Es wird ernst. Das Weihnachtsessen muß geplant werden. Englisch oder deutsch? Eigentlich keine Frage. Und ausserdem hatten wir die deutsche Variante schon letzen Sonntag, Entenbrust mit Rotkohl. Ein leckeres, festliches UND einfach zubereitetes Essen, denn man kann kaum etwas falsch machen, oder? Die einzige Herausforderung ist die Soße, weil eine Entenbrust nicht viel Saft hergibt. Da muß man improvisieren. Ein guter Fond hilft.

Vom englischen Weihnachtsessen weiß ich nicht allzu viel. Meine Vorstellungen sind vage. Gut, der unverzichtbare Christmas Pudding ist im wahrsten Sinne des Wortes vom Tisch. Obwohl ich ihn vielleicht doch probieren kann, denn er lässt sich auch fertig und portionsweise kaufen. Was also erwartet der Engländer auf dem Mittagstisch? Das Datum ist klar, es wird am 25. Dezember festlich gefuttert und wir einigen uns auch schnell auf die Zeit. Nicht abends, sondern schon mittags, zwischen Bescherung und Weihnachstansprache der Queen.

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Die Karte hat mir eine Freundin geschickt. Darauf alles, oder wenigstens die essentials, die man für ein xMas Lunch benötigt. Merkwürdig ist, dass die üppig gedeckte Weihnachtstafel meistens Lunch statt Dinner genannt wird .

Bevor ich lange in Kochbüchern nachschlage, frage ich lieber George aus. Der feiert Weihnachten seit Jahrzehnten in England und sollte es wissen. Er muß dann auch nicht lange überlegen, um mir die wichtigsten Zutaten zu nennen:

A truly British Christmas dinner will take several hours. And the turkey plays the leading role. Schon muß ich Einspruch einlegen. Ein Truthahn kommt nicht in die Tüte und also auch nicht ins Bratrohr. So ein Puter wiegt leicht sieben oder noch mehr Kilo und ich habe das Fleisch eher etwas trocken in Erinnerung. Über eine Gans können wir uns unterhalten. Das wird von George sofort akzeptiert; ich hatte mit einer längeren Verhandlung gerechnet. Ob Geflügel oder Braten scheint nicht entscheidend zu sein. Beides geht in Ordnung. Die klassische Puter Füllung sage & onion hat sich damit leider auch erledigt. Also spontan wäre ich wohl eher nicht darauf gekommen Salbei und Zwiebeln in den Vogel zu stopfen. 

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Noch keine Weihnachtsgeschenk? Kaufen Sie doch ein Buch vom Cartoonisten Matt Prittchet. Das kommt mit Sicherheit gut an. Und selber lesen macht auch Spaß.

Nicht verhandlungsfähig sind die pigs in blankets. Der Fairness halber muß ich jetzt wohl nachgeben und hoffe nur, dass das eine nette Umschreibung ist und nicht wörtlich verstanden werden muß. – Bei den Schweinen im Schlafrock handelt es sich natürlich um Schweinefleisch in einer leckeren Umhüllung. Manche nehmen dazu Blätterteig. Unser Rezept geht aber anders: Man nehme Würstchen (kleine Party Dinger oder dicke Knackwürste, egal) und rollt diese in dünn geschnittene Speckscheiben ein. Das ganz kommt in den Backofen bis es gut gebräunt ist und unwiderstehlich lecker duftet.

Als nächstes fallen ihm die parsnips ein, roasted in a drizzle of honey. Das sind weisse “Rüben”. Mir fehlt jede Erfahrung mit diesem Gemüse (Pastinake), aber das hört sich nicht allzu kompliziert an und den guten Honig haben wir sogar aus eigener Ernte (sagt man so?) zur Verfügung. 

Red cabbage ist ebenfalls unverzichtbar und da sind wir einer Meinung, denn es handelt sich natürlich um Rotkohl. Allerdings hat George genaue Vorstellungen wonach es schmecken soll und da reichen Äpfel und Schmalz nicht aus. Er will den Kohl spieced with cinnamon, cardamom and star anis. Wo werde ich die Gewürze kaufen können? Wahrscheinlich in jedem Supermarkt, denn es ist eben einer der Weihnachtsklassiker.

Wenn er schon auf den Christmas Pudding verzichten muß, dann besteht er auf den Christmas Cake. Eine dunkle Schokoladentorte mit viel Sahne, sehr fettig, sehr kalorienreich und sehr lecker. Für mich eine Herausforderung, so etwas zwischen Gans und Rotkohl unterzubringen, für den Engländer ganz normal. Er isst seltener am Tag, dann aber richtig. Für den Kuchen bekomme ich auch gleich eine Richtschnur: dark, sticky and rich, at last soaked in a festive glug of brandy.

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Alternativer Christmas Cake. Statt Schokolade hat dieser sahniges Eis im Zuckermantel zu bieten. Und das beste ist, der Schneemann kann fertig gekauft werden: A perfect all-rounder for all the family to enjoy. Na, das ist doch genau was wir wollen.

Ganz nebenbei erwähnt er die roast potatoes, dabei sind sie wichtig. Eine große Schüssel voller knuspriger Kartoffeln werden erwartet. Ich mache sie wie zum Grünkohl, also leicht karamellisiert. Aber statt stundenlang die kleinen Dinger zu schälen kann man ruhig große Kartoffeln nehmen, denn der Engländer hat sie gerne in fingerdicke Stücke geschnitten. Das kommt gut an.

Und dann darf natürlich Brussel sprouts nicht fehlen und da wird es kritisch, jedenfalls für mich. Gemeint ist Rosenkohl. Aber möglichst in Gemeinschaft mit Karotten und gerne weitere Gemüsesorten. Wer bitte füllt sich damit den Teller, wenn er gerade einen Schlag Rotkohl gegessen hat? George zuckt die Schultern und gibt halbherzig zu, dass das keiner macht aber trotzdem unverzichtbar ist. Das bunte Gemüse, besonders der Rosenkohl, hat seine Berechtigung auf dem Weihnachtstisch ausschließlich durch seine grüne Farbe! Es geht um Symbolik. Kein Engländer mag das Gemüse, man schiebt es auf den Tellerrand und lässt alles zurückgehen. Das zeigt gute Kinderstube, Teller werden immer halbgefüllt stehen gelassen. Leer gefutterte Teller zeugen von animalischen Hunger. Man wird nie wieder eingeladen. – Wahrscheinlich ist auch der durchdringende Kohlgeruch für einen Engländer wichtig. Während ich Barney im Verdacht habe, dass er mal wieder ein halbverwestes Schulbrot auf dem Morgenspaziergang gefunden hat und nun hemmungslos seinen Blähungen freien Lauf gibt, steigen bei George vermutlich romantische Weihnachtserinnerung aus der Kindheit auf.

Eine unverzichtbare Zutat hat er glatt vergessen: Gravy. Dunkle, sahnige Soße. Eine randvolle Sauciere sollte davon immer auf dem Tisch stehen. Der Engländer serviert sein Gemüse leider immer ohne jede Flüssigkeit. Das sieht gut aus, schmeckt aber dröge. Selbst ein Klacks Butter findet selten den Weg in die Gemüseschüssel. Also ohne Gravy geht gar nichts. Das gilt nicht nur Weihnachten.

Wer dann immer noch Hunger hat sucht nach mince pies. Nein, kein Pfefferminz sondern kleine Hackfleischpasteten, gerne mit einem Apfel verfeinert. Sehr lecker. Die freuen sich wenn sie im Magen auf die pigs in blankets stoßen. Wenn ich mir das alles so recht überlege, scheint mir ein gut gekühlter Aquavit im Kühlschrank unverzichtbar. Rein prophylaktisch. George hat wohl härtere Drogen parat, wenn der Magen ernsthaft streiken sollte.

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Wenn das man gut geht. Wenn ich nicht aufpasse, dann ist am zweiten Weihnachtstag groggy-doggy angesagt.

Die Liste ist erstellt und hört sich nach viel Arbeit an. Komme ich aus dieser Nummer noch raus? Leider haben die englischen Herde reichlich Kochstellen. Mit dem Argument keine sechs Kochtöpfe gleichzeitig unter Dampf halten zu können, kann ich also nicht punkten. Aber statt in fünf Pötten Gemüse zu köcheln, könnten wir die Farbensymbolik doch auch anders erreichen. Wie wäre es, wenn wir einen hübschen Tannenzweig auf die Tafel legen? Plus rote Kerze? George überlegt kurz und signalisiert mir dann mit einem schlichten perfect seine volle Zustimmung. Da habe ich ja gerade noch die Kurve gekriegt. Das Fest kann kommen.