Eines der boomenden Stadtbezirke Londons ist Battersea. Eigentlich müsste ich Wandsworth sagen, denn beide Teile wurden unter diesem Namen zusammengelegt. Aber die Londoner sprechen noch immer von Battersea, weil sie von dort Jahrzehnte lang mit Strom versorgt wurden. Noch immer kennt jede die inzwischen stillgelegte Battersea Power Station, ein riesiges Kohlekraftwerk, mit vier weithin sichtbaren weissen Schornsteinen. Was da bis in die achtziger Jahre an Ruß in die Luft geblasen wurde, möchte ich mir gar nicht vorstellen. Lange wußte man nicht, wie das Gelände genutzt werden soll, denn der markante Industriebau mußte als Denkmal erhalten bleiben. Dann fanden sich finanzstarke Investoren, die die attraktive Lage an der Themse sofort erkannten. Sie liessen sich von den Altlasten im Boden nicht abschrecken und fingen an auf dem Gelände Wohnungen zu bauen. Inzwischen ist die Battersea Power Station ein exklusives Wohnquartier, das besonders bei jungen, gut verdienenden Londonern begehrt ist. Immerhin hat Sir Norman Foster viele der Häuser entworfen und sie bieten eine phantastische Sicht auf Themse und Westminster. Der eigentlich namensgebende Stadtteil Wandsworth hat seine eigene Geschichte. Man kennt ihn, weil dort das größte britische Gefängnis errichtet worden ist. Bis 1960 diente es auch zur Vollstreckung von Todesurteilen. Das Gefängnis ist noch immer im Betrieb und hat nicht den besten Ruf. Allerdings liegt es ein ganzes Stück weiter süd-westlich, fast schon am Tennis Stadion von Wimbledon.

 

Jahrzehntelang war das schmutziges Industriegebiet. Inzwischen wurden hier mehr als 5.000 Top Appartemens gebaut. Das einstige Kohlekraftwerk, das Gebäude mit den vier Schornsteinen, ist unter Denkmalschutz. Allerdings wurde es komplett entkernt und inzwischen leben dort Familien, die die Nähe der Themse geniessen.

 

Battersea/Wandsworth kann auch noch mit anderen Argumenten überzeugen. Beispielsweise mit dem Battersea Park. Der Tourist verirrt sich selten dorthin, aber für den Londoner liegt das Freizeitangebot zentral vor der (südlichen) Haustür. Man kann da ganze Sommertage verbringen ohne sich zu langweilen. Das Freizeitangebot ist groß und das hat sich längst herumgesprochen. Immer öfter sichtet man Promis. Selbst Prinz Harry geht mit Freundin Meghan Markle dorthin, wenn die beiden ungestört den Hund Gassi führen wollen. Ein Angebot, das jeder Londoner zu schätzen weiß. Unsere Nachbarin, -die Besitzerin von Barney, der den Tag gerne in der Küche oder gleich im Bett von George verbringt-, fasst es für mich zusammen: “Battersea is still one of the great dog-walking parks of London, with wide open spaces for running, dingly dells for squirreling, and the odd lost tennis ball to play with.” Wie gesagt, die Wimbledon Lawns sind nicht weit entfernt.

Auf dem Heimweg fahren wir über die Albert Bridge Road, sie überspannt die Themse bei Chelsea. Auch sie ist ein echtes Schmuckstück. Das gilt für alle Themse Brücken, jede ist liebevoll im Detail gestaltet und höchst individuell. Trotzdem komme ich noch immer durcheinander, wenn es um die Namen geht. Aber es man kann sich Eselsbrücken bauen. Übrigens ein kompliziertes englisches Wort: ‘mnemonic’. Ingnorieren Sie einfach das störende ‘n’ und schon rutscht es wie von selbst über die Zunge. Aber zurück zu den 12 Themse Brücken + Milleniums Bridge. Die Tower Bridge erkennt jeder. Steht man gerade auf einer Brücke von der man die Tower Bridge gut im Blick hat, dann befindet man sich auf der London Bridge. Die Westminster Bridge ist natürlich vor dem Parlamentsgebäude und läuft direkt auf Big Ben zu … Auf diese Weise habe ich mich durchgearbeitet. 

 

Die Albert Bridge am Abend. Eine kleine hübsche Brücke von Battersea nach Chelsea.

 

Bevor wir nach London zurückfahren, macht George noch einen Abstecher in Richtung Wandsworth. Hier gibt es viele große Gartencenter und gute Pubs mit Biergärten. Beides lockt jeden englischen Mann unwiderstehlich an. Ja, sie sind alle Romantiker. Ein Flugzeug rauscht knapp über uns hinweg, kein Wunder, denn Heathrow Airport ist nicht mehr weit enfernt. Wir kommen an einem alten Gebäude vorbei, das für mich ein bißchen wie Windsor Castle aussieht. Und das ehrenwerte Schloss müsste hier auch ganz in der Nähe sein. Also frage ich nach und ernte Gelächter. Nein, hier lebt nicht die Queen, hier sind die Verbrecher untergebracht. Das ist also das gefürchtete Wandsworth Prison. Es muß riesig sein, denn wir fahren ziemlich lange an seinen hohen Aussenmauer entlang.

 

Das Wandsworth Prison. Das ist der Eingang zu der wuchtigen Anlage. An der Wand hängen Blumenkästen, darin üppig blühende Sommerblumen.

 

George, der beruflich oft mit Justiz und Polizei zu tun hat, erzählt mir, dass der Drogenschmuggel in diesem Gefängnis blüht, denn die Dealer liefern ihre Ware längst mit Drohnen ab. Das Geschäftsmodell wurde also nicht von Amazon erfunden. Als dann auch noch der Hundeführer in den Urlaub startete, brach das Chaos aus. Normalerweise werden die Zellen mehrmals wöchentlich von Sniffer Dogs kontrolliert. Einer von ihnen, ein freundlich und harmlos aussehender Border Collie, hat alleine im letzten Jahr Drogen im Wert von über 300.000 Euro in diesem Gefängnis aufgespürt. “Und wieso merken das die Aufseher nicht? Die müssen das doch auf ihren Monitoren sehen, wenn Drogen versteckt werden.” Die Antwort ist simple und überraschend: “There’s a lack of CCTV. That’s the reason for the security risk.” Das ist wirklich erstaunlich, ausgerechnet im Gefängnis, wo aktuell 1.600 Inhaftierte einsitzen, ist keine funktionierende Videoüberwachung installiert. In London wird man auf Schritt und Tritt gefilmt und kann überall per Monitor verfolgt werden. Aber hier ist Sendepause; da hat man wohl am falschen Ende gespart.

 

Ein Sniffer Dog für Whisky??? Nein dafür reicht die eigene Nase, um guten von schlechten zu unterscheiden. Das hier war ein typischer George-April-Scherz. Und weil er ein empathisch fühlender Mensch ist, hat er Saft ins Glas geschüttet.