Ich war inkonsequent. Einerseits habe ich jede Valentinsüberraschung strikt abgelehnt, andererseits bin ich pünktlich zum 14. Februar gelandet*). So was nennt man wohl doppeldeutige Botschaft und damit verwirrt man nicht nur Hunde und Katzen. George schien mir auch etwas unsicher, als ich früh morgens in London eintrudelte.

*) Dachte ich jedenfalls. Lag prompt falsch und werde es noch aufklären.

Er hatte eine harte Woche hinter sich und wollte einfach nur abschalten. Und das geht am besten, wenn man die Kulisse wechselt, sprich woanders hinfährt. Sein Vorschlag gefiel mir sofort: Ein Ausflug nach Salisbury. Da der Flughafen quasi auf dem halben Weg liegt, sollten wir in einer Stunde dort sein.

So war es dann auch, allerdings landeten wir nicht im wunderschönen Salisbury, -alleine die herrlichen Fachwerkhäuser lohnen einen Besuch-, nein erst einmal kam Southampton in Sicht. Ich glaube George hatte sich schlicht verfahren. Von mir kein Wort dazu, denn ich hätte es bestimmt nicht besser gemacht. 

Es hatte leider während der Fahrt angefangen zu regnen und je näher wir der Küste kamen, desto schlimmer wurde es. In Southampton goß es dann wie aus Eimern. Wir hielten einfach vor dem nächst besten Hotel, weil wir etwas Warmes brauchten. Nach einem deftigen Frühstück stand uns der Sinn.

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Wäre Popeye um die Ecke gebogen, hätte es mich nicht gewundert.

Wir waren gar nicht auf Regen eingestellt. Schon gar nicht auf einen solchen “Monsum”, wie man ihn wohl nur direkt an der Küste erleben kann. Kurzum wir waren pudelnass, als wir endlich durch die Drehtür in’s Hotel gespült kamen. Wir wollten in’s Restaurant, fragten aber erst mal an der Rezeption nach, ob es überhaupt ein solches gab.

An uns rann das Wasser nur so runter, da fragt uns die Dame an der Rezeption allen Ernstes, ob es draußen regnen würde. Ich antwortete leider vorschnell: “No, our ship has sunk and we had to swim the last five miles.” Ich weiß, das George es immer etwas peinlich findet, wenn ich die Regeln des small talks misachte und typisch deutsch lospolter. Aber diesmal grinste er; es hat ihm gefallen.

Beim Frühstück erzählt er mir einen alten Witz, den man sich gerne über die sprachlich tolpatschigen Deutschen erzählt. Ich kannte ihn noch nicht. Es geht um ein Schiff, das in Seenot geraten ist und SOS funkt. “We’re sinking!” wird in höchster Not durchgegeben und ein deutscher Frachter reagiert als erster: “Oh ja, and vot are you sinking about?” – Na, die Engländer haben’s gerade nötig.

Als es endlich ein wenig heller draußen wird setzen wir unsere Fahrt fort. Nach Salisbury ist es nicht mehr weit. Dort erwartet uns bestes Wetter! Nicht zu fassen. Die Kathedrale ist unser Ziel. Ich bin mehr als beeindruckt, als wir vor dem gewaltigen Bau stehen.

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Teil der Fassade, über dem Eingang

The Cathedral Church of St. Mary ist Bischofsitz der Anglikanischen Kirche. Ein Kloster mit Kreuzgang gehört auch zur Anlage. Dort fühlte ich mich sofort wohl. Eine gute Atmospäre lag hier in der Luft. Wir sind ganz alleine, das ist das Gute, wenn man im Februar unterwegs ist.

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Die Kathedrale war für Besucher geöffnet und wir konnten einen Blick in’s Innere werfen. Ein dreiteiliges Fenster, viel höher als auf dem Handyfoto zu sehen, wirft ein farbenfrohes Licht.

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Wir halten uns gut zwei Stunden hier auf und das ist viel zu kurz. Aber wir sind nicht vorbereitet und für einen ersten, bei mir nachhaltigen Eindruck, reicht es allemal. 

Nach so viel sakralen Staunen, brauchen wir dringend wieder Bodenhaftung. Da bietet sich Essen und Trinken an und wo wird man netter eingeladen, als auf Englands Strassen.

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Bei solchen Schildern kann ich gar nicht anders als hineingehen. Die Fassade hat nicht zu viel versprochen, es war ur-englisch, also gemütlich.

Es ist schon früher Abend als wir wieder aufbrechen. George fragt mich, ob ich ein Stück fahren würden. Am liebsten möchte ich rufen, um nichts auf der Welt, aber dann bin ich so gerührt von seinem Vertrauen, dass ich zustimme.

insignia-cockpitTatsächlich ist es halb so schlimm. Auf der Autobahn macht das Linksfahren nicht wirklich Probleme und zum Glück ist im Auto alles wie gehabt. Kupplung, Bremse und Gaspedal sind wie gewohnt angeordnet, sogar das Zündschloß findet sich rechts vom Lenkrad, alleine die Gangschaltung liegt auf der linken Seite. Da ich Linkhänderin bin, komme ich damit sofort zurecht. Die Gänge sind wieder da zu finden, wo ich sie erwarte. Alleine das es sechs sind irritiert mich zunächst. Ich ignoriere einfach den letzten und damit ist alles wieder im Lot.

Es ist wenig Verkehr, London kommt schnell in Sicht. Wir tauschen die Plätze, die letzten Kilometer soll George lenken. Schon bald sind wir in Hampstead, endlich Zuhause.

George muß noch einige Reports lesen und Mails beantworten, -einen Teil seiner Arbeit kann er von hier aus erledigen-, und ich nutze die Zeit um diesen Bericht zu schreiben. Kurz nach Mitternacht sind wir beide mit unserer Arbeit fertig. Und da merke ich, dass ich den ganzen Tag ein falsches Datum im Kopf hatte! Der Valentinstag hat ja gerade erst begonnen! Na dann fällt mir doch noch spontan ein Herzenswunsch ein: Schlafen bis in die Puppen. Ich glaube George wird dankbar zustimmen. Good night.