Ich nutze immer das Flugzeug um schnell und bequem von Hamburg nach London zu kommen. Der Fuhlsbütteler Flughafen liegt zentral in Hamburg und in London gibt es gleich vier Flughäfen, wovon ich bisher aber nur zwei kennengelernt habe.

Wenn ich mit Lufthansa oder British Airway unterwegs bin, landen die Maschinen in Heathrow. Der Airport liegt südwestlich von London und es lohnt sich auf dem Hinflug einen Fensterplatz an der rechten Seite zu wählen, denn dann bekommt man (meistens) eine perfekte Sicht auf die Stadt während des Anfluges. Mit Glück sogar mit Wiederholung, je nachdem wie lange die Maschine im luftigen Warteraum kreist.

Diesmal aber bin ich mit einer Billig-Airline geflogen. Zum Glück bietet auch easyJet den Direktflug von Hamburg nach London an, was mir die Reise angenehm verkürzt. Mittags geht es los und gegen 17:00 Uhr landet die Maschine in London-Luton. Der Flugplatz ist viel kleiner als Heathrow. Er liegt im Nordwesten, ca. 50 km von London entfernt.

Die Weiterfahrt nach Camden, dort wohnt George, ist einfach. Entweder steige ich in die Piccadilly-Linie der Tube ein und fahre bis Leicester Square, wo ich in die Nothern Linie umsteige und in Hampstead (Camden) lande. Oder ich nehme den Bus, der Luton mit dem zentralen Londoner Bahnhof St. Pancras / King’s Cross verbindet. Heute aber werde ich abgeholt. George hat Zeit und ist die relativ kurze Strecke von Camden nach Luton mit dem Auto gefahren.

Zurück geht es über die Autobahn M1. Eigentlich müssen wir immer nur geradeaus fahren um direkt zu Hause zu landen; ich würde den Weg alleine finden können. Deshalb bin ich ziemlich überrascht, als George schon nach kurzer Zeit von der M1 abfährt. Auf einem Schild lese ich in großen Buchstaben “Hempstead” und wundere mich, dass wir bereits dort angekommen sind. Noch habe ich keine Ahnung, daß es mehr als einen Ort mit diesem Namen gibt.

Was wir gerade ansteuern ist nicht der Stadtteil Hampstead, sondern der Vorort Hemel Hempstead. Hier gibt es eine Attraktion, den ‘Magic Roundabout’, und den möchte George mir ausgerechnet in der rush-hour zeigen.

Nun sollte ich vielleicht erwähnen, daß es in England sehr viele Kreisverkehre (roundabouts) gibt. Sie sind viel größer als bei uns, oftmals mehrspurig und natürlich fährt man links herum hinein. Übrigens wird auch der Gegenverkehr durch den Kreisel geführt! So kann man also links oder rechts herum fahren. Ganz wie es beliebt! “Each to their own” – ein Lebensmotto des Engländers.

Obwohl ich eine sichere Autofahrerin bin, sind mir Kreisel generell nicht ganz geheuer. In meiner Heimatstadt Hamburg meide ich zum Beispiel immer den Horner Kreisel, nachdem ich vor Jahrzehnten (!) einmal versehentlich von dort auf die A1 gespült wurde und irgendwann in Stapelfeld (die Jenfelder Ausfahrt gab es damals noch gar nicht) mich wieder in den “normalen” Straßenverkehr einsortierten konnte. Solche Erfahrungen prägen lebenslang 😉

Was mir aber hier in Hempstedt bevorstand, hätte ich mir im schlimmsten Alptraum nicht ausmalen können. George verriet mit keinem Wort, was er mir zeigen wollte. Vergnügt steuerte er den Wagen auf den Magic Roundabout zu.

Ein Schild am Straßenrand, setze mir erste Fragezeichen in’s Gehirn. Was um alles in der Welt war das für eine Infotafel???

schild

Ganz nebenbei, auch den Elefanten, geschweige denn den Skifahrer, kann ich mir nicht plausibel erklären. Aber hier geht es um die geometrische Gestaltung des Kreisels. Hier soll angedeutet werden, daß sich im großen Kreis sechs kleine befinden! Eine unglaubliche Konstruktion. Um es auch nur ansatzweise verstehen zu können zeige ich hier mal ein Schema, daß ich bei Wikipedia bzw. Google-Map gefunden habe:

info

Noch immer ahne ich nicht, was da auf mich zukommt. George fährt unbeirrt weiter. Er ist ein souveräner Fahrer und mir sagt man Nervenstärke nach. Als er dann zügig links in den 5-spurigen Kreisel einbiegt, um gleich darauf auf die innere Spur zu ziehen, schreie ich laut auf.

Frontal kommen uns gleich mehrere Autos entgegen, die ganz offensichtlich mitten auf der Fahrbahn mal eben kehren! Irgendetwas läuft da gerade völlig aus dem Ruder und ich bin felsenfest davon überzeugt, das es uns erwischen wird. Gleich wird es krachen!

life

George bleibt ganz ruhig, hält mir kurz das Händchen und steuert vergnügt weiter, um gleich darauf, -wir sind immer noch im Kreisverkehr-, mal eben die Richtung zu ändern. Statt linkherum, tanzen wir jetzt eine Drehung rechtsherum. Dann geht es wieder elegant in den Linksmodus.

Auf diese Weise drehen wir einmal komplett um das Rund-Herum und biegen schließlich wieder auf die Straße ein, von der wir gekommen sind. Schon bald sind wir wieder auf der M1, queren kurz danach die Ringautobahn M25, die einmal um Großlondon herumführt, und sind schon bald später in Camden.

Noch beim Aussteigen schlottern mir die Knie. George hat auffallend gute Laune. Auf der Heimfahrt hat er meine Sprachlosigkeit genutzt, um mir mal kurz die Regeln des Kreisverkehrsfahren beizubringen.

Im Magic Roundabout von Hemstead gilt: Ohne Blinker links in den großen Kreisel einbiegen; die kleinen Kreisel werden rechtsherum gefahren. Auf der inneren Spur blinkt man rechts vor jeder Ausfahrt, die man nicht nehmen will. Fährt man auf der Außenspur gelten andere Regeln. Dort blinkt man rechts nach der letzten Ausfahrt, die man nicht nehmen will.  Gleich danach setzt man links den Blinker und verläßt den Kreisel über die nächste Ausfahrt. Alles klar? “Okay, here it is“.

Ich nicke und George grummelt: “Next time, you’ll do the driving.” Ich bin kurz vorm Heulen und höre mich scheinbar ganz automatisch antworten: “I’ll put the kettle on“. Wow! Werde ich zur Engländerin? Den Teekessel aufzusetzten, wenn gerade die Welt untergeht, kommt der englischen Mentalität schon recht nahe.

Abends muß ich dann doch herzhaft lachen. Die Verkehrsführung im Magic Roundabout entbehrt nicht eines gewissen Humors, den die Engländer so mühelos verstehen. Die Konstrukteure haben sich wirklich viel Arbeit gemacht, um ein Straßenmonstrum zu bauen, daß in Deutschland nur noch Kopfschütteln erregt hätte. Vielleicht auch eine Zwangseinweisung?

George genießt sein neues Image ganz offensichtlich: Mein Held der Straße! Ich habe nichts dagegenzusetzen. Aber abwarten, demnächst wird er mich in Hamburg besuchen. Da sollte ich ihm doch eigentlich auch ‘was bieten können.

Engländer sind nach meiner (kurzen) Erfahrung ausgesprochen freundliche Autofahrer. Geduldig und hilfsbereit. Die Geschwindigkeit ist überall limitiert; in London beträgt sie mal gerade 48 km/Std.! Wovon man bestenfalls die Hälfte erreicht, wegen der Verkehrsdichte. Aber keiner muckt auf.

Auf der Autobahn darf max. 112 km/Std. gefahren werden. Da wäre es für George doch bestimmt ein Erlebnis, wenn wir dann mit 180 km/Std. über die A1 brettern, stur auf der Überholspur bleiben und abwarten bis ein Porsche sich auf fünf Meter Abstand an mein Heck gekrallt hat und mir mit Lichthupe und Blinker klar macht, daß ich zu langsam bin. Mal seh’n ob George dann nicht auch ganz kurz nach meiner Hand greift und grummelt: “Could you return home and put the kettle on?”