Versprochen, heute nix über Big Ben. Oder nur ganz wenig. Stattdessen stelle ich mal einen Park in Kensington vor, den die meisten Touristen wohl nicht auf ihrer Ausflugsliste haben. Allerdings muß ich die Geschichte dann doch mit Big Ben starten, nicht nur weil es Neuigkeiten gibt, sondern weil er mich überhaupt erst auf den Brompton Cemetery gebracht hat.

 

Brompton Cemetery im Süd-Westen Londons. So einen Friedhof habe ich noch nirgends gesehen.

 

Die Chefin ist zurück, Theresa May ist wieder in London und eilte schnurstracks in die Downing Street. Da hatten ja sozusagen die Mäuse auf dem Tisch getanzt, -ausnahmsweise meine ich es mal sprichwörtlich-, und deshalb wurde es für die Premier Ministerin höchste Zeit zurückzukehren. Prioritäten mußten gesetzt werden und das tat sie. “It can’t be right”, schimpfte sie und legte eine U-Turn hin, wie es nur wohl nur die Engländer können. Heute hü und morgen hott. Und keinen scheint es zu wundern, denn niemand hat anderes erwartet. Das ist die britische Flexibilität im Denken und Handeln, die Überraschung wird so gut wie immer mitgeliefert. Jetzt hat man also noch einmal über den längst beschlossenen Umbau von Big Ben nachgedacht, -vielleicht auch erstmals zugehört-, und prompt wurde alles auf Eis gelegt. Renovierung ist in Ordnung, aber nur wenn Big Ben weiter regelmäßig bimmelt. Bong! Das hatte gesessen. Die kecken ‘Mäuse’ verkrochen sich wieder in ihre Löcher.

Nun will ich aber auf dem kürzesten Weg zum Brompton Cemetery kommen, was nicht schwerfällt, denn er liegt im eleganten Chelsea, gleich neben dem Heimstadion des gleichnamigen Fußballclubs. Ich glaube Beerdigungen finden hier so gut wie gar nicht mehr statt, deshalb wird der Friedhof heute eher als Parkanlage betrachtet und erhalten. Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die Fläche für Beisetzungen freigegeben und schon bald füllte sich der Brompton Cemetery mit Grabstätten, davon viele für bekannte Persönlichkeiten. Einer davon ist Acton Smee Ayrton. Nie gehört? Ich ehrlich gesagt auch nicht, aber er ist der Namensgeber für die ‘Ayrton Lantern’ und die ist sozusagen der funkelnde Geheimschatz an der Turmspitze von Big Ben. Eigentlich weit sichtbar und doch nur wenigen bekannt. Und schon sind wir thematisch wieder beim Glockenturm, beim ‘guten Freund’ der Londoner, ich kann es ja auch nicht ändern.

Das grüne Licht an der Turmspitze, das manchmal am späten Abend vom Elizabeth Tower auf die Stadt herunter leuchtet, das ist die Ayrton Laterne. Es meine nicht die  weit sichtbare, grün angestrahlte Galerie, die sich direkt über den Uhren befindet. Diese Bögen verbergen die ‘Belfry’ (Glockenstube), wo sich Big Ben und die vier Quarterglocken befinden. Nein, noch ein Stück höher, ist eine weitere Galerie mit Fenstern zu sehen. Sie wird ‘The Lantern’ genannt und ist gleich unter dem Turmdach untergebracht. Also im Oberstübchen, im elften Stock. Wie in einem Leuchtturm strahlt hier ein sanftes Licht über die Stadt. Aber wohl nicht mehr lange, denn auch hier muß dringend repariert werden. Eigentlich wird diese Lampe gar nicht oft eingeschaltet, aber wer weiß wann man sie wieder braucht. Der Schalter befindet sich übrigens direkt im Parlamentssaal.

 

 

Die ‘Ayrton Latern’ wurde zu Zeiten von Queen Victoria installiert. Und zwar auf Anregung des Politikers Acton Smee Ayrton. Sein Onkel war Physiker und Elektroingenieur und hatte ganz sicher an der Idee mitgearbeitet. Das Licht wurde anfangs nur an der Westseite des Turms montiert, so dass die Queen im Buckingham Palace es sehen konnte, wenn sie über der Handarbeit aus dem Fenster peilte. Es war tatsächlich eine persönliche Botschaft, nur für sie in die Nacht geschickt, die ihr sagte, dass ihre Politiker noch am Arbeiten waren. Wann immer das Parlament nach Einbruch der Dunkelheit tagte, wurde die Laterne angezündet. Das ist auch heute noch so, inzwischen strahlt sie in alle vier Himmelsrichtungen, allerdings treffen sich die Abgeordneten nur noch selten am späten Abend in Westminster. Also achten Sie mal beim nächsten Londonbesuch darauf, gerade im Winter hat man gute Chancen die Ayrton Lantern brennen zu sehen. 

 

Die Laterne (rechts) hat einen maroden Unterbau. Sie leuchtet nur noch selten, dann aber nach allen vier Seiten. Auf dem linken Foto ist sie in Betrieb. Die Bedeutung kennen nur wenige.

 

So und nun ist gar keine Zeit mehr, um vom Brompton Cemetery zu erzählen. Ach wissen Sie was, gehen Sie doch einfach mal selbst dorthin. Ich glaube Sie werden genau wie ich über die Anlage staunen. Da drängen sich auf engsten Raum die Grabstätten, dazwischen sind auch mal kleine Mausoleen eingesträut. Blumen habe ich nie gesehen, wahrscheinlich gibt es keine lebenden Nachfahren mehr. Der Friedhof ist nicht besonders groß, sozusagen überschaubar, auch deshalb weil die Anlage streng symmetrisch angelegt ist. Ein langer Weg führt zu einigen kreisrunden Feldern. Überall Grabstein auf engsten Raum. In Wikipedia ist zu lesen, dass damals eine “katastrophale Platznot für Begräbnisse in London’ herrschte und das kann man noch heute dort überdeutlich erkennen. Eine bemerkenswerte Anlage und deshalb gehört der Brompton Cemetery auch zu den denkmalgeschützten ‘Magnificent Seven’. Anschließend können Sie dann an die Themse gehen und dort immer entlang des Ufers (Cheney Walk) zurück zum Palace of Westminster. Das dauert eine gute Stunde oder man nimmt sich ein Mietfahrrad, dann braucht man keine zwanzig Minuten. 

 

Eine beeindruckende Anlage. Auf dem Brompton Cemetery liegen die Grabstätten dicht gedrängt, darunter etliche bekannte Namen. Für Rasen, Bäume oder Blumenbeete ist kein Platz geblieben. Wer sich für Grabkultur interessiert, wird hier fündig.