Gerade wurde das Ergebnis der dritten und wohl letzten Abstimmung über den Theresa May / EU-Deal bekanntgegeben: Against 344 / For 286. Das war’s dann wohl, adieu Großbritannien. Heute, in zwei Wochen, verlasst ihr ohne Vertrag die Europäische Union. Wahrscheinlich werde ich dann in London sein, also erstmals im Europäischen Ausland. Das fühlt sich nicht gut an und ich habe keine Ahnung, was mich da erwartet? Eins ist klar, im Hotel werde ich viele der mir inzwischen gut bekannten Mitarbeiter nicht mehr antreffen. Ich schätze über sechzig Prozent der Damen und Herren im Service stammen aus Europa. Wird es Proteste geben? Demonstrationen? Gewalt?

Oder ist es alles gar nicht so schlimm? Vielleicht sogar eine Chance? Nehmen wir mal an, der Deal wäre heute nachmittag im britischen Parlament angenommen worden. Dann hätte man noch vor Mitternacht die Austrittsfrist verlänger, und zwar um einige Wochen, bis zum 22. Mai 2019. Danach wäre GB ausgeschieden, allerdings mit einem vertraglichen Regelwerk. Was allerdings auch nicht das ist, was ich mir wünsche. Ausserdem hätte Frau May ihr Rücktritts Versprechen wahr machen müssen. Der Nachfolger könnte dann Boris Johnson werden. Ob er die bessere Wahl ist, weiß ich nicht. Als Aussenminister hat er wenig diplomatisches Geschick gezeigt. Nun aber ist es anders gekommen. Eine zeitlich knapp bemessene, aber ziemlich Ergebnis offene Situation ist entstanden. Das britische Parlament muß sich binnen weniger Tage auf eine Alternative einigen. Das wird vermutlich nicht gelingen und weil der harte Brexit bereits kategorisch ausgeschlossen worden ist, haben zwei andere Ideen auf einmal gewaltig an Boden gewonnen: Entweder eine erneute Volksumfrage oder die ersatzlose Rücknahme des Artikel 50. Ob das für die Briten die bessere Lösung ist, weiß ich nicht, aber mir würde es ziemlich gut gefallen.

Einen Politiker muß ich noch unbedingt hier vorstellen, denn er ist mir im Laufe der vielen Brexit Debatten immer wieder sehr positiv aufgefallen. Er hat immer Reden gehalten, die lange in mir nachklangen. Ein kluger Mann muß das sein, dachte ich mir und recherchierte mal ein wenig. Sein Name ist Ian Blackford (Foto oben), Mitglied der Scotish National Party. Sobald sich Diskussionen im House of Commons dem inhaltlichen Kern nähern, dann meldet er sich fast immer zu Wort. So war es auch, als es am letzten Montag Abend ziemlich düster aussah. Das Unterhaus hatte gerade acht Alternativen zum May Deal abgelehnt und nun war man zerstrittener und vor allem verlorener denn je. Gegenseitig wies man sich die Schuld am Desaster zu, einige ganz Arrogante meinten sogar die EU wären für den hausgemachten Schlamassel verantwortlich. In dieser Situation stand Ian Blackford auf und trug in seiner Rede einen bemerkenswerten Satz vor:

“Today in the European Parliament, my friend and colleague, Alyn Smith, asked Europe to keep a light on for Scotland to show us the way home. I want the EU to keep a light on for Scotland. As Members of Parliament, we must decide: can we follow that light, or is the United Kingdom heading into the darkness? Scotland will not follow the UK into that darkness if the UK fails to change course. We can and will follow the light, to allow Scotland to become an independent country in the European Union.”

Ich schluckte und dachte mir, ich bin wohl ein bißchen sentimental. Aber am nächsten Abend war der deutsche Politiker Elmar Brok (Foto unten), ein EU Urgestein, in der Phoenix TV Runde zu Gast. Und er erwähnte diese Rede von seinem schottischen Kollegen und zitierte genau diesen Satz, der auch mir im Gedächnis hängen geblieben war. Und Herr Brok sagte sinngemäß: Da habe ich mir fast eine Träne wegwischen müssen. – Übrigens haben die beiden Politiker, Ian Blackford und Elmar Brok, am selben Tag Geburtstag. Es wird am 14. Mai sein, vielleicht können sie es zusammen irgendwo in Europa feiern? Wäre doch schön, oder?