Ich werde das Gefühl nicht los, dass es mit dem Brexit nix mehr wird. Die Zeit verrinnt und man tritt auf der Stelle. Bin ich die einzige, die das beunruhigt. Es scheint so und es würde mich gar nicht wundern, wenn genau das die aktuelle britische Strategie ist. Einfach den blöden EU-Austritt nicht mehr erwähnen und darauf hoffen, dass die anderen es auch vergessen. Eine zweijährige Verhandlungsdauer überfordert natürlich den Insulaner, egal um was es geht. Nach spätestens zwei Monaten langweilt ihn jedes Thema zu Tode. Und der komplizierte EU-Austritt sowieso. Und dann kommt auch noch die vergeigte Neuwahl hinzu, die die Premierministerin innenpolitisch ins Abseits gebracht hat. Ihre Partei erhielt 42,4% aller Stimmen, immerhin satte 5,5% mehr als bei den letzten regulären Wahlen, im Mai 2015, und doch eine Niederlage. Denn der Engländer verlangt eine klare Mehrheit von 50+. Alles was darunter liegt ist nennt er Verlierer. Würde im Herbst die CDU ein Wahlergebnis von 42,4% einfahren, würden die sich im Siegestaumel sich nicht wieder einkriegen. Aber bei uns sind Koalitionen bewährte Tradition und in England gelten sie als unsportliche Schande. Und deshalb braucht ein britischer Sieger mehr als die Hälfte der Stimmen. Different countries, different customs. In London wird schon wieder von Neuwahlen geredet, das wäre dann allerdings auch eine Katastrophe, denn der Engländer findet keine Freude am bzw. im Wahlkampf.

 

Brenda von Bristol wurde im ganzen Land berühmt. Man fragte sie zu ihrer Meinung über die überraschend angesetzte Neuwahl im Juni und sie sagte: “You’re joking! Not another one?” – Ob sie demnächst wieder ein Interview geben muß?

 

Heute morgen, im Frühstückfernsehen, tickerte ein Wortungetüm am unteren Bildschirmrand entlang: ‘Konfitürenverordnung’. Das hat sofort meine Aufmerksamkeit. George kann es noch nicht einmal ansatzweise richtig aussprechen. Bei diesen langen Wortkonstruktionen weiß er einfach nicht, wo er trennen soll. Bei jedem Versuch bleibt er an der ‘tür’ hängen, denn die sagt ihm was. In der englischen Sprache gibt es kein adäquates Wort, aber man versucht es dem Zuschauer mit ‘Jam Regulation’ zu erklären. Langsam merke ich, dass sich der Beitrag mit hochernsten Themen beschäftigt; es geht um ‘Brexit’, ‘EU’s directive’ und einem ‘Jacob von Weizsäcker’. Meine Aufmerksamkeit ist geweckt, also sage ich zu George: “make it louder”. Und dann schnell noch: “please”. So viel Zeit muß sein. 

 

BBC Frühstücksfernsehen wird auf dem roten Sofa präsentiert. Gerne nimmt man Tiere als Gast in die Sendung und freut sich, wenn dann alles schief geht. Das Pony hatte letztens den weissen Teppich vollgeäppelt und der Hund Benji hat die Polster nass gepinkelt. Das ist aber auch schon anderen Gästen passiert. Darüber freut man sich, dem Engländer sind menschliche Schwächen nicht peinlich.

 

Als George die Fernbedienung zurücklegt, schenkt er sich gleich noch eine Tasse Kaffee ein. Die dritte, sehr ungewöhnlich. Ich ziehe eine Augenbraue ein wenig hoch und bekomme sofort eine Erklärung geliefert: “Drinking coffee will cut the risk of dying early. Each cup will increase my lifespan by up to nine minutes a day”. Dann widme er sich wieder seiner Zeitung, mit mehr kommt er nicht rüber. Ich frage mich bei solchen Antworten immer, ob er das ernst meint? Weil ich aber selbst nur ungern auf den Morgenkaffee verzichte, frage ich nicht weiter nach. Was ist nun mit der Marmelade? Warum ist das ein politisches Thema? Nun es gab im Jahr 1979 ein Highlight in der Zusammenarbeit zwischen Groß Britannien und der Europäischen Union. Jedenfalls aus Sicht der Briten. Sie errungen damals einen der mehr als seltenen Siege innerhalb der Gemeinschaft. Es ging um die Richtlinie 2001/113/EC, sie wurde in dem Jahr mehrheitlich beschlossen. Und diese Direktive besagt, dass Marmelade mindestens einen zwanzig prozentigen Anteil von Zitrusfrüchten beinhalten muß. Wenn nicht, dann ist es Konfitüre. Punkt, Aus, Ende. Jedes englische Kind weiß, dass alles was Erdbeeren, Kirschen, Pflaumen usw. enthält als ‘jam’ bezeichnet wird. Nur wo die geliebte Orange oder ggfs. auch Zitrone drin ist, wird als ‘marmelade’ verkauft. Und genau diese feine Unterscheidung hat man damals ganz Europa untergejubelt. Schauen Sie mal auf ihr Glas Erdbeeren oder was auch immer. Es steht tatsächlich ‘Konfitüre’ drauf. Mir ist das ehrlich gesagt noch nie aufgefallen.

 

 

Die Brexit-Verhandler rund um David Davis haben nun ein Angebot aus dem Hut gezaubert, das ihnen vielversprechend erscheint. Sie sind bereit die ‘Konfitürenverordnung’ unter den Tisch fallen zu lassen, wenn die EU im Gegenzug sich großzügig den Briten gegenüber zeigt. Angeblich hat der deutsche EU-Parlamentarier Jakob von Weizsäcker die Sache ins Rollen gebracht. “He believes that Brexit is the chance to put that historical wrong right and make jam marmalade again”, heißt es im O-Ton. Mir bleibt inzwischen mein Marmeladentoast, sorry Konfitürentoast, im Hals stecken. Soll das ein Witz sein? Nein, das wird als ganz großes Ding verkauft: “Allowing marmalade to be called marmalade again (in Germany) could therefore help to sweeten the bitter aftertaste of Brexit for many EU citizens”. Ja, da bin ich sprachlos. Und finde gerade noch rechtzeitig die Worte wieder, als George sich nämlich anschickt, seine Tasse erneut aufzufüllen. Wenn du die Kaffeekanne leertrinkst, dann wird das deiner gerade so wertvoll verlängerten Lebenszeit einen herben Dämpfer geben. “Do you really think so?” Hunterprozentig. Also legt er die Zeitung zur Seite und widmet sich jetzt auch dem TV-Beitrag. Er bekommt nur das Ende mit, aber scheint den Punkt doch begriffen zu haben, denn sein Fazit trifft es: “It is amazing how in times of trouble, the jam laws raise their head. Perhaps people are looking for something to distract them from the really serious stuff they should be looking at.” Genau so isses.