In diesen Tagen muß ich mich öfters kneifen. Ist das wirklich passiert, was ich da gerade im britischen TV sehe? Zerlegt sich da gerade eine Regierung selbst? Oder überträgt man eine Neuverfilmung von Thackeray’s ‘Vanity Fair’? Also der ‘Jahrmarkt der Eitelkeiten’, denn darum geht es wohl bei einigen der politischen Akteure. Je konservativer, je tiefer in der upper-class verwurzelt, desto egoistischer und vor allem antiquierter die Ansichten. Da leben noch etliche Lords und andere ehrenwerte Gentlemen im gloreichen 19. Jahrhundert und träumen vom neuen britischen Imperium. Kein Witz, eines der ersten Änderungen, die nach dem 29. März inkraft treten sollen, ist die Abschaffung der metrischen Einheiten. Stattdessen zurück zum ‘imperial measurement’, also ounces and pounds, foot and yard, pecks and bushels. Spinnen die Briten? Yes, they do.

 

Egal ob für oder gegen den Brexit, die Londonerinnen demonstrieren stilvoll. Bisher kommt es zum Glück selten zu Streitereien, der Engländer ist tolerant und kann andere Meinungen kampflos ertragen.

 

Und doch gibt es Hoffnung. Die Lage hat sich total geändert, nachdem der Plan der Premierministerin in dieser Wochen mit großer Mehrheit abelehnt wurde. Man muß sich in Erinnerung rufen, dass Mrs May eine Befürworterin der Europäischen Union ist! Sie hat ihren eigenen Wunsch geopfert, als sie als Premier meinte, den ‘Auftrag des Volkes’ erfüllen zu müssen, also den Brexit zu liefern. Das ist höchst ehrenwert. Jetzt aber, seit ihrer krachenden Niederlage im Parlament, ist es nicht länger realisierbar. Oder wie die Engländer sagen: “As dead as a Dodo” und damit ist ein urzeitlicher, längst ausgestorbener Vogel gemeint. Eine Nachverhandlung ist ausgeschlossen und damit steht die vertragslose Trennung real und höchst bedrohlich im Raum. Und ich bin mir sicher, dass Theresa May diese nicht umsetzen wird. Das ist eine Gewissensfrage und da ist ihre persönliche Schmerzgrenze erreicht. Kurzum, ich erwarte eine ‘Vertagung’ des Scheidungstermins. Man wird eine elegangte Möglichkeit finden, den Artikel 50 ausser Kraft zu setzten und damit den 29. März zu einem Tag zu machen, der keinerlei Bedeutung hat, ausser, dass er uns über ein langes Wochenende in den 1. April führen wird. Ein Tag, traditionell voller Überraschungen, sowohl hier auf dem Kontinent, als auch auf der Insel der Ratlosen.

Wird es ein zweites Referendum geben? Möglich, aber es hilft nur scheinbar weiter, denn es weist keinen Ausweg aus dem Dilemma. Die Abstimmung mag durchgeführt werden, aber sie kommt zu spät. Eine verbindliche Antwort muß bis nächsten Montag auf dem Tisch liegen und dann im Parlament aller Welt vorgestellt werden. Und da kommt es nur auf ein Detail an, nämlich der Wirtschaft zu garantieren, dass es keinen harten Ausstieg geben wird. Worte alleine wären zu wenig, deshalb erwarte ich eine praktische Entscheidung. Das wäre beispielsweise die Rücknahme des Artikel 50. Das Parlament wird nicht gefragt werden, sondern sich vor vollendeten Tatsachen sehen, die zu schlucken sind. Ein oder zwei gute Glas Bier, in einer der 13 nicht öffentlichen Bars im Parlamentsgebäude, wird ihnen helfen.

 

John Bercow ist der Boss im House of Commons. Er ist überparteilich und darf jeden nach Herzenslust zur Ordnung rufen. Das macht keiner so animalisch gut wie der körperlich recht kleine Bercow. Seine Ansagen: “Ooooooorder, ooorder!” genießen inzwischen auch bei uns Kultstatus. Ich schlage vor, ihn künftig jeden Silvester statt ‘Diner for One’ zu zeigen; das ist inzwischen etwas angestaubt und gar nicht mehr lustig.

 

Eine brandneue Umfrage macht Hoffnung. Die Meinung der Briten war in den letzten beiden Jahren festgefahren. Die Hälfte der Befragten war für einen Verbleib in der EU, die andere Hälfte für den Austritt, egal unter welchen Bedingungen. Nun kommt endlich Bewegung in die Zahlen. Zum allerersten Mal konnte ein Anstieg der Remainer verzeichnet werden. Man ermittelte 56% Remain und 44% Leave. Das ist bemerkenswert. Es sind satte 12% Differenz. Mind the gap! Es scheint, dass man endlich aufgewacht ist und kalte Füße bekommt. Die Befragung wurde sehr detailliert aufbereitet, schauen wir also mal, wo eigentlich die Brexitfreunde zu finden sind. Klare Sache, es sind die Konservativen, die Anhänger der Tory Party. Das ist die Partei, die die Regierung stellt. Fast Dreiviertel ihrer Wähler (73%) wollen noch immer den Ausstieg. Schauen wir uns die Londoner Bevölkerung an, dann finden wir dort eine starke Zustimmung zur EU: 70% Remainer. Von allen Briten entscheiden sich 53% der Männer für den Brexit und 58% der Frauen für den Verbleib in der Europäischen Union. Bekannt ist, dass junge Menschen die EU schätzen, sie wollen zu 87% Europäer bleiben, bei den Rentner entscheiden sich 62% für den Brexit. Das sind interessante Zahlen und vor allem machen sie Mut, denn es scheint in die richtige Richtung zu gehen: Sechsundfünfzig Prozent aller Briten wollen Europäer bleiben. (Plus die Royals, die es öffentlich nicht sagen. Aber ihre Familien sind über ganz Europa verstreut, da kann es keinen Zweifel geben.)

Wenn es so kommt, wie ich erhoffe, also wenn am Montag von Theresa May Entwarnung gegeben wird, dann dürfte das britische Pfund einen ordentlichen Hopser machen. Das ist dann die Freude und Erleichterung und weil ich dann mehr Euro für meine Reisekasse ausgeben muß, werde ich jetzt mal schnell zu nächsten Bank fahren und nachfragen, ob sie ein paar UK Banknoten im Tresor haben. Das ist dann also mein Wetteinsatz auf die weitere Entwicklung einer spannenden politischen Phase.