George ist zum Fachkongress in Hannover als Gastredner eingeladen worden. Ich stehe sofort auf der Bremse und frage argwöhnisch: “Wie sieht denn das Rahmenprogramm aus? Bunga bunga am Maschsee?”  Aber die Entwarnung kommt prompt und überzeugend: “You can also come. Everything include. Let’s spent a nice night together.” Dreißig Minuten später hatte ich mein Bahn-Ticket gebucht. Da lass’ ich mich nicht zweimal bitten.

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Für immer in’s Gehirn gebrannt

Der ICE rauscht durch die Lüneburger Heide. Schilder fliegen vorbei, ich kann mir merkwürdigerweise “Bienenbüttel” merken. Gut 80 Minuten später rollt der Zug im Hauptbahnhof von Hannover ein. Nach London (Flugzeug) hätte es nicht viel länger gedauert.

Während George über was auch immer referiert, entdecke ich im Hotel den Beauty und Wellness Bereich. Ehrlich gesagt war ich noch nie in so einem Luxus-Verwöhntempel. Ich bin ein bißchen eingeschüchtert. Aber es dauert gar nicht lange und ich komme der Aufforderung zur Entspannung nach und nehme schließlich alles mit, was geboten wird.

wellness

Dann treffen wir uns zum Abendessen und George erzählt von der Tagung. Die Verständigung mit den rund 250 Fachkollegen war einfach, es wird offiziell englisch gesprochen, aber die Mehrheit ist doch aus Deutschland. Erste Klippe war für George der Small-Talk. Für ihn ein unverzichtbares Ritual, das hier aber nicht immer funktionierte. Er räsonierte: “In Germany small-talk is a waste of time. And time is money or as you say ‘work before pleasure’.”

Während er die Frage des Gastgebers “How are you?” korrekt mit “Fine, thanks.” beantwortete, sagte der deutsche Kollegen im besten Schulenglisch: “I’m so tired. In fact I have a stomach problem and spent most of the night on the toilet.” Ja, so sind die Deutschen, immer korrekt.

Auch das Händeschütteln ist für George gewöhnungsbedürftig. Man macht es auch in England, aber sehr selten. Ich rate ihm: “Do it very firm, no ‘wet fish’, two or three shakes and direct eye contact! Do it in the morning and again in the afternoon.” Wahrscheinlich wird er es jetzt völlig übertreiben.

Alle Vorbereitungen wären aber fast null und nichtig gewesen, denn fast wäre er gar nicht hingegangen. Schuld bin ich, denn ich beantwortete seine Frage: “How late is it?” mit “halb drei“. Ich hätte wissen müssen, daß Engländer sich keine halben Stunden vorstellen können. Für ihn kann das nur “half past three” sein. Dazu der Zeitunterschied von einer Stunde zwischen GT und MEZ, schon war das Chaos perfekt. Es hat nicht viel gefehlt und ich hätte die Rezeption angerufen, denn inzwischen waren wir beide völlig durcheinander.

Groß auch die Unterschiede der Vorträge bzw. wie die Redner starteten. George machte es ganz auf die englische Art. Erstmal einen richtig guten Witz erzählen, mit etwas Selbstironie gewürzt, ein Zeichen dafür, dass er sich in seiner Haut  wohlfühlt. Dann auf erste lustige Zwischenrufe geistreich kontern und schon hat er eine richtig lockere Stimmung und kann sich so langsam dem eigentlichen Thema widmen.

Dann tritt der deutsche Kollege ans Stehpult. Er begrüßt die sehr verehrten Damen und Herren und taucht dann nahtlos in eine nicht enden wollende Agenda ein. – Zwei Stunden reden ohne auch nur den Hauch eines Lächelns.

George resümiert: “Ironic humour in meetings is misinterpreted as mocking sarcasm!” Ich kläre ihn auf, das in Deutschland der Humor eine ernste Sache ist. Wenn, dann übt man ihn organisiert aus, z.B. im Karneval. “German humour is very harsh, dark and scatological. Er bedarf der Erklärung und das dauert oft länger als der Witz.”

Genug des Grübelns über andere Länder und andere Mentalitäten. Für den Abend habe ich mir ein Entspannungsprogramm vorgestellt. Starten sollten wir im Sauna und Dampfbadbereich. Aber das könnte für George “heikel” sein. Ich taste mich an das Thema mit einer harmlosen Frage heran: “Are you currently in a nervous, shy or delicate dispostion?”  “??? Come again ???” “Na, ja ich würde gerne in die Sauna gehen und wollte wissen, ob du auch Lust hast?”. George nickt, der Vorschlag gefällt ihm. Bisher war sein Tag eher langweilig und vielleicht ist ein Schwitzbad genau das Richtige.

Ob er weiß, was da auf ihn zukommt? Engländer pflegen eine gänzliche andere Saunakultur als wir. Also lieber auf Nummer sicher gehen. “You will meet totally naked people of both sexes, all age groups and all shapes and sizes.”REALLY?!” Es schreckt ihn nicht, im Gegenteil, jetzt hat er es eilig.

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Der Engländer lässt in der Sauna immer seine Badehose an. Dafür nutzt er kein Handtuch.

Ich kenne einen Engländer der panikartig eine deutsche Sauna verlassen hatte. Man muß wissen, dass Engländer nur im swimsuit die Sauna betreten. Man zieht sich niemals ganz aus. Man dachte also der Flüchtige (erwachsener Mann) wäre aus Peinlichkeit gegangen, aber er gab an: “I wasn’t embarrassed, I was afraid!”

Wenig später sitzen wir schwitzend in der Sauna. Ich halte es deutlich länger aus, aber George ist ein Newcomer in Sachen Aufguß und Tauchbad. Schon bald zieht es ihn in den Fitneßbereich. So trennen sich erst einmal unsere Wege. Ich liege inzwischen höchst behaglich im Ruheraum auf der dick gepolsterten Liege und er rennt sich gerade die Lunge aus dem Hals. Each his own.

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Abflughalle Hannover Airport. Unsere Wege trennen sich. Hoffentlich nicht lange.