Also mir hat es bisher noch immer geschmeckt. Soweit entfernt rühren deutsche und englische Köche nicht im Kochtopf. Bisher rutsche mir nie ein: “I’ve never seen before in my life.” heraus. Wenn ich mal in London gekocht habe, dann bin ich einfach auf Nummer sicher gegangen und habe Gebratenes serviert. Egal in welcher Form, es kommt immer an. Ob Fleisch (sunday roast, für alle Engländer alternativlos) oder Fisch, roast potatoes, fried Würstchen oder eggs. Der Brite schwelgt und dankt. – Letztens soll sich übrigens jemand im Imbiß, das man café nennt, mit der scharfsinningen Beobachtung beschwert haben: “The risotto was rubbish as it wasn’t even fried!” Aber es muß ein Ausländer gewesen sein, denn Engländer würden ja niemals laut kritisieren. Siehe ‘Bandscheibe am Filetsteak’.

pie-mash
Sehr beliebt: pie and mash

Erst gewöhnen musste ich mich an die Zubereitung von Gemüse aller Art. Die englische Hausfrau, jedenfalls die ältere Generation, gart alles gerne gründlich durch. Ich denke, dass das selten unter zwei Stunden vollbracht ist. Und so kommt es, dass man jegliches Gemüse dünnflüssig wie Suppe auf den Teller gelöffelt bekommt. Man kann nur vage anhand der Farbe raten, ob es nun Rosenkohl oder Brokkoli war. Karotten lassen sich leichter identifizieren, weil nicht viele Gemüsesorten orange sind. Ehrlich gesagt schmeckt es gar nicht schlecht, mag sein, dass sich der typische Kohlgeschmack gar nicht wegkochen lässt. Trotzdem, nicht mein Fall.

Vielleicht ist die besondere Konsistenz auch der Grund, weshalb der Engländer sein Besteck anders benutzt. Er hält die Gabel gerne verkehrt herum! Also schon mit den Zinken nach vorne (anders wäre es ja auch blöd), aber die leichte Rundung hält er nach oben. Das führt dann z.B. beim Essen von Erbsen (al dente gekocht) zu kaum lösbaren Problemen. Kaum einer kann die Hand so ruhig halten. Immer wieder kullern die kleinen, runden Dinger runter. Klar, wenn man die Erbsen in Breiform auf dem Teller liegen hat, sieht die Sache ganz anders aus. Das haftet gut und lässt sich einwandfrei auftürmen. In der Not vermengt man es mit dem stets beliebten Kartoffelpüree (mash), schon klebt es zuverlässig. Dann ist der sanfte Forkenschwung nach unten sogar vorteilhaft, denn so schmiegt sich die Gabel wunderbar der Zunge an und alles kann sanft den Hals runterrutschen.

George hatte mit dem Esswerkzeug keine Probleme. Nun ja, Akademiker. Das zeigt Wirkung.

kuchenÜberrascht war ich bei meiner ersten Einladung zu “coffee and cake”. Der Tisch gut gedeckt mit Torten, Gebäck, Pasteten und Gurken-Sandwiches; was man eben so alles zum Nachmittagstee nimmt. Der 5-Uhr-Tee ist übrigens unbekannt.

Bei der leckeren Tortenschlacht fehlte mir aber ein wichtiges Werkzeug, nämlich die Kuchengabel. Die war keineswegs vergessen worden, sondern gehört dort nicht hin. Man serviert den Kuchen in Suppentellern und legt einen Löffel dazu. Logisch! Mir war es recht, solange der Kuchen lecker schmeckt, und das tat er, schaufel ich ihn gerne rein. 

Die Diskussion, ob erst die Milch oder der Tee in die Tasse gehört, ist ridiculous. Natürlich wird zuerst der Tee eingeschenkt. Warum? Na, weil es die Queen so macht! Und bitte keinen Earl-Grey. Der gehört ausschliesslich in die Bordküche der Enterprise NCC-1701-D, als Lieblingsgetränk des Captains Picard. Aber der war ja auch Franzose.

Ich glaube hinter all dem ‘falsch, links oder anders herum’ steckt Kalkül. Der stets verschmitzte Brite weiss immer eine Prise Humor zu streuen, indem er immer eine Kleinigkeit ABSICHTLICH anders macht.

mattIn diesen Tagen haben die Londoner Restaurants viel zu tun. Jeder männliche Engländer, der seine Partnerin auch im März noch an seiner Seite haben will, muß sich jetzt um ein angemessenes ‘Valentine’ bemühen. Ein Strauß roter Rosen, verbunden mit einer Einladung zum romantischen candle-light-dinner, sind das Minimum. Wer dabei sparkling wine auffahren lässt, hat schon verloren. Der Engländer hat Stil. Egal zu welcher Gelegenheit, es muß Champagner sein. Oder man lässt es ganz.

Ich habe noch nie einen Valentinstag in London erlebt, aber es soll ‘ne ganz große Sache sein. Die Restaurants sind bis auf den letzten Platz ausgebucht. Im Laufe des Abends werden wieder dutzende Frauen in den Notaufnahmen erwartet, weil sie nicht rechtzeitig merkten, dass da ein Ring im Champagner schwamm. Ganz übel, wenn der Verehrer großzügig war und einen Hochkaräter gekauft hat.

Nun gut, für den ganzen Valentins-Zirkus entfällt der mehrtägige Karneval auf der Insel. Trotzdem habe ich George strikte Anweisungen gegeben, was wirklich selten passiert: Ausgehverbot – house arrest!

Mein Valtentine habe ich schon eingesackt: es sind Flugtickets. Hurra, ich freute mich riesig. George hatte  bei der Wahl ein “strange feeling” und fand seine Vorurteile bestätigt “always effektive and practical, those Germans“. Wofür, by the way, JEDER uns beneidet. 

pigs
Am 14. Februar ist Valentinstag. Wer kann macht “sweet nuzzle”.

Bin gespannt was am 14. Februar so alles auf den Londoner Straßen passieren wird. Denn eins ist klar, für Kuriositäten aller Art sind sie prädestiniert. George ist immer eine gute Quelle für Geschichten mit unfreiwilliger Komik. Beruflich hat er mit Notfällen zu tun.

So berichtete er gestern über den Verkaufsstop von Narzissen. Ab sofort dürfen sie nicht mehr in Obst- und Gemüseabteilungen angeboten werden.  Der Grund ist, die hohe Giftigkeit der Blume. Aha, dachte ich mir, das wird sicher über die Pollen übertragen und kann sich dann auf Essbaren niederschlagen. Weit gefehlt. Giftig ist der Frühlingsbote nur, wenn man ihn verspeist. Und das kommt ziemlich oft im Englischen Haushalt vor. In der Küche verwechselt man gerne mal das untere Ende mit Speisezwiebeln und den grünen Teil mit irgend einem chinesischen Gemüse! Nur gut, dass auch das stundenlang gegart wird, so sollte sich die zarte Pflanze doch eigentlich in Dampf auflösen. Oder?

Ja und dann war da noch der ältere Mann, der Hunger hatte und sein Hörgerät aufgegessen hat. Er dachte es wären Cashews! Alles ganz normal.

ohr
Leicht zu verwechseln. Nuss oder Hightech? Tipp vom Fachmann: Man erkennt es an der Antenne.