Ende Oktober kehrt die Queen aus ihrem schottischen Schloß Balmoral nach London zurück und dann wird sie Jeremy empfangen müssen. Er hat als Oppositionsführer das Recht an hochgeheimen Gesprächen im Verteidigungsausschuß teilzunehmen. Dafür aber muß er vorher, wie alle anderen, vor der Queen niederknien, ihr die Hand küssen und ewige Treue schwören. Die Nation ist gespannt wie ein Flitzebogen, ob Jeremy sich soweit verbiegen kann. Er äußert sich nicht dazu, aber einige rechnen damit, dass er nicht knien wird. Was dann passiert, weiß kein Mensch, denn es ist noch nie passiert. Ich bin sicher die Queen wird es meistern. Gut möglich, dass sie sich einfach umdreht und bye-bye sagt. 

Ich gebe ihm nicht mehr lange und die Mehrheit der Engländer scheint ihn auch als Belastung zu empfinden. Eigentlich sollte ich dankbar sein, denn ohne seine Auftritte hätte ich mich bestimmt nicht mit der englischen Politik beschäftigt. So langsam wird mir klar, wie der Insulaner tickt. Es bleibt spannend. 

+++ Ganz aktuell +++

In London kursiert ein Gerücht, das mich fast umgehauen hat: Angela Merkel wird den diesjährigen Friedens-Nobelpreis bekommen. Man ist sich am heutigen Sonntag offensichtlich sehr sicher, dass sie nominiert wird und man tippt mit 99%-iger Gewissheit, dass sie auch von der Jury bestätigt wird. Warten wir es ab.

Second surprise: Großer Zeitungsartikel über Deutschland an prominenter Stelle. Darin wird Hamburg gleich ZWEImal (!) erwähnt! Es gab wohl einen heftigen Streit in einem der Flüchtlingsunterkünfte und es wurde ein Gesetz zum Umgang mit Flüchtlingen verabschiedet. Beides wäre der englischen Presse kein Wort der Erwähnung wert gewesen. Auf einmal dreht es sich. Das freut mich.

Noch eine Bitte. Falls Sie heute Abend einen Daumen frei haben, dann bitte feste drücken. “We blow the Wallabies away in first 20 minutes”, hat George mir heute morgen schon dreimal versprochen. England spielt gegen Australien. Wenn sie verlieren, sind sie draußen. Dann muß die Rugby WM ohne den Gastgeber weitergehen. Das wäre wirklich traurig. – Pscht: Allerdings auch keine Überraschung. Aber mir graut vor dem Abend nach der Niederlage. Ich sollte die Rasierklingen schon mal wegschließen.

 

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Wir sind heute abend im Twickenham Stadium verabredet. Der Bart steht ihm. Prinz Harry wird bestimmt den großen Bruder mitbringen und ich habe George an meiner Seite.