Längst hat es sich eingespielt, dass ich ein Wochenende in London verbringe und George am nächsten nach Hamburg kommt. Auch wenn es nur zwei Tage sind, versuchen wir stets drei Nächte daraus zu machen. Diesmal fragt er mich aber, ob ich zwei Tage länger bleiben kann. Er würde seinen Besuch dann auch verlängern und schon könnten wir gemeinsam über den Kanal fliegen. Das Angebot nehme ich an. Aber es gibt noch einen anderen Grund, warum er mich länger in London haben will, er möchte die Weihnachtsgeschenke einkaufen. Die Ankündigung überrascht mich und zwar gleich in mehrfacher Hinsicht. Ist es Mitte November nicht ein bißchen zu früh und was für Geschenke will er denn kaufen. Und vor allem für wen? 

Of course our Christmas gifts! Erklärt er mir mit energischen Blick. Ich bin etwas verdattert, wir hatten doch abgemacht nichts/wenig/kaum was zu schenken? Und wenn wir dann diese ‘Winzigkeit’ einkaufen wollen, dann doch wohl nicht gemeinsam. Wo bleibt denn da die Überraschung??? You know as much about it as the man in the moon. Come on, we’ll meet at Paddington and then I show you Christmas customs.

Zwei Tage später steige ich am verabredeten Bahnhof aus. Er ist ziemlich groß und liegt am Hyde Park, nördliches Ende. George ist pünktlich, er wartet schon und hat eine Überraschung parat. Er will mir einen Platz zeigen, den kaum ein Londoner kennt. Wir marschieren los zum Park Eingang ‘Lancaster Gate’ und gleich dahinter liegt ein vergessenes Kleinod. Hier stehen Grabsteine, sehr alt, verwittert und doch kann man die Inschriften lesen. Es ist ein alter, kaum bekannter Tierfriedhof. Die reichen Leute aus den herrschaftlichen Häusern rundherum haben hier ihre Hunde und Katzen begraben. Viele von ihnen wurden Verkehrsopfer, denn im Hyde Park fuhren immer Kutschen und Reiter waren täglich mit ihren Pferden unterwegs. Übrigens genau wie heute noch. Mancher Hund blieb da auf der Strecke.

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Ein vergessener Tierfriedhof im Hyde Park. Die Grabstein sind alt.

Wir können nur durch den Eingang auf das Areal schauen, denn der Zutritt ist verwehrt. Stolze £50 kostet eine einstündige Führung! Okay, man darf als kleine Gruppe von max. sechs Leuten antreten. Stolzer Preis und doch verständlich. Würden mir ein paar Quadratmeter Hyde Park gehören, würde ich sie auch vergolden.

Wir gehen Richtung Hyde Park Corner und schon bald sehen und riechen wir die Weihnachtsattraktion vor uns: Winter Wonderland in London. Eine Mischung aus Weihnachts- und Vergnügungsmarkt mit Riesenrad, Zillertal Ice Rank und Santa Land. Mitten drin ein klassischer Markt mit original bayrischen Hütten. Ich finde norwegische Blockhäuser genauso stilecht, aber der Engländer glaubt, alles typisch deutsche, hat seine Wurzeln in Bayern oder im Schwarzwald. Ein Stand bietet Adventskränze an. Die kennt man auch in England, allerdings sind die meisten aus Blättern gebunden, Tanne ist eher ungewöhnlich. Leider hat niemand den Engländern gesagt, dass man die Kränze auf den Tisch legt oder unter die Decke hängt. Stattdessen befestigen sie sie senkrecht an der Wand und fragen sich dann, wie man die Kerzen daran fest machen soll. 

Das Winter Wonderland ist kostenlos aber für einzelne Attraktionen braucht man ein Ticket. Schnell wird es dunkel und damit fängt der Lichterzauber langsam an zu wirken. Das Spektakel ist täglich geöffnet, nur am Weihnachtstag wird eine eintägige Pause eingelegt. Mir ist die Sache ein bißchen zu bunt, zu laut und zu alkoholhaltig, aber das muß jeder für sich entscheiden.

Für uns wird es nun aber Zeit endlich die Geschenke einzukaufen, wobei ich noch immer keine Ahnung habe, was George in die engere Auswahl gestellt hat. Noch habe ich kein gutes Gefühl, aber es war auch nicht meine Idee. Also muß ich mir keine Gedanken machen. Wir verlassen den Park und gehen die Oxford Street entlang. Auf der linken Seite ist Selfridges. Eines der größten Kaufhäuser der Stadt. Dort tauchen wir ein. Und jetzt legt George los. Als erstes packt er eine leuchtend rosa Plastikkurbel in den Korb. Mit der ‘magic machine’ lassen sich alle Arten von Gemüse in endlos lange Streifen drehen. Das gefällt ihm und ich glaube zu träumen. “Für wen soll das sein?” “Course for you darling!” “Oh, Gott …”

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Knallbonbons zu Weihnachten. Merry Christmas. Bäng!

Der Einkaufswagen füllt sich schnell, da landen Kerzen plus Halter, eine Handvoll Knallbonbons, goldene Papierkronen und schließlich ein singender Elch mit Fernbedienung. Wenn man dort den Knopf drückt fängt Rudolf an Bocksprünge zu machen. Entweder ist das Ding jetzt schon kaputt oder mir fehlt das assoziative Bild zum gesegneten Fest. Immerhin begreife ich langsam was wir hier machen. Ich hatte ja schon herausgefunden, das man Weihnachten viele Geschenke braucht. Masse statt Klasse. Sie alle haben nur eine ganz kurze Lebensdauer, -einige Stunden am Weihnachtsmorgen-, und nur eine einzige Aufgabe: Gute Laune machen. Da macht es also gar nichts, wenn man weiß was in den Paketen ist. Die Menge macht’s, es ist wie beim Bilder Memory, man hat alle Karten schon einmal gesehen und weiß doch nicht mehr genau, wo die Paare liegen. Kaum habe ich es verstanden, beteilige ich mich kräftig am Einkauf. Sobald mich etwas erheitert, wandert es auch schon in den Einkaufskorb. Eine gute Tat darf natürlich nicht fehlen. Etliche Geschenke sind einem wohltätigen Zweck gewidmet; ihr Kauf ist auch gleich eine Spende. Ich entscheide mich für einen Bildkalender, darauf posieren die Männer der städtischen Müllabfuhr. Ihre muskulösen Oberkörper werden bestenfalls von knapp geschnittenen Latzhosen verdeckt. Wofür sie sammeln ist mir weniger wichtig, denn die Fotos sprechen für sich. George stimmt grummelnd zu. Das wird er sich merken; da kommt bestimmt noch eine Retourkutsche.

Bepackt wie Knecht Ruprecht und sein Esel fahren wir nach Hause. Am Bus Stop Hampstead werden schon Weihnachtsbäume verkauft. George will gleich einen mitnehmen. Ich kann ihn gerade noch bremsen. Die Tradition die Bäume schon am 1. Dezember in die gute Stube zu stellen ändern wir in diesem Jahr. Vier Wochen später kann er es noch einmal versuchen. Ihm ist es recht, aber wahrscheinlich nur, weil wir alle Hände voller Tüten haben.

Zuhause packen wir den ganzen Kram aus. Zum Glück habe ich an Papier und Band gedacht, denn natürlich wird der ganze Plunder liebevoll verpackt und dann unter dem Weihnachtsbaum (ach, deshalb schon am 1. Dez.!) verstaut. Ist dann endlich der Weihnachtstag da, kann sich kein Mensch mehr an den Inhalt erinnern und die Überraschung ist gelungen. Allerdings staune ich auch jetzt schon, denn so manches kommt zum Vorschein, was wir überhaupt nicht gekauft haben. Jedenfalls kann sich niemand daran erinnern. Haben wir eine fremde Tüte mitgenommen? Gut möglich bei dem Gedränge.

Schwergewichtig waren die Grußkarten. Christmas without a card ist undenkbar. Weil das Kartenschreiben Pflicht ist haben wir nicht ein Dutzend sondern gleich einen Karton gekauft. Da sind sage und schreibe sechzig Karten drin. Muß ich die jetzt alle schreiben? “No, only sign. The cards are preprinted with ‘Merry Christmas and a happy New Year’. Sign your name or better ours. B + G, this alone is enough.” Falls Sie eine solche Karte von uns bekommen sollten, glauben Sie mir bitte, dass wir mit ganzen Herzen bei Ihnen sind.

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Ich schnappe mir meine nackten Müllmänner und stiefel die Treppe rauf. Da bringt mich ein earsplitting Pfiff zum Stehen. Dressiert wie ein Jagdhund reagiere ich auf meinen Herrn. Der mault los: “Not in the bedroom. That’s out of question.” Ich kann ihn beruhigen, der Kalender wird wohl im ‘spare room’ landen, -also im Gästezimmer, die können sich schon mal freuen-, aber erst einmal brauche ich einen Nagel. – Als ich wieder runterkomme steht eine Schneekugel auf dem Tisch. Wenn man sie schüttelt gibt sie kurz den Blick auf eine Gruppe nackter Frauen/Männer (?) frei. Was machen die da? Kopulation im Schnee? Bevor ich es herausfinden kann senken sich schon wieder die weissen Flocken über die heikle Szene. Grinsend nimmt mir George die Kugel aus der Hand und stellt sie auf seinen Schreibtisch. Das also war seine Antwort auf meinen Kalender. “Geschenkt sweetheart, shaken not stirred.”

1 Kommentar

  1. Der Bericht gefällt mir sehr gut, insbesondere die halbnackten Müllmänner 😉 vielen Dank. Eine schöne Adventszeit wünscht dir Silke

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