Nachtrag: Wer auch mal “english cream tea” probieren will, findet das Rezept für  jam-roly-poly in den Kommentaren. Aber es geht auch schneller, wenn man den unangekündigten Besuch überraschen will. Die scones sind genauso lecker, nicht ganz so süß und schnell gebacken. Es gibt inzwischen sehr viele Rezepte, hier ist das (fast) original englische, denn die Buttermilch gehört eigentlich nicht dazu. Aber auf diese Weise werden die Scones nicht trocken.

scones
So soll es aussehen: Scones mit jam und clotted cream

 

400 gr. Mehl + Päckchen Backpulver

100 gr. Zucker / 1 gestrichenen TL Salz

175 gr. weiche Butter

250 ml Buttermilch

evtl. 100 gr. Rosinen zugeben.

Backofen vorheizen, 200° und Backblech mit Backpapier auslegen. Besser ein Muffin-Backblech benutzen, weil der Teig feucht ist und leicht verläuft.

Mehl und Backpulver vermischen und zusammen mit Butter, Zucker, Salz und Buttermilch verkneten, bis der Teig geschmeidig ist.  Dann den Teig ausrollen, ca. 2-3 cm dick.

Die Scones werden mit einer runden Form (Glas) ausgestochen. Dann auf das Backblech legen und mit dem Ei/Milch-Mix bestreichen.

Mittlere Schiene, ca. 15 Minuten backen. Sie sollen aufgehen und goldgelb sein.

Abkühlen lassen, aber warm servieren.

Die Scones werden wie ein Brötchen aufgeschnitten und am Kaffeetisch mit Marmelade und Schlagsahne bestrichen. Was man zuerst nimmt ist ein Frage der “Weltanschauung”. Ich nehme erst die Marmelade (Erdbeere) und dann die Sahne. Ausnahmsweise ist die geschlagen: clotted cream.

Lieber etwas mehr machen, denn die Scones gehen weg wie warme Semmeln und eigentlich sind sie auch genau das. Dazu trinkt man englischen Tee (immer mit Vollmilch) oder Kaffee.

cameron
David Cameron im Wahlkampfmodus. Man beachte die Blümchen; es können nie zu viele sein. Die Zeitung titelte: Prime Minister risks upsetting voters in Devon by opting for the Cornish way to eat a cream tea. Er hatte die falsche Reihenfolge gewählt, statt zuerst die Marmelade hat er sich die Sahne aufgestrichen. Das kostet Stimmen.

 

* * * * *

Wenn George bei mir in Hamburg ist, muß er sich genauso anpassen, wie ich es in London machen muß. Es sind die alltäglichen Gewohnheiten, die auf einmal Aufmerksamkeit fordern. Angefangen beim Essen. Ich bemühe mich nicht die Englische Küche nachzukochen, -so lecker schmeckt sie mir nun auch nicht-, aber manchmal versuche ich schon Wünsche zu erfüllen. Wenn George jam-roly-poly essen will, dann überrasche ich ihn gerne damit.

roly-poly
Roly-poly wird ofenwarm serviert. Sahne wird fast immer flüssig hinzugegeben. Das erklärt, warum man zum Kaffee keine Teller sondern Schüsseln wählt.

Aber erst mal staune ich. Roly-poly gehört in die childhood classic cuisine. Es ist ein pudding, was mir nicht weiterhilft, denn das kann so ziemlich alles sein. Die Zutaten zum englischen Pudding reichen von Blutwurst bis Buttercreme. Nur eines ist sicher, es handelt sich nicht um einen deutschen Pudding, der heißt nämlich anders: Custard, creme oder mousse.  

Tatsächlich ist jam-roly-poly ein leckerer Kuchen. Er besteht im Wesentlichen aus Zucker. Eigentlich ernährt sich George eher gesund, schließlich sieht er oft genug auf dem Seziertisch, welche Spuren ständiges Schlemmen in den Innereien eines Menschen hinterläßt, aber hin und wieder wird auch er schwach. Und roly-poly sind mit einer Tasse Kaffee oder Tee unwiderstehlich. Leckere Marmelade, meist Erdbeere, und ein Klacks Sahne (wie oft in England flüssig, nicht geschlagen) laden zum Zugreifen ein. Man kann auch custard nehmen, eine dickflüssige Eier-Creme oder gleich den Eierlikör öffnen.

deadman
“Dead Man’s Arm” – Guten Appetit.

Natürlich haben die witzigen Engländer dieser Leckerei auch einen Spitznamen verpaßt, denn roly-poly reicht ihnen nicht. Sie nennen es gerne Dead Man’s Arm! Schon 10-jährige kennen diesen Begriff für die Marmelade-Kuchen. Mir kommt der Verdacht, daß George dadurch in seiner Berufswahl beeinflußt worden ist???

Ziemlich witzig finde ich auch die Bezeichnung der Pfunde, die sich zwangsläufig bei solchen Genüssen einstellen. Der Engländer wiegt sich in stones auf! Da hört man dann “I weigh 12 stone. *)  Good grief!” Das Umrechnen in Kilogramm ist nicht einfach. Ein stone sind irgendwas zwischen 6 und 6,5 kg. Was mir gefällt, denn so kommt man auf überschaubare Summen. Natürlich gibt es kleinere Einheiten, die mich aber eher noch mehr verwirren: Da gibt es avoirdupois (lb), unzen (oz) und dram (dr). Inzwischen müssen Gewichte auch im Königreich in Kilogramm angegeben werden, aber es ist immer noch üblich das Körpergewicht in Stones zu wiegen. Wie die Engländer das umrechnen ist mir ein Rätsel.

*) Für smart-asses, wie ich 😉 Es heißt stone/stones. Sobald man aber eine Zahl davor setzt benutzt man den Plural nicht mehr. Warum? Nobody knows.

Generell sind die Leckereien, die man zum Nachmittag schlemmen kann, nicht zu verachten. Eine Einladung sollte man also unbedingt annehmen. Man kann schnell feststellen, ob auch Kekse, Kuchen, Sandwiches, etc. vorgesehen sind, denn dann wird der Tee nicht getrunken sondern gegessen. Das heißt dann: “Let’s eat cream tea.” Und wenn George mich abends auffordert: “Shut up and eat your tea” meint er damit das Abendbrot.

Einerseits würde ich gerne mein Englisch verbessern, -im Mai beginnt endlich mein Sprachkurs-, andererseits sind die unausweichlichen Misverständisse oft ziemlich komisch. George ist viel zu höflich, um mich zu verbessern. Das ist nicht gerade hilfreich für mich. Ich hingegegen kann ihn ganz gut verstehen, tue mich aber mit dem Antworten schwer. Immerhin klappt es trotzdem. 

Heute war ich wieder etwas verwirrt. Mehrfach sprach George von “shut the front door“. Natürlich gehe ich zur Haustür zurück, nur um festzustellen, das die geschlossen ist. Was will er mir bloß mitteilen? Statt zu fragen, lasse ich ihn reden. Ich höre ihm gerne zu. Nach einiger Zeit fange ich an den Zusammenhang vage zu begreifen. Heute ist ein großer Tag für die Engländer. Es wird das “Grand National” ausgetragen. Ein Hindernisrennen für Pferde, das eine ziemlich rüde Schlacht für Reiter und Pferd ist und deshalb auch heftig kritisiert wird. Aber es ist das highlight der bookies. Riesige Summen werden gewettet und in diesem Jahr könnte es für die Buchmacher böse ausgehen. Sollte das Pferd mit dem Namen “Shutthefrontdoor” gewinnen, dann drohen Millionenverluste.

So lerne ich ganz nebenbei eine Menge über den britischen Alltag, die Mentalität, und die Vorlieben. Und ich merke kleine und große Veränderung bei mir. So hatte ich bisher keine oder eher eine ablehnende Haltung gegenüber den Royals. Inzwischen aber liebe ich sie und bin stolz auf “meine” Queen. Und sie ist auch wirklich bewunderswert.

queen

Wie jedes Jahr verbringt die königliche Familie rund um Ostern einen Monat auf Windsor Castle. Das Schloß liegt westlich von London an der Themse. Ein Ort den ich unbedingt sehen möchte; George please diarise this date. Die Queen nutzt die Gelegenheit um auszureiten. Dabei macht die 88-jährige eine richtig gute Figur. Ich werde froh sein, wenn ich in dem Alter noch alleine aus dem Bett komme.  Royal Highness, you have my full respect.

2 Kommentare

  1. Nun würde ich ja gerne auch mal das Rezept für roly-poly haben… 🙂 sieht lecker aus, schmeckt sicher auch den deutschen Männern!

    1. Author

      Ich kenne zwei Varianten. Entweder in der Kastenform im Backofen backen oder in Alufolie im Backofen dünsten. Die Folienvariante wird im Blog „Backzwang“ sehr gut beschrieben:
      Backzwang ansehen

      Ich mache es traditioneller. Es ist einfach zuzubereiten, und man kann zwischendurch, falls nötig, mit dem Teig ruhen 😉

      250 gr. Mehl
      1 EL Backpulver / Salz
      60 gr. Butter
      2 EL Milch
      2 Eier
      150 gr. Erdbeermarmelade (Aprikose, Brombeere …)
      200 gr. Zucker + 1 Pck. Vanillezucker

      Mehl mit Backpulver und Salz vermischen, dann mit der Hälfte der Butter verkneten. Milch und Eier quirlen, zum Mehl dazugeben und alles zu einem festen Teig verkneten. – Den Teig zudecken und ca. 1 Stunde ruhen lassen.

      Dann Teig auf Tisch ausrollen (Mehl vorher ausstreuen). Marmelade mit Wasser verrühren, ggfs. leicht anwärmen. Marmelade auf dem Teig (Rechteck) streichen und ihn dann aufrollen. Die Rolle wird in die Kastenform gelegt, die ausgebuttert sein sollte.

      Restliche Butter mit Vanillezucker und Zucker verrühren. Dazu 300 ml heißes Wasser einrühren. Wenn alles klumpenfrei ist, wird es über die Teigrolle gegossen.

      Im Backofen bei 175° ca. 1 Stunde backen. Mittlere Schiene. Behutsam stürzen, abkühlen lassen und servieren. Mit Schlagsahne, geschlagen oder flüssig, Vanillecreme, Eierlikör oder im Sommer mit Vanilleeis.

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