Im Juni wird in Wimbledon, Süd-London, Tennis gespielt. Das Rasentournier schlechthin, das 1985 von Boris Becker gewonnen wurde. Vor zwei Jahren feierte der Engländer Andy Murray den Sieg und die Engländer waren völlig aus dem Häuschen. Endlich ein Triumph in einem internationalen Tenniswettbewerb. Das passiert den Briten nicht gerade oft. In diesem Jahr dann der Dämpfer, Andy vergeigte das Halbfinale. Aus der Traum.

Jetzt doch noch ein happy end? England steht überrachend im Halbfinale des Davis Cups. Murray kann doch noch zum Helden werden. Der Gegner kommt von Down-Under; die Engländer sind klare Favouriten. Der letzte englische Sieg im Davis Cup wurde Ende der 30-er Jahre gefeiert. Eine lange Durststrecke.

Gleichzeitig wird auch noch in einer anderen Londoner Sportstätte gegen die Australier gekämpft und das ist ein Ereignis von epochaler Bedeutung. Es findet alle zwei Jahre statt, zieht sich über Wochen und heißt schlicht The Ashes. Diesen Namen raunt man sich ehrfürchtig zu, um den Sportgöttern Respekt zu zollen. Es handelt sich natürlich um Cricket, was sonst,  und es geht um das bedeutenste internationale Turnier. Alle WM’s, egal welcher Sportart, alle Olympiaden sind dagegen Bundesjugendspiele. Alleine The Ashes ist die Offenbarung.

Sie haben noch nie etwas davon gehört. Hi, hi, ich auch nicht.

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Das Lord’s Cricket Stadion in London. Eine riesige Anlage mitten im teuersten Kensington.

The Ashes wird im hochnoblen Lord’s Stadion gespielt. Es liegt im vornehmen Londoner Stadtteil Kensington und beherbergt den MCC. Nein, kein Carnevals Club, sondern der Marylebone Cricket Club. Marylebone ist ein Stadtteil, der direkt an Kensington anschließt. Ich denke es ist von einem Namen abgeleitet, nämlich Mary LeBone, aber sprechen Sie es um Gottes Willen niemals so aus. Es muß marliben heißen. Mit Betonung auf der ersten Silbe.

Ausgerechnet von einem Clubmitglied wurde George zum 2. Testspiel eingeladen. Eine besondere Ehre, die nur noch durch eine Einladung der Queen übertroffen werden kann. Das ganze ist wohl auch mehr ein geschäftliches Meeting, aber mir kann es egal sein, denn ich darf nicht mit. Frauen, nein nur Damen, sind zwar seit ungefähr 2000 zugelassen, -viele Clubmitglieder halten es aber noch immer für skandalös-, aber die gesellschaftlichen Regeln und Umgangsformen sind noch immer so extrem konservativ, daß George mir das nicht zumutet. Ich danke es ihm, als ich Einzelheiten erfahre.

Trotzdem freue ich mich auf das Ereignis, denn ich darf chauffieren! Wir fahren also nicht wie sonst aus London raus, sondern stadteinwärts. Ich bin stolz, dass er mir das zutraut. Es ist warm, ich trage Jeans und Sneakers, plus dekolletiertes Shirt. Für die Sportveranstaltung undenkbar. Shocking.

George hat den Dreiteiler an. Die Kleiderordnung ist streng geregelt. Der dress code spricht von lounge suit oder smart casual. MCC Mitglieder tragen Club-Jacket und Hose, dazu die rot-gelbe Krawatte und Strohhut. Vermutlich kann man nur durch Erbschaft eine Mitgliedschaft erwerben, über Beitragshöhe spricht man nicht. Der Patron ist natürlich der Duke of Edinburgh, also Prinz Philip.

Als vor einigen Jahren den Damen der Zutritt gewährt wurde, kam es sofort zu schweren Missverständnissen in Sachen outfit. Damen dürfen den dress code, mit dem man in London wirklich oft zu tun hat, etwas weiter auslegen. Ihnen wird nicht so genau vorgeschrieben, was sie tragen sollen. Ihnen sagt man eher was verboten ist. It’s unacceptable to wear T-shirts or anything made of denim. Weiter kann man nachlesen: Banned from wearing are midriffs, bikini tops or leggings without a skirt. Also jeans and their close relations, track suits, training shoes, plimsolls (Slipper), flip-flop shoes, denim clothes and overalls are a no no.

Ja, was bleibt einem denn da noch zum Anziehen? George wird übrigens gebeten eine Fliege oder Krawatte zu tragen und, ganz wichtig, Schuhe mit Socken! Wer trägt seine schwarzen Lederschuhe zum Anzug ohne Socken?

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Das lag dem Ticket bei. Der offizielle dress code. Mich hat fast der Schlag getroffen.

Sollte jemand so dreist sein und in unerlaubter Kleidung das Stadion betreten, so wird er wohl noch nicht einmal in die Nähe seines Platzes kommen. Überall wachen Stewards auf die Einhaltung der dress order. Wer in Jeans, Wanderjacke, Turnschuh oder Flip-Flop kommt, fliegt sofort wieder raus. Die Stewards erkennt man vielleicht nicht als Ordner, sie fallen aber schon auf. “You only have to look at the stewards in their black trousers and cream jackets to know that following the dress code is unlikely as smart as you might do for an evening at an exclusive restaurant.” Grummelt George auf der Heimfahrt. Der vierstündige Besuch hat ihm gereicht, die Krawatte ist schon längst in der Jackentasche verschwunden.

Der alt-ehrwürdige MCC ist ein Dinosaurier. Ein gewaltiges Trampeltier, das gar nicht merkt wie mausetot es ist. Ein einziges Mitglied übte mal öffentliche Kritik: The MCC seems to be living in some bygone era in where denim is the devil’s fabric and cravats are still an indication of a well-dressed man. Der Mann wollte ungenannte bleiben.

MCC Mitglieder stehen für Tickets an. Englischer geht es nicht. Club outfit, Schlange stehen, schweigen und bloß keinen Augenkontakt. Wenn ich solchen Gentlemen begegne reitet mich der Teufel. Da gehn mir die Gäule durch und ich mache irgendwas ganz unpassendes. George weiß es und läßt mich lieber Zuhause.

Wir fahren um den Regent’s Park, am Londoner Zoo entlang. Dann biegen wir nach Camden ab und sind wenig später schon zu Hause. Ich finde mich ohne Navi bestens zurecht. Ein Witz, aber das Lord’s, also die Cricket Sportstätte, hat keinen Parkplatz! Man wird auf die U-Bahn verwiesen, Baker Street. Ja, da wohnten Sherlock Holmes und Dr. Watson. (Fällt mir jetzt erst auf, das sie bei Mrs. Hudson zur Miete wohnten. Sehr un-englisch.)

Das ist doch Prinz Charles. Ouups, voll in die Sch… getreten. Der Amtsträger rechts neben ihm, sieht es mit größter Misbillungen. Welcher Hund hat sich das erlaubt?

Ich frage George warum er zu dem Spiel eingeladen wurde, es war doch nur ein Test, also so eine Art Probe. Wann fangen denn die richtigen Matches an? Er runzelt die Stirn und dankt erst mal dem Schicksal, dass er mich nicht dabei hatte. Dann bekomme ich Nachhilfe. Die Tests sind die richtigen Spiele. Man untertreibt nun mal gerne und also nennt man es einfach Test. Jeder Engländer weiß, dass es um Leben und Tod geht. Man spielt über fünf (!) Wochen bis der Sieger feststeht. Es gibt nur zwei Mannschaften: England und Australien. Das ist seit 1877 so !!! Man trifft sich alle zwei Jahre, mal in London, dann in Melbourne. Übrigens heißt der dortige Cricket Club auch MCC.

Anders gesagt: Man spielt ein fünf-wöchiges Finale, ohne vorherige Qualifikation. Darauf soll man erst mal kommen.

Als 1882 die Engländer ihre erste Heimniederlage im Londoner Oval einstecken mußten, erschien eine Traueranzeige in der Zeitung. Es sollte eine Glosse sein, die aber von den geschlagen Engländern bitterernst genommen wurde. Es hieß dort:

 English Cricket, which died at the Oval

on 29th August 1882

deeply lamented by a large circle of sorrowing friends.

R. I. P.

N.B. The body will be cremated and the ashes taken to Australia.

Damit war das Motto und der Name gefunden: Die Asche. Als England später in Australien endlich wieder den Sieg erringen konnte, wurde ihnen eine kleine Urne ausgehändigt, in der tatsächlich Asche enthalten war. Das Behältnis ist noch heute im Londoner MCC zu besichtigen. Es gibt viele Gerücht über die Herkunft der Asche. Manche glauben es wären die Überreste eines Balles andere tippen auf einen Damenschleier. Niemand weiß es. Womöglich war es das Mitglied, dass öffentlich Kritik geübt hat.

Generell verkraften Engländer Niederlagen gegen Australier besonders schlecht. Eine Heimniederlage gilt als Affront ohnegleichen. Absolutely shocking, dass die Nachkommen von Mördern, Räubern und Eierdieben, von der anderen Seite der Welt, die Einheimischen vor 20.000 Zuschauern besiegten. Im Endspiel, last test, ist die Anspannung so groß, das schon mal ein Zuschauer tot umfällt. Ein anderer hatte mit seinen Zähnen Stücke aus der Spitze seines Regenschirm gebissen.

Schließlich erfahre ich noch etwas über die Bails und Stumps. Die Stumps sind senkrecht in den Boden gerammt, darauf liegen kleine Hölzchen (Bails). Hinter dem ganzen steht der Batsman (Schlagmann). Große Bewunderung genießen die Spinbowler. Sie werfen den Ball langsam aber mit enorm viel Drall, so dass er nach dem Aufsetzen radikal die Richtung ändert.

Bei aller Vornehmheit, auch bei den Spielern, die ganz in weiß antreten, sind die Begegnungen oft von heftiger Brutalität geprägt. Manche Spielführer weisen ihre Bowler an, gezielt auf den Körper der Gegenspieler zu werfen. Das ist zwar legal, aber unsportlich. Es führt nicht nur zu blauen Flecken, da gibt auch schon mal eine Rippe nach.

Übrigens sagt man “this is not cricket“, wenn sich jemand unfair benimmt. Das gilt überall nur nicht auf dem Cricketplatz. Die legendären Spieler werden wie Filmstars verehrt. Ein rabaukenhaftes Benehmen und hohe Trinkfestigkeit sind gern gesehene Fertigkeiten.

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TV-Star Jim Carter (Downton Abbey) kann man hier beim Afternoon Tea treffen. Er ist ein toller Schauspieler; ich mag ihn sehr.

Mir reicht’s. George soll nicht wieder zum Cricket gehen, dann lieber Football. Er macht einen Gegenvorschlag: Schaue es dir doch einmal an. Wir können das Lord’s zum Afternoon Tea besuchen. Ich bestelle uns Karten. Oder noch besser, wir gehen zum Christmas Afternoon Tea. Are you happy? Zum Glück sind wir inzwischen zu Hause angekommen, der Wagen steht wieder in der Garage. Sein Angebot trifft mich wie eine Faust in den Magen. “Pleeeeeeease don’t do it.” “Don’t worry, I know you would cry or die.” George kann mich einschätzen und weiß wo meine Grenzen sind. Für stolze 60 Euro kann man Sonntags mit zehn fremden Leuten an einem Tisch Tee und Gebäck einnehmen. Wenn man Glück hat, sind es urenglische Snobs. “They probably begin everything watchfully, from bath (one toe first, then the other four, then finally the whole feet) to all-you-can-eat Chinese buffets (some gentle spring rolls to get you going).” Nein, da gehören wir nicht hin.

Übrigens bietet der MCC London auch Geburtstagsparties für Kinder an! Was für eine Strafe. Die armen Kids.