Schon den ganzen Morgen rede ich mit meinem Radio: “Alexa, play BBC Two” oder “Alexa, play BBC Radion London”. Ich wechsel von einem Sender zum nächsten und davon hat die BBC viele. Ich hoffe auf Nachrichten, breaking news, die ich möglichst aus erster Hand haben will. Vorgestern spitzte sich die Lage in London zu. Sieben Labour Abgeordnete verliessen ihre Partei und gründeten ‘The Indepentent Group’ (TIG). Gestern folgten ihnen dann drei Tory Mitglieder. Man munkelt, dass weitere Kollegen, darunter politische Schwergewichte, auf dem Sprung sein sollen. Die Schlagzeilen überschlagen sich, denn es liegt Revolutionäres in der Luft. Zerbricht gerade die konservative Partei? Fliegt die britische Regierung auseinander? Die Radiosender ignorieren die Lage, man lässt den Zuhörer lieber darüber abstimmen, ob Tom Jones oder Elvis Presley den Schmachtfetzten ‘I’ll never fall again in love’ inbrünstiger gesungen haben. Tom gewinnt. Auf BBC Two werde ich endlich fündig, man macht den Brexit zum Nachmittagsthema und will zu den aktuellen Geschehnissen informieren. Der Moderator beginnt mit: “Is there a new party? Seven MP’s (member of parliament) built an ‘Independent Group’ and now they are eleven! Great, enough for a football team!”, lacht sich halb tot und spielt erst mal einen Ohrwurm aus den Siebzigern. 

Mir ist angst und bange, aber der Engländer macht, was er am besten kann: muddling through. Eine typisch englische Verhaltensweise, die inzwischen zur Wissenschaft erklärt wurde. Gemeint ist damit nix anderes als das ‘sich durchwurschteln’. Der Engländer beherrscht es. Beneidenswert, dass er dabei innerlich tatsächlich vollkommen ruhig bleibt, egal wie knapp die Katastrophe vor der Tür steht. Eine begnadete Gelassenheit, die die Nerven schont. Ganz langsam aber scheinen diese selbst bei den Briten dünner zu werden. Philip Hammond, der zweite Mann in der Regierung (Schatzmeister), ist ein ruhiger, seriöser Mensch. Heute meldete er sich zu Wort und warnte vor einer drastischen Verteuerung der Lebensmittel. Bis zu vierzig Prozent kann der Zollaufschlag ausmachen, wenn man ohne Vertrag ausscheiden wird. Das gilt dann für alle Waren, die aus der EU importiert werden müssen und das sind die meisten Sachen, die man im Supermarkt einkauft. 

Das rüttelte auf, viele fingen an nachzudenken, ob es nicht besser wäre sich einen Vorrat einzukaufen. Gedacht, getan und schon schob der Engländer zu Lidl, den er lustigerweise ‘Liddl’ nennt. Dass er dort als erstes die Getränkeecke ansteuerte war mir klar. Einen guten Vorrat an Dosenbier und ein paar Flaschen Wein. So ein guter ‘supermarkt plonk’ kommt immer gut an. Aber wie er dann die Prioritäten für weitere Lebensmittel verteilte, das hat mich schon überrascht. An zweiter Stelle kam nämlich Marmite. Gut, dass ist für viele Engländer unverzichtbar. Ich kann die stinkende, schmierige Masse nicht ausstehen. Aber Marmite ist wie der Brexit, nämlich ein Thema über das man nicht streiten sollte. Entweder man liebt es oder man hasst es. Da ist kein Kompromiss möglich. 

 

Getränke und Hundefutter. Tipp von George: Kaufe im Supermarkt niemals den zweitbilligsten Wein. Die Läden wissen, dass das alle machen und verkaufen ihn völlig überteuert. Soll ich das glauben? Er rät auch dazu, Weisswein nicht zu lange zu kühlen. O-Ton: “It’s supposed to be chilled, not turned into a slush puppy.”

 

Ich hätte es wissen müssen, bin aber nicht darauf gekommen. Der nächste Hamstereinkauf wurde im ‘Pets at Home’ getätigt. Das ist das englische ‘Futterhaus’ für den besten Freund. Das beweist wieder, dass der englische Hund stets ein Familienmitglied ist, was nicht für jede mother-in-law gilt. Der nächste Not-Posten ist ebenfalls sehr englisch: Cadburry Chocolate. Schokohasen und die unverzichtbaren Cream Eggs wurden mitgenommen. Ein Frühling ohne Easter-Egg-Hunt wäre ein Desaster.

 

Leckere Schokolade und ungewohntes Marmite. Ein dunkle Masse, gemacht aus irgendwelchen Abfallprodukten. Viele schmieren es sich pur auf’s Sandwich. – Hunde mögen es nicht, sie klemmen den Schwanz ein und drehen ab.

 

Die Gemüseabteilung liess man links liegen, aber das ging ja auch nicht anders. Die frischen Sachen halten nur begrenzt, da machen Vorratskäufe wenig Sinn. Allerdings mag auch ein anderer Gedanke hineingespielt haben. Gestern hörte ich einem Engländer im TV zu, der befragt wurde, was er denn machen will, wenn das Geld hinten und vorne nicht mehr reicht. Und für die working class, der er wohl zuzuordnen war, könnte das ganz schnell Realität werden. Da sagte der mittelalte Mann ganz vergnügt: “Of course, we have to cut back. But fruit and vegetables can be grown in the garden, it’s not a big deal.” Damit war die drohende Misere für ihn gelöst, er pfiff sich eins und marschierte frohen Herzen in Richtung Pub.