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Die Hochhäuser der Canary Wharf müssen sich schon recken, um nicht ganz im Nebel zu versinken. Das Wort ‘skyscrapers’ ist nicht schlecht gewählt.

Vier Tage lang war London im Nebel verschwunden. Das war richtig dick. Flugzeuge konnten nicht mehr landen, von London waren nur noch die Spitzen der Hochhäuser zu sehen. Ziemlich spektakulär:

George erzählt mir stolz von den foggy days,  aber, -werfe ich ein-, so einmalig ist das Wetter nun wahrlich nicht. In Hamburg kennen wir natürlich auch Nebel und im November liegt er morgens ähnlich dick über den Wiesen der Außenbezirke oder entlang der Elbe. Das ist ja nun kein exklusives Londoner Wetterphänomen. “No, it is! It’s unique, no less than London gin or London wit.” Um mich zu überzeugen schiebt  George gleich noch ein paar Argumente nach: “Other places may be able to show a mist or so. Only London has fog.” Stolz schwingt in seiner Stimme mit. 

Er mag sogar Recht haben, denn eins kann ich bestätigen, der Londoner Regen ist einmalig. Jedenfalls habe ich so einen Regen noch nie in Hamburg erlebt und ich kenne alle Arten: Niesel-, Land- und Dauerregen, Pladdern, Sprühen oder Prasseln. Aber nur in London gibt es einen Regen fein wie aus der Spraydose. Er kommt aus allen Richtungen, also auch von unten nach oben. Ein Schirm ist da ganz zwecklos. Andererseits ist diese Nässe so sanft wie eine Feder, ich spüre ihn ganz gerne im Gesicht. Den Regen würde ich sofort erkennen, den gibt es wirklich nur in London. Vielleicht ist es mit dem Nebel ähnlich? Da fehlt mir noch die Erfahrung.

Bis Ende der 50-er Jahre war der Nebel in London lebensgefährlich. Jedes Haus wurde mit offenen Feuer im Kamin beheizt, es qualmte also aus Millionen von Schloten. Viele Menschen verheizten Holz und Koks und verpesteten damit die Luft. Im Winter konnten die gelblichen Monoxidwolken nicht abziehen und vergifteten Tausende. Jeden Winter gab es über 10.000 Tote! Wieviele erst Jahre später an Lungenschäden starben, weiß kein Mensch.

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Mit British Airways im Blindflug nach Hause

George kann sich noch gut an den letzten großen selbstverursachten Nebel in London erinnern, das war Anfang der 60-er Jahre. “Yet these fogs were very different to those of today. They could last for up to a week, blanketing the metropolis in. A thick peasouper which tastes like iron filings at the back of your throat.” Das muß ziemlich schlimm gewesen sein. Bevor sich aber Trübsinn bei mir einstellen kann, erzählt er schnell noch eine komische aber garantiert wahre Geschichte. Sie hat sich in den 20-er Jahren ereignet. An einem nebligen Abend versuchte ein Londoner seinen Weg nach Hause zu finden. Plötzlich hörte er ein Schnaufen hinter sich, irgendetwas Großes schien da hinter ihm herzulaufen. Er war gerade am Hay Market im West End wo Gaslaternen ein wenig Licht in die neblige Suppe brachten. Und da erkannte er was ihn verfolgte: “He recognised the hindquarters of an elephant!” Das Tier gehörte zu einem Christmas Circus, der ganz in der Nähe Station gemacht hatte und der Pfleger wollte das Tier dorthin bringen. Aber beide hatten längst die Orientierung verloren und stolperten  durch die nebligen Strassen.

Wenn heute mal wieder dicker Nebel den Londonern die Sicht nimmt, bleiben viele Geschäfte geschlossen und Kinder dürfen zu Hause bleiben. In den 60-Jahren war das anders. George erinnert sich an einen Vorfall in East London, wo Schulkinder von einem Taxifahrer abgeholt werden sollten. Weil der aber gar nichts mehr erkennen konnte, übernachtete er kurzerhand mit den Schülern im Klassenraum.

Natürlich kann George dem Nebel auch etwas Gutes abgewinnen, sonst wäre er kein echter Engländer. Da verbiegt er ein wenig die Logik und schon ist der Nebel ein Geschenk Gottes: “It’s much better than autumn leaves, which demand raking. Fogs, once we have admired them, simply disappear.” 

Und dann schickt er mir noch den aktuellen Matt-Cartoon zu. Damit kann man mich immer erheitern. Diesmal hat sich der Zeichner mit dem Thema der Datenspeicherung befasst, die ab sofort auch in England erlaubt sein soll. Man will von allen Bürgern die Aktivitäten im Internet erfassen und zwei Jahre lang archivieren. Irgendwie fühle ich mich sofort angesprochen. Ich hoffe zwar noch nicht morgen vor der Himmelstür zu stehen, aber Jahrzehnte wird es wohl auch nicht mehr dauern, und dann fallen mir natürlich sofort meine diversen Blogs ein. Ach, du meine Güte! Sollte Petrus die auf den Prüfstand stellen, dann sehe ich schwarz für meine himmlische Zukunft.