sagte die britische Premierministerin vor den Brexit Verhandlungen. Aber darauf komme ich später. Erst möchte ich wissen, wie Sie es fanden? Gestern Abend, das Proms Konzert? Ich war ehrlich gesagt enttäuscht. Erst dachte ich es würde daran liegen, dass man es live erleben muß, aber das ist Quatsch, denn letztes Jahr habe ich es auch “nur” am TV Schirm verfolgt. Und da war ich begeistert. Diesmal nix davon, noch nicht einmal ein bißchen Gänsehaut bei ‘God Save the Queen’. Ausgerechnet das Stück wurde in einem neuen Arrangement gespielt, dass anfangs so fremd klang, dass niemand den richtigen Einsatz fand. Geht’s noch? Woran lag es, dass gestern alles nur mittelmäßig war? Nun, es hilft nichts, es lag am Dirigenten. Letztes Jahr stand dort eine Frau, die Amerikanerin Marin Alsop, und die war großartig. Diesmal war es ein Finne und ihm wollte es einfach nicht gelingen den Funken überspringen zu lassen. Ich hatte über weite Strecken das Gefühl, da spult jemand brav ein Programm ab, aber er fühlt es nicht. 

Warum hat man sich ausgerechnet für ein tieftrauriges Brecht/Weil Stück unmittelbar vor den ‘British Sea Songs’ entschieden? Ich fand das völlig unpassend als Auftakt für den Höhepunkt der ganzen Show. Man wählte die deutsche Textfassung und durfte dann von der Sängerin hören: “Du bist ein Schuft, Jonny, du hast kein Herz … nimm die Pfeife aus dem Maul, du Hund.” Die Engländer reagierten etwas irritiert auf das elend lange Klagelied. Danach wechselte der Dirigent nahtlos auf Frohsinn um, aber das kam, wie schon gesagt, nicht wirklich im Saal an. Seine Rede dann, nun ja ganz nett, aber oberflächlich. Kein Wort zu den EU-Befürwortern, die ihr Anliegen zeigten, indem sie hunderte von EU-Flaggen vor seiner Nase schwenkten. Beim ‘Rule Britannia’ trat Sängerin Nina Stemme im Wikingerkostüm auf, -das ist durchaus Tradtion sich an dieser Stelle kampflustig zu verkleiden-, war aber doch nur eine schlechte Kopie des Vorjahres. Damals zog der Tenor Juan Diego Flórez einen Damenslip aus der Smokingtasche. Das hatte Witz, das war ein gelungener Einstieg in den lustigen Teil des Abends.

 

 

Die Londoner sind verärgert, dass der Dirigent gestern in seiner Rede mit keinem Wort auf die vielen EU-Supporters eingegangen ist. Man ist sich heute einig: ‘He ignored the elephant in the room’.

 

Immer wenn man Zugaben erwartete, kam nix vom Dirigenten. Und nach der National Hymne, der absolute Höhepunkt des Abends, verschwindet der Mann mitten im ersten Applaus mal kurz hinter die Bühne. Ich war verwirrt. Schließlich kommt er zurück, stellt sich ans Pult und fängt mit ‘Auld Lang Syne’ an. Alle singen inbrünstig mit, es ist das Abschiedslied, und dann kriegt er es fertig und gibt ausgerechnet hier ein Zugabe. Er wiederholt doch tatsächlich ‘And there’s a hand, my trusty friend! …  for long, long ago.’ Mein lieber Mann, hier hätte er sich mal lieber zurückhalten sollen.*) Oder mit den Menschen feiern, wie es Marin Alsorp im Vorjahr machte. Sie stand mit dem Rücken zum Publikum, montierte spontan ihr Handy auf einen Stick und fing an Selfies zu machen. Witzig, nett, tolle Geste. 

*) Das populäre Abschiedslied ‘Auld Lang Syne’ setzt immer den Abschlußpunkt. Danach darf nichts mehr folgen, am wenigsten Wiederholungen. Das ist so, als würde jemand ‘Zugabe’ bei einer Trauerfeier rufen.

Eine viel bessere Demonstration wurde am Nachmittag auf dem Parlaments Square geboten. Die kleine, parlamentarisch unbedeutende liberale Partei Lib Dems hatte zum Protestmarsch aufgerufen. Ihr Vorsitzender, Sir Vince Cable, sprach zu den Londonern an der Speaker’s Corner, am Hyde Park. “Incompetent, dysfunctional and disunited,” bezeichnete er das Team, das Britannien aus der EU führen will. Wenn ich an die letzten Monate denken, dann bekam ich immer ein Wort zu hören, wenn ich die Londoner nach dem Brexit fragte. Ganz oft antworten sie mir: ‘devastation’. Das bedeutet ‘Verwüstung, Zerstörung, Verheerung’ und zeigt wie entsetzt die Briten über den Verlauf des Ausstieges sind. Man hat ihnen viele Versprechungen gemacht und erst jetzt erkennen sie, dass das meistens Lügen waren. Entsprechend groß ist die Enttäuschung. Vince Cable gab dem allgemeinen Gefühl Ausdruck, als er sagte: “Brexit isn’t a holy cow. It has to be stopped, and why shouldn’t it be stopped if it is a disaster for our country.” Die Zuhörer applaudierten, das war ihnen aus dem Herzen gesprochen. Dann setzte sich der Protestmarsch in Bewegung. Viele trugen das Motto auf Plakaten durch London, darauf stand: ‘Unite, rethink and reject Brexit.’ Andere fassten es kürzer zusammen: ‘Take back control from these clowns!’ Die Polizei schätzte am Abend die Menge auf ca. 50.000 Menschen. Damit hatte niemand gerechnet. Es war nur ein Auftakt zu einem heißen Herbst. ‘The People’s March for Europe’ wird sich fortsetzen. Am Montag findet eine wichtige Abstimmung im Parlament statt. Wenn Theresa May unterliegt, dann könnte doch noch einmal alles infrage gestellt werden. Und das wäre vielleicht gar nicht so dumm. George hat sich seine Meinung gebildet und er steht nicht alleine, wenn er sagt: “Do we want to rush ahead, jump off the cliff, or do we want an exit from Brexit?”