“To begin with, one must be able to come on to the idea”, sagt George kopfschüttelnd und schiebt mir den ‘News Part’ der Zeitung über den Tisch. Ich hatte auf Fotos gehofft, aber da waren nur einige Kurznachrichten. “Welche meinst du?” “The article with Prue Leith, just on top”.  Prue ist eine hochdekorierte Geschäftsfrau, ein Multitalent, die offensichtlich alles zu Gold macht, was sie anfässt. Sie müsste jetzt schon mitte siebzig sein und hat im letzten Jahr eine der meistgesehenen TV-Shows übernommen. Der Titel ist Programm: ‘The Great British Bake Off’. Kanditaten stellen ihre Kuchenrezepte vor und dürfen vom Zuschauer gnadenlos abgewählt werden, wenn die Sache nicht gelingt. Dann spricht Prue süffisant von einem ‘soggy bottom’ und alles grinst. Ein echter Sonntagsmagnet, denn der Engländer ist ein Schleckermaul. Von Kuchen, Keksen und allem was süß ist, lässt er sich gerne verführen. Klar, die Sendung ist trutschig, altmodisch und eher für Senioren geeignet. Aber die Einschaltquoten verraten uns, dass auch das Mittelalter und sogar die Young Generation regelmäßig mitfiebert. Und warum auch nicht, schließlich war in England lange Zeit das Backen und Kochen Pflichtfach in der Schule und dort für beide Geschlechter auf dem Stundenplan. George hat es noch selbst erlebt und ich bin mit seinen Kochkünsten mehr als zufrieden.   

 

In England backen auch die Männer. Beim Finale vom TV-Spektakel ‘Great British Bake Off’ fließen Tränen, wenn dann die Gewinner feststehen.

 

Wenn ein TV-Star wie Prue Leith ihre Meinung äußert, dann wird das in England zur Kenntnis genommen. Deshalb findet man ihr kurzes Statement, das sie wohl so nebenbei gemacht hat, auch gleich abgedruckt in der ‘News’ Spalte der Zeitung. Sie hat es geschafft zwei sehr englische Probleme ursächlich in Zusammenhang zu bringen. Es geht zum einen um die dramatische Zunahme der Fettleibigkeit in der Bevölkerung und zum anderen um die Notwendigkeit die Wohnhäuser besser zu isolieren. Wie kriegt man das unter einen Deckel? Als augenzwinkernden Witz? Könnte man vermuten, aber Prue meint es ganz ernst und genau das liess mir dann mal wieder die Lachtränen in die Augen steigen. Aber hören Sie selbst:

 

Der Londoner muß aufpassen, dass er nicht zu fett wird. Es gibt Gassen, die sind so schmal, da bleibt man schnell mal stecken.

 

Prue Leith sagt, dass die moderne Zentralheizung Schuld an der Zunahme der Fettleibigkeit ist! Lesen Sie den Satz ruhig ein zweites Mal. Zum besseren Verständnis muß ich eine Anmerkung machen. Ja, der Engländer stuft ein funktionierendes Heizungssystem als avantgardistischen Schnickschnack ein. George würde ‘knickknack’ sagen, aber dasselbe meinen. Seit Menschengedenken lebt man im Winterhalbjahr zuhause im Eiskeller und trotzdem haben die Briten bis heute überlebt. Warum also den Elektro-Beistell-Ofen gegen eine Zentralheizung austauschen? Das kostet doch alles nur Geld. Und davon hat man nicht so viel auf der Insel. Aber lassen wir Prue weiter argumentieren: “Gerade weil unsere Vorfahren sich mehr bewegt haben und der Kälte trotzen mußten, blieben sie rank und schlank bis ins hohe Alter. Und obwohl wir heute weniger Kalorien zu uns nehmen (Anmerkung: aber Tonnen mehr an Zucker), reicht es nicht aus, um die warmen Raumtemperaturen und das damit verbundene gemütliche Leben zu kompensieren.” Fazit, und das jetzt im O-Ton, ‘The widespread use of central heating stops people using energy to stay warm’. Das nenne ich eine gekonnte Geistespirouette. 

 

Der Emerald Court, nahe British Museum, ist vielleicht die schmalste Gasse in London. Ich habe 66 cm gemessen. Der Gang geht etliche Meter tief durch das Haus. Nichts für Leute mit Platzangst.

 

Falls Sie also ein paar überflüssige Pfunde aus dem Urlaub mitgebracht haben, können Sie jetzt zwei Dinge machen. Entweder Sie quälen sich durch eine Diät oder Sie drehen die Heizung runter und zittern sich schlank. Man müßte es vielleicht mal ausprobieren, bevor man sich fragt, ob die Engländer eigentlich völlig verrückt sind.