Fast zeitgleich starteten heute Morgen die Marathonläufer in London und in Hamburg. Die London runners waren etwas später dran, aber der Zeitunterschied von einer Stunde, hat den Startschuss dann doch fast synchronisiert. Und genau das wurde mir zum Verhängnis. Ich verfolgte die Sache so etwas nebenbei, live im Internet. Ich freute mich auf die Bilder von London, auf den Start in Greenwich, wo ich im letzten Sommer die Cutty Sark besuchte, dann über die Tower- + London Bridge, entlang der Northbank und schließlich den schnurgeraden Birdcage Walk runter, bis zum Buckingham Palace. So etwas sehe ich gerne, freue mich über jedes Haus und jede Ecke, die ich wiedererkenne und von der ich voller Stolz sagen kann: “Da war ich schon und es ist noch gar nicht lange her”. Die Profis waren gerade gestartet, aber ich konnte nicht erkennen, wo sie sich befanden. Nun gut, es musste irgendwo zwischen Greenwich und Rotherhithe sein, wo ich mich wirklich nicht gut auskenne. Aber dann wurde ich stutzig, denn der graue Himmel und stetige Regen passte doch gar nicht zum Vorbericht, den ich im BBC Radio verfolgt hatte. Es dauerte bis der Groschen fiel bzw. mir erstmals bewusst wurde, dass heute nicht nur in London ein Weltklasse-Marathon stattfand.

Früher war ich sogar im Orga Team des Hamburger Marathons tätig. Das muss Ende der 80er oder gleich Anfang der 90er gewesen sein. Unser Streckenabschnitt war die City Nord, wo wir für das Rahmenprogramm sorgten. Meine guten Verbindungen zum NDR waren gefragt. Wir bekamen einen der Übertragungswagen samt Showbühne und das phänomenale NDR-Fallschirmteam, dass punktgenau auf dem Rasen vor der Shell Zentrale landete. Ich kann mich also als Profi bezeichnen, muss aber einschränken, dass meine sportliche Erfahrung ausschließlich theoretischer Art ist. 

 

Sir Mo auf der Mall, ganz kurz vorm Ziel. Er wurde fünfter. Und dann war da noch ein Gast unter den Zuschauern. Na, dann wird Baby Sussex wohl erst im Mai zur Welt kommen, oder?

 

Den London Marathon habe ich mehrfach miterlebt, das heißt eigentlich war es immer der kleine Bruder des Großereignisses, der Half-Marathon, der Ende März durchgeführt wird. Seine Streckenführung verläuft etwas anders, nämlich über den Strand, Trafalgar Square und Whitehall, was mir sehr entgegenkam, denn am Strand ist mein Hotel. Beide Marathon Veranstaltungen, also in London und Hamburg, gehören sicherlich zu den großen und wichtigen sportlichen Ereignissen, die von den Profiläufern ernst genommen werden, denn sie können dort Punkte, Prestige und Preisgeld gewinnen. Identisch ist natürlich auch die Länge der Laufstrecke, wenn es sich in London auch nicht ganz so brutal anhört, denn dort sind es “nur” 26,2 Meilen. Vergleichen wir andere Zahlen, dann merkt man schnell, dass London die Nase vorne hat: Man zählt dort ca. 40.000 runners und in Hamburg ca. 14.000 Läufer. Der heutige Sieger in Hamburg (unter den Männern) war Tadu Abate und in London Eliud Kipchoge. Sein Name ist bekannter, denn er hat den London Marathon nunmehr zum vierten Mal gewonnen. Große Überraschung war das Abschneiden von Sir Mo Farah. Er nahm erstmals an dem Lauf teil, wurde als Favorit gehandelt und landete dann doch nur auf dem fünften Platz. Die Londoner Läufer waren als die Kollegen in Hamburg, und zwar um satte sechs Minuten, was aber aufgrund des kalten Hamburger Schietwetters relativiert wird. Ein andere Sache ist gewichtiger, nämlich das Preisgeld. Es beträgt in Hamburg 25.000 Euro für den Sieger der Männer. Ich weiß nicht wie viel Geld Eliud in London bekommen hat, aber für ihn zählte sein Engagement als Spendeneintreiber und das wurde durch seinen Sieg belohnt und gekrönt. Immerhin lief er die zweitbeste Zeit, die je in London erzielt wurde und dafür werden er und alle anderen Teilnehmer reichlich mit Spenden belohnt. Sein Kommentar nach dem Sieg: “I am happy to make history by winning this race four times, and to see this race raise £1bn for charity.”

 

Einer meiner Favouriten. Der arme Kerl muss ziemlich geschwitzt haben, aber er macht es für einen guten Zweck. Seine Spendenaktion ist ‘action’ und wer würde ihm für diese Show kein Geld geben wollen. High-fives everyone!

 

Diese Spendenmentalität ist typisch englisch. Man läuft für einen guten Zweck. Fast alle Hobby Läufer, die etwas später als die Profis starten, machen im Vorfeld ‘deals’ mit Freunden. Wer völlig untrainiert ist, bietet beispielsweise an, dass er bis zum Kilometer fünf durchhalten wird. Wenn er es schafft, erwartet er eine Spende in Höhe von fünf oder zehn Pfund, die er an einen wohltätigen  Verein weitergibt. Welche Organisation das Geld bekommen soll, wird vorher festgelegt. Auf diese Weise sind ganz viele Menschen persönlich mit dem Ereignis verbunden. Sie wollen wissen, was ihr Läufer macht, ob er die Wette gewinnt und wie er sich schlägt. Man erwartet vor allem Unterhaltung und deshalb sieht man sehr viele Teilnehmer in sehr fantasievollen Kostümen. Das macht ihnen das Laufen gewiss nicht leichter, aber es begeistert ihre persönlichen Fans, die sich dann großzügig zeigen werden. Natürlich vergleicht man hinterher, wer wieviel Geld zusammenbringen konnte, aber das Ganze wird auch als Teamleistung begriffen und wie es der Sieger Eliud Kipchoge im Interview deutlich machte, fühlt auch er sich in diese Aktion involviert. Mir gefällt das gut und vor allem ist für jede Menge Unterhaltung gesorgt. In Hamburg, das weiß ich aus meinen eigenen Marathonerfahrungen, ist die Sache eher eine sportliche Angelegenheit und wird auch schnell mal zum bierernsten Wettstreit. Von Komik ist weniger zu sehen, es sei denn man neigt zur Schadenfreude und genießt den Anblick der Looser, die sich übernommen haben. Das kann in London nicht passieren, denn wem dort die Puste ausgeht, der wird im nächsten Pub zu einem guten Pint ‘Pride of London’ eingeladen. Das bringt ihn dann schnell wieder auf die Beine.

 

Typische englische Marathon Läufer. Der Spaß ist wichtiger als die sportliche Leistung.