George hat manchmal einen etwas anstrengenden Humor. Er ist sozusagen doppelt vorbelastet: Engländer und Mediziner. Das ist eine gefährliche Mischung.  Wenn er aber dann auf ein halbes Dutzend Kollegen trifft, um die jährliche Weihnachtsfeier im Pub zu zelebrieren, dann sollte man sich innerlich auf den Notfall vorbereiten.

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Das Hundebier ‘Snuffle’ ist in vielen Pubs zu haben. Es ist alkoholfrei und lässt Doggy am nächsten Morgen fitter als Herrchen aussehen. Hunde sind in Pubs stets willkommen: We allow dogs, but take no responsibility for their behaviour. Das passt auch auf George und seine Kollegen.

Grundsätzlich ist der Londoner ja witzig und charmant. Er hat Herz, ist tolerant und aussergewöhnlich freundlich. Gleichzeit, und das überrascht vielleicht, ist er eher ein scheuer Mensch, der den Kontakt (zu Fremden) meidet. Es dauert bis man einen Freundeskreis hat. Ich hatte natürlich den Heimvorteil und wurde ohne lange Prüfung von George’s Freunden anstandslos akzeptiert. Einige von denen haben nun ein Treffen im Pub verabredet. Es wird Zeit für die jährliche Xmas Party.

Frauen dürfen mitkommen. Ich frage was ich anziehen soll: Shall I be dressed in seasonal green and red? und bekomme genauso ironisch zurück  No matter. You can wear trainers. Das höre ich gerne, ziehe zwar keine Jogging-Schuhe an,  trage aber gerne die bequeme Dress-Variante: Jeans und Shirt. Dezenter Schmuck und tief dunkelrot lackierte Nägel. Das paßt.

Am frühen Abend trudeln wir ein. Heimspiel, unser Pub in Hampstead. George hat sich mit Kollegen verabredet. Ein halbes Dutzend Gerichtsmediziner werden gleich testen, wieviel Bier man an einem Abend trinken kann. Eigentlich kann das nicht gut gehen. Immerhin sind die Herren so schlau gewesen ihre Frauen mitzubringen. Das ist aber leider nur die graue Theorie, denn tatsächlich sind mit mir mal gerade drei dabei. Der Beruf scheint sich mit einem regulären Eheleben nicht zu vereinbaren. Wir führen schließlich auch keins.

Einer der Herren ist schon längst im Ruhestand. Er sieht immer noch sehr gut aus, obwohl er sich wohl schon in der Mitte des siebten Lebensjahrzehnts befindet. Kaum hat er die Runde begrüßt, raunte er mir zu: “Believe it or not. Just this morning, while going to the bakery, a lady  whispered to me ‘your sexy beast’. It made my day!” Originelle Anmache, aber ich rücke mal lieber enger an George ran. Die Kollegen werden sich doch wohl hoffentlich untereinander respektieren. 

Meine Befürchtungen sind unbegründet. Man lässt zwar keine Peinlichkeit aus, aber ehrlich gesagt habe ich mich selten so gut amüsiert. Ich halte mich beim Biertrinken zurück, wir müssen zwar nicht mehr fahren, aber ich will möglichst viel mitbekommen und dazu muß ich ein bißchen aufpassen, um alles zu behalten. Ein Kollege erzählt von einem eigenen Arztbesuch. Eine Routine-Untersuchung, vermutlich eine Krebsvorsorge. Der Arzt wollte ihn wohl beruhigen und gab zum Besten: “Statistically the most dangerous time for a human is the first four months of life.” Darauf anwortete der Fachkollege: “The figures for the last four months aren’t terribly encouraging either!” Mords Gelächter und noch ‘ne Runde Guiness.

 

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Hotfuzz ist eine der vielen irrwitzigen englischen TV-Comedies. Vor ein paar Tagen endete eine mit dem Satz: Bless you for watching. Hintersinnige Ironie.

 

Etwas später geht es offensichtlich um gutes englisches Benehmen. George gibt zum Besten: “A modern gentleman never wears sandales, is aware that facial hair is temporary, but a tatoo permanent and can undo a bra with one hand.” Bei der letzten Überlegung schaut er mir treuherzig in die Augen und erwartet meine Zustimmung. Ich habe längst die Recordtaste auf dem iPad gedrückt und lasse es schön weiter aufnehmen. Erst wollte ich ja nur die Gags für diesen Blog sichern, inzwischen freue ich mich schon auf morgen, wenn ich ihm seine Statements beim Frühstück vorspiele. 

Dann werden die Herren amtlich, tauschen sich kurz aus, was im nächsten Jahr geplant ist, welche Vertretungen möglich sind und was man vom NHS halten soll. Das ist der National Health Service, das amtliche Ministerium, dass das Budget für Mediziner verteilt. In England gibt es keine (gesetzlichen) Krankenkassen, mit Geburt ist jeder Engländer automatisch ‘versichert’. Der NHS muß sparen, noch immer gilt Kostenreduzierung für alle öffentlichen Bereiche, und da fällt dann so manches Medikament oder Leistung weg. Einer der Ärzte zeigt seine Empörung über die ersatzlose Streichung von Kostenübernahme im speziellen Fall. Wer seine Zeugungsfähigkeit mittels Vasektomie unter Kontrolle halten will, muß den Eingriff ab Januar selbst bezahlen. Er scheint sehr interessiert zu sein, denn er hat die Preise parat. Sie liegen zwischen £ 295 – £ 1.150, ziemlich günstig für eine Operation. George raunzt zurück: “It’s only a snip” und wendet sich wichtigeren Themen zu.

 

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Männerfreundschaft: Walter Matthau und Jack Lemmon.

 

Ein andere Kollegen ist mitten in der Scheidung. Die wird in England noch immer nach dem Schuldprinzip entschieden, das führt zu Frust. Meistens wird der Mann als schuldig betrachtet, oder wie es so schön heißt inappropiated behaviours bezichtigt. Was immer das sein mag. Nun in diesem Fall ist es klar, der Doktor ist mit einer anderen ins Bett gestiegen. Das ist eindeutig inappropiate. Für ihn wird es teuer werden, deshalb sehe ich es ihm nach, wenn er seine Frau in wenig charmanter Weise zitiert. Lustig ist es allemal. Es ging um den Truthahn, der Weihnachten (gemeinsam?) gegessen werden soll. Seine Wahl des Vogels stieß hinsichtlich der Herkunft auf Zweifel bei seiner Noch-Frau. Sie besteht auf einen Turkey, which spend its days roaming cherry orchards or listening to Radio 2 in the barn. Nicht schlecht.

Das sexy beast hat inzwischen einen Durchhänger und greint: After your first midlife crisis it’s downhill all the way to the grave. Dem müssen wir entschieden widersprechen, George und ich haben andere Erfahrungen gemacht. Obwohl es Zeiten gab, da hatten wir ähnliches tatsächlich befürchtet. Ich weiß nicht in welchem Gesprächskontext George sich gerade aufhält, aber ich höre ihn sagen: 90 per cent of males spend 90 per cent of their time viewing hardcore porn. War wohl eine ironisch gemeinte Anmerkung, aber einige nicken sofort zustimmend.

Natürlich sitze ich nicht die ganze Zeit schweigen oder staunend neben dem akademischen Kreis sondern amüsiere mich mit einigen Freundinnen; im Home-Pub kennt jeder jeden. Wir probieren eine neue Biersorte, die groß beworben wird ‘Kolsch-style-beer’. Gemeint ist natürlich das süffige Kölschbier, das den Männern zu feminin ist. Ha, ha. Uns schmeckt es. Wir beraten was wir in Sachen Wohltätigkeit noch auf die Beine stellen können. Gerade zu Weihnachten muß gesammelt werden und dazu braucht es Ideen. Was läßt sich vermarkten? Wofür geben Leute Geld aus? Lucy hat lange sinnierend auf die Medizinerrunde geguckt, einer davon ist ihr Ehemann, dann bricht sie ihr Schweigen und schlägt vor: I could write a companion: 100 special experiences with raw vegetables. Jetzt sind wir diejenigen, die lauthals losprusten. George guckt nervös zu mir rüber. Ich gebe ihm zu verstehen, dass alles im Lot ist. Everything is in the green area.

 

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Oliver Hardy: ‘Didn’t you once tell me that you had an uncle?’ Stan Laurel: ‘Sure, I’ve got an uncle. Why?’ Oliver: ‘Now we’re getting somewhere. Is he living?’ Stanley: ‘No. He fell through a trap door and broke his neck.’ Oliver: ‘Was he building a house?’ Stanley: ‘No, they were hanging him.’

 

Die Pubs machen früh zu, eigentlich dürften sie länger geöffnet haben, aber um 11 o’clock ist Feierabend. Wir sind ganz froh halbwegs nüchtern den Heimweg anzutreten. Nach all dem Gelächter tut ein Schweigemarsch gut. Schließlich frage ich George ob er okay ist und bekomme ein überzeugendes ‘I keep my motor running’ zurück. Wir sind schon fast vor der Haustür und da will er mir seine Fitness noch einmal unter Beweis stellen. Den tongue twister kriegt er fehlerfrei über die Lippen: On a swishy swashy, splash sploshy adventure. Die Prüfung hat er bestanden; nächste Woche darf er wieder los, wenn es heißt: I’m going on a beer hunt.*)

*) Der englische Zungenbrecher ist aus einem Kinderbuch wo es um eine Bärenjagd (bear hunt) geht.