bookEine gute Freundin brachte mir einen Bücherschatz vorbei: English Fairy Tales. Es waren drei Bücher mit Märchen, wunderschön illustriert und für jemanden wie mich, der Englisch nicht als Muttersprache gelernt hat, eine sehr geeignete Lektüre zur Unterhaltung und zum Erlernen der Sprache. Ein Band war Grimm’s Märchen gewidmet, einer war für den Dänen Hans Christian Andersen und einer nur für englische Märchen. Und als hätte ich es geahnt, war natürlich in diesem Band ein kleiner Witz versteckt, ohne den es nunmal nicht geht. Ganz am Ende des Buches, als die letzte Erzählung über die Princess of Canterbury geendet hatte, fand sich doch noch eine Seite mit diesem Text: Oyez, oyez, oyez. The English Fairy Tales are now closed. Little boys and girls must not read any further.

Zum Glück lassen sich die Bücher antiquarisch kaufen, aber dann kam mir eine viel bessere Idee: Warum nicht zum Camden Market fahren und dort in den unzähligen Angeboten stöbern? Prima Idee, das kann man am Samstag vormittag machen und verspricht einen ereignisreichen Tagesbeginn. Wir waren lange nicht dort und wohnen eigentlich gleich nebenan.

Märchenhaft sollte auch unser Abend werden und das deutete sich an, als George  sich abends ein zweites Mal rasierte. Meinetwegen muß er das nicht machen, ich stehe auf sharp look. Als er dann aber im Bad auch noch mit Bob Marley trällerte

I’ve been watching you 
alalalalalong alalalalalonglongleelonglonglong

Girl I want to make you sweat 
Sweat till you can’t sweat no more 
And if you cry out 
I’m gonna push it some mo-o-ore

alalalalalong alalalalalonglongleelonglonglong

waren meine Erwartungen an den Abend in beachtliche Höhe katapultiert. Und ich sollte nicht enttäuscht werden. Genau darum ging es, um beachtliche Höhe.

Ich hatte allen Grund fröhlich zu sein, denn mein Knie tat nicht mehr weh. Gott sei Dank, kein MRT und vor allem keine Gelenkspiegelung. Was ich in den letzten beiden Wochen über misslungene Arthroskopien gehört habe, ist unfassbar. Aber zum Glück hat die konservative Methode funktioniert: Schmerzen ernst nehmen, Körper trösten, Zeit nehmen und abwarten. 

Und so kann ich also auch wieder problemlos reisen und merke wie mir die Zwangspause zugesetzt hat. Und das es George ähnlich empfunden hat, freut mich ganz besonders. Heute soll das Wiedersehen gefeiert werden und vielleicht kann man bei einem gently Bossa-Nova die wiedergewonnene Tragfähigkeit des Kniegelenkes praxisnah testen. So stelle ich es mir vor und also ziehe ich was Nettes, Feierliches an. George wählt den smart suit, damit sieht er immer gut aus.

Los geht’s. Mitten durch die Stadt, über die Tower Bridge, was alleine schon ein Erlebnis ist. Die lästige Maut-Gebühr in der Londoner Innenstadt muß nur werktags entrichtet werden. Ich glaube zwischen 7:00 und 18:00 Uhr. Wörtlich ist es ja eine “Staugebühr”, also man zahlt satte £10 für die Erlaubnis sich in den täglichen Stau einordnen zu dürfen. Oder habe ich das falsch verstanden? Auf jeden Fall erkennen Sie das Gebiet an den großen Schildern mit dem C auf roten Grund. Aber all das stört uns nicht, George hat längst den Jahresbeitrag für die congestion charge überwiesen und darf also fahren wo und wann er will.

 

silver-cloud
Wenn ein Kreuzfahrer, hier die Silver Cloud, London besucht, dann ist das ein schönes Bild, wenn die Tower Bridge die Fahrbahn hochklappt.

 

Und die Tower Bridge ist eine wahre Schönheit. Ein Wahrzeichen Londons, ein uraltes Bauwerk, und doch zeitlos elegant. Das leuchtende Blau mag ich ganz besonders, es ist auch im Alten Land zu finden, z.B. in den Kirchen dort. Aber jetzt sind wir in London, mitten auf der Tower Bridge. Sie funktioniert nach wie vor einwandfrei und wird ca. viermal täglich hochgezogen, um großen Schiffen Platz zu machen. Aber die meisten Pötte steuern schon lange nicht mehr die Metropole an, denn die Containeranlagen liegen weit vor der Stadt an. Gleich hinter der Themsemündung, gegenüber von Gravesend.

Wenn die Brücke gerade hochgeklappt wird, dann können Fußgänger über den ganz oben liegenden Steg immer noch an das andere Ufer kommen. Dafür muß man aber erst einmal die Treppen in den Türmen nutzen und gut 30 Meter hoch bzw. runter steigen. Wenn ein Schiff kommt, dann hat es Vorfahrt. Die Autos müssen warten. – Wir haben Glück und rauschen rüber. Unser Ziel ist schon lange in Sichtweite, aber noch ahne ich nichts.

 

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Wir fahren nach Southwark und halten in der Tiefgarage des London Bridge Tower, besser bekannt als The Shard. Der Superlativ eines Wolkenkratzers. Der höchste Turm der EU und das dürfte auch aktuell noch wahr sein. Noch ziemlich neu, -die Einweihung war 2013-, ist er über 300 Meter hoch. Eine gläserne, sehr schlanke Pyramide, mit nicht ganz symmetrischer Silhouette. Das in der Sonne glitzernde Ding wurde von den Londoner schnell als “Scherbe” bezeichnet und dabei blieb es bis heute: The Shard. Drinnen sind Büros, Restaurants, ein Hotel und Luxuswohnungen. Wir besuchen eines der Restaurants und bleiben damit ziemlich bodennahe; sie sind im 31./32. Stockwerk untergebracht.

Nach einem guten aber leichten Essen wollen wir noch ein bißchen feiern. Und weil wir schon hier sind, bietet sich der Weg upstairs an. Der Lift bringt uns in kürzester Zeit in die Cocktail Bar des Hotels. Level 52 steht an der Wand und das ist ziemlich hoch. Der Blick ist atemberaubend. Ganz London liegt uns zu Füßen. Mein Herz ist offen wie ein Scheunentor, sobald ich die wunderbare nächtliche Beleuchtung entlang der Themse sehe. Das ist eine ganz zauberhafte Stimmung, die viel zu schön ist, um vom Verstand begriffen zu werden. Das ist emotionales Seelenfutter pur. 

Ein toller Abend und tatsächlich kommen wir noch zum Bossa Nova! Aber wir lassen es ruhig angehen, das passt auch viel besser zum eleganten Rahmen. Das Knie hält. Alles ist gut. Sehr beschwingt kommen wir kurz nach Mitternacht wieder zu Hause in Hampstead an und jetzt habe ich Grund Bob Marleys Lied zu Ende zu singen:

I put a little bit of this and a little bit of that 
the lyrics goes on the attack 
my tongue gets tied 
and that’s no lie

I’m looking in your big brown eyes

alalalalalong alalalalalonglongleelonglonglong