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Die aktuelle Wetterlage. England fühlt sich umzingelt von drohender Kälte.

Der Engländer neigt nicht zu spekulativen Gedankenspielen. Er ist bodenständig und schaut nur soweit in die Zukunft, wie es für ihn von Belang ist. Also ungefähr eine Stunde weit. Allerdings gibt es eine Ausnahme und das ist das Wetter. Jedes Jahr wird vor einer fürchterlichen Sommerhitze oder einem eiszeitlichen Winter gewarnt. Gestern war es wieder soweit: BRITAIN FACES LONGEST WINTER IN 50 YEARS.

Vor ziemlich genau sechs Monaten wurde die schlimmste Dürre aller Zeiten angekündigt. Kauft Wasser oder ihr werdet alle verdursten. Nun, der Sommer war ähnlich wie in Deutschland; eher zu nass.

Die alljährliche Panikmache in Sachen Großwetterlage hat vermutlich einen ganz anderen Grund. Man braucht ein Thema für den small-talk. Der geht nunmal nur über das Wetter und es ist ja nun wirklich bescheiden, wenn man nur alle sechs Monate eine neue Sau durchs Dorf treibt.

Entschuldigung, eigentlich muß ich vom Schwan reden, denn ein solcher wurde vorgestern in England gesichtet. Ja, sie lesen richtig. Ein einzelner Bewick’s Swan ist an der Katastrophenmeldung Schuld. Wie kennen ihn als Zwerg- oder Singschwan. Wenn Sie mal einen beobachten wollen, dann besuchen Sie den Mühlenteich in Hamburg-Wohldorf, dort lebt ein Pärchen ganzjährig in freier Natur.

 

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Der erste Bewick’s Swan ist in England gelandet und löst sofort Panik aus.

 

Das wissen die Engländer natürlich nicht. Sie glauben die Bewick’s kommen alle aus Nord-Sibirien, was ja auch durchaus richtig ist, und wollen nun auf der Insel überwintern. Die Katastrophe ist das Datum; der Schwan ist volle 25 Tage zu früh angekommen! Noch nie hat man sie Mitte Oktober im britischen Luftraum geortet. Also folgert man messerscharf, dass es in Russland bereits bitterkalt ist und der frostigste Winter aller Zeiten vor der Tür steht.

Nachrichten im O-Ton: Britain is facing its longest winter in 50 years after the earliest-ever arrival of a Siberian swan which traditionally heralds the start of the season. Apparently there’s a Russian saying that ‘the swan brings snow on its bill’, because they tend to move just ahead of the cold weather. Alle rennen in diesen Tagen in den Baumarkt und kaufen Iso-Gummis für Fenster und Türen. Die werden für lange sechs Monate verschlossen, ganz besonders im Schlafzimmer, da kommt bis März kein Sauerstoffatom mehr rein. Das ist Überlebensstrategie.

 

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Langjähriger Temperaturdurchschnitt in London. Die brauchen noch nicht einmal Minusgrade auf der Y-Skala! Der kälteste Tag in 2014 war Sylvester, als ich erstmals in London war. Wir hatten minus 3°C ! – Mir war allerdings warm; vielleicht weil ich George erstmals traf?

 

Natürlich hat man dem Schwan erstmal einen griffigen Namen gegeben: Record Breaker. Und damit die Engländer nicht zu deprimiert reagieren, hat man die Ice Age Warnung mit einer positiven Meldung nahtlos verknüpft: Jetzt ist die beste Zeit um Kinder zu zeugen! Ja, Sommergeboren sind bevorteilt. Sie werden größer und sind nachweislich gesünder als ihre Wintergeschwister. Schade, dass wir zu alt für neue Kinder sind. Ins Bett gehen ist trotzdem eine gute Wahl. Cuddling through the ice-cold night, mit Wärmflasche an den Füßen und dicken Socken wird es schon klappen. Da bin ich mir ganz sicher. Aber diesen Monat sind wir in Hamburg und genießen den Komfort von isolierverglasten Fenstern und funktionierender Zentralheizung. Da kann man es sogar abends wagen, das Fenster auf Kipp zu stellen. Ein Begriff, der George Anfang des Jahres noch den Angstschweiß auf die Stirn trieb. 

Und morgen machen wir dann einen Ausflug. Nach einem langen Frühstück brauchen wir Bewegung. Da bietet sich der Mühlenteich in Wohldorf an. Mal sehn, ob noch alle Schwäne da sind. Sollte ein gelbschnabeliger Vogel fehlen, dann ist klar, wer die Engländer in diesen Tagen so in Panik versetzt.

 

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Picture: MELISSA NOLAN. Die Engländer – zum Totlachen. Dieser lustige Kerl hat auch in diesen Tagen die Insel erreicht. Er ist für den Winter gut gerüstet, sein dickes Fell schützt ihn vor Wind und Wetter.