Diversity übersetzt man mit ‘Verschiedenheit, Mannigfaltigkeit’. Das Wort findet sich schon in der Bibel. Seit vielen Jahren ist es fester Bestandteil der Business Welt. Alle größeren Firmen haben ein Diversity Management im Rahmen ihres Personalwesens definiert.

Ich habe unter Diversity  immer die Vielfalt unter meinen Kollegen verstanden. Wir unterschieden uns in Alter, Hautfarbe, Geschlecht, Ausbildung, nationaler Herkunft, Sprache, Kultur und Religion, um nur einige Merkmale zu nennen, und waren doch ein Team mit einem gemeinsamen Ziel.

Inzwischen wird das Wort “Diversity” auch immer öfter in der Alltagssprache benutzt, taucht in der Werbung auf und wird dadurch geläufig. 

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Ein Kinderprojekt zum Thema Diversity. Schöne, gelungene Umsetzung. Von mir ‘ne glatte Eins.

Spätestens wenn wir eine Auslandsreise unternehmen, werden wir uns mit den Aspekten der Vielfalt auseinandersetzen müssen. Um sich gut im Gastland zu benehmen, sollte man wenigstens ansatzweise wissen, wie die Gastgeber ticken. Wenn man wie ich regelmäßig nach England reist, muß man sich mit der Seele des Briten vertraut machen.

Und ganz nebenbei bemerkt,  fängt das Anderssein oftmals schon 50 km vor der Haustür an. Sobald das KFZ – Kennzeichen andere Anfangsbuchstaben trägt, schrecken manche bereits unbewußt auf.

Da ich noch nicht oft in England war und auch nicht viele intensive Begegnungen hatte, kann ich nur ganz oberflächlich erste Vermutungen anstellen. Aber eines ist mir inzwischen klar geworden, es gibt wenige, aber wichtige Unterschiede. Einer betrifft die Gesellschaft als solche und ist damit allgegenwärtig.

Der englischen Gesellschaft fehlt die Kontrolle durch die Obrigkeit, die uns Deutschen über alles wichtig ist. Sobald wir uns angegriffen fühlen, rufen wir nach der Exekutive. Ist der Nachbar zu laut, bitten wir die Polizei um Hilfe und berufen uns auf das Lärmschutzgesetz. Das ist legal.

Dem Engländer ist das ganz und gar fremd. Es gibt kein Lärmschutzgesetz, man kann die Kreissäge anmachen, wann immer man will. Es gibt keine Meldepflicht, keinen Personalausweis und niemand wird wegen falscher Müllentsorgung vom Nachbarn angezeigt werden. Man kann auch neben dem copper (Bobby sagt kein Londoner) getrost bei Rot über die Ampel gehen. Ich habe es selbst probiert und bekam noch nicht einmal ein Kopfschütteln gezeigt. Also eine himmlisch liberale Weltanschauung prägt den englischen Alltag, aber eigentlich müsste die Gefahr groß sein, dass alles in eine höllische Anarchie umschlägt. Warum passiert das nicht?

Der Grund dafür ist das “angeborene” gute Benehmen des Engländers. Von früh auf an werden die Kinder zur Rücksichtnahme erzogen. Für den Engländer sind gute Manieren ein existenzieller Wert und er ist jederzeit bereit ihn mit seinem Leben zu verteidigen. Wenn es denn sein muß. Engländer nehmen stets sich UND den anderen wahr. Sie kontrollieren sich in sehr angenehmer Art und nehmen automatisch Rücksicht auf die Bedürfnisse der Anderen.

Der Engländer ist kein Wundermensch. Es gibt Ausnahmen und leider prägen gerade diese oft den Eindruck. Man schaue sich die Fußball Hooligans oder den Englischen Touristen auf Mallorca an. Newcastle reicht auch; es hat den Ruf des heimischen ‘Sodom und Gomorrha’.

Der Engländer ist nicht besser oder schlechter als der Deutsche, aber er tickt in manchen Dingen anders und es ist spannend das zu entdecken. Sein hohes Maß an Sensibilität für die Zustände in der Gemeinschaft, seine feste Überzeugung Teil des Ganzen zu sein und damit auch Teil der Verantwortung zu tragen, lässt ihn aktiv werden. Er nimmt die Not des Schwächeren wahr und statt staatliche Hilfe zu fordern, wird der Engländer selbst aktiv. Es ist ihm eine alltägliche Selbstverständlichkeit, sich in den Dienst der Wohltätigkeit zu stellen. Das sind keine Sonntagsspenden, sondern tragende Säulen der gesellschaftlichen sozialen Gerechtigkeit.

Nach all der Theorie nun aber ein Schlenker in die reale Welt. Ich hatte gerade von der hohen Bereitschaft berichtet, die alle Engländer für die Wohltätigkeit zeigen. Das sogenannte charity fundraising ist selbstverständliche Übung. Das heißt jedermann spendet regelmäßig für wohltätige Zwecke. Oft wird auf den Straßen Geld gesammelt und man wirft großzügig in die Sammelbüchse ein. Zum Zeichen der Teilnahme erhält man eine Blume, einen Button, eine Schleife, die man sich sichtbar ans Revers steckt. Tue Gutes und rede darüber.

Das ist die einfachste Art, aber es gibt deutlich mehr Möglichkeiten. Keine High Street in England ohne Charity Shop. An- und Verkaufgeschäfte, die ihren Erlös weitergeben. Es gilt als humane Pflicht dort in irgend einer Form mitzumachen.

Dann gibt es noch die privaten Initativen. Charity Tea Parties, Einladungen aller Art (offener Garten ist sehr beliebt). Man bastelt, verkauft, bietet an, was immer Geld bringen könnte. Und das ist oft eine ziemlich spaßige Angelegenheit, denn die Engländer sind phantasiereich und immer für einen Witz zu haben. Siehe die elf Damen, die ihre amourösen Memoiren veröffentlicht haben.

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Kim Broughton wohnt in Latchingdon. Ihr Huhn hat ein rundes Ei gelegt. Die gewitzten Engländer hatten sofort einen Namen parat: Ping Pong.

In diesen Tagen hatte eine englische Hausfrau eine besonders originelle Idee. Kim Broughton wohnt in Latchingdon. Sie hält Hühner und staunte nicht schlecht, als sie die Eier in der Küche näher ansah. Sie wollte gerade pancake zum Frühstück machen, da merkte sie, dass eines der Eier kugelrund war. Das perfekt Ei, äh.. die perfekte Kugel. 

Kugelrunde Eier sind selten. Es trifft etwa 1 von 1 Millarde. Mrs Broughton’s Tochter, wußte sofort was zu tun ist. Sie stellte das Ei zum Verkauf bei ebay in’s Web. Die Auktion läuft noch. Aktuell werden 249 Pfund geboten, das sind rund 340 Euro. Wer will kann noch bis Freitag  mitbieten.

Und nun kommt der Clou: Für Mutter und 15jähriger Tochter war sofort klar, dass der Erlös dem Cystic Fibrosis Trust gespendet wird. Man hätte sich ja auch selbst was Neues kaufen können. Aber darüber muß der Engländer gar nicht nachdenken. Und das finde ich immer wieder sehr sympathisch. In England begegnet mir diese Geisteshaltung täglich. Mehrfach.

Aber an der Eier-Auktion beteilige ich mich trotzdem nicht. Was soll ich damit anfangen? Dann gehe ich lieber bei meinem nächsten Londonbesuch auf die Suche nach James Bowen und seinem Kater Bob. Sie verkaufen Obdachlosen Zeitungen, damit kann ich mehr anfangen. Und Bob ist immer ein Besuch wert. Sorry James, du bist auch ein really nice mate 😉

Straßenmusiker James Bowen mit Kater Bob. Unterwegs in London.

Wenn uns also demnächst mal wieder die Vielfalt begegnet, ein Ausländer, ein Behinderter, ein männliches Liebespaar, zwei flirtende Frauen, liebende Alte, ein lila frisierter Swag, eine bunt gekleidete Oma, ein Der-fällt-aber-auf, dann sollten wir uns erinnern, dass wir gerade jetzt dem “runden Hühnerei” begegnen, das wir alle sooo gerne hätten. Also ein Hoch auf Diversity, es lebe der Unterschied.