Als ich Mitte Juli für einige Tage in London war, hatten wir beide Zeit für einen Tagesausflug. Das einigen auf ein Ziel ist nicht ganz einfach. Egal was ich auch vorschlage, George verzieht das Gesicht. Gut ich muß zugeben, dass ich mehr oder weniger aufs Geratewohl Orte nennen, von denen ich annehme sie würden auf der englischen Insel liegen, -wo genau kann ich selten sagen-, aber das reicht nicht. 

Ich nehme mal an George weiß wovon er spricht, wenn er einwendet “much too crowded”, “please don’t!” oder “deadly boring”. Als mir nichts mehr einfällt, hole ich die Karte. Der ganze Süden Englands liegt vor mir ausgebreitet und ich zeige mit dem Finger erst einmal auf London, um dann spiralförmig größere Kreise zu ziehen. Aber kaum quert mein Zeigefinger die Themse, da bin ich auch schon fündig geworden. Ich tippe auf einen Ort, der noch innerhalb Londons liegt und wo zu lesen steht CUTTY SARK. Da will ich hin.

George nickt sofort zustimmend, die Gegend kennt er, sogar kopfüber (also die Karte liegt kopfüber) weiß er sofort was ich meine. Prima, dann sind wir uns ja einig. Die Cutty Sark ist ein Segelschiff, vielleicht der bekannteste Tea Clipper der Welt, und inzwischen längst ein Museumsschiff. Aber sie liegt nicht nur auf der Themse sondern auch als imposant großes Modell, bestimmt ein Meter lang, bei mir zu Hause als Nachbau *). Da muß ich natürlich nicht lange nachdenken. Das Original will ich sehen.

modell*) Purer Zufall hat mich das Schiff kaufen lassen, ein Stück aus einem Nachlass eines fleißigen Bastlers, das mir für den Müll zu schade schien. Erst jetzt, als ich es auf der Karte lese, realisiere ich, dass das Schiff in London sein Zuhause hat! 

George gibt offen zu, dass seine Entscheidung einer anderen Logik folgt: “I love nothing more than to go a walk on a bright summer’s day. Wether it’s a ramble through the countryside or a wander around a city doesn’t matter. What is important that there is a cracking pub at the end of it, serving good food and real ale.” Ich antworte ihm lieber auf Deutsch, in der Hoffnung er versteht es nicht.

Kurz später fahren wir mit der Underground zur Tower Bridge und von da geht es zu Fuß weiter. Immer am Themseufer entlang bis nach Greenwich. Es dürften so 7-8 km gewesen sein. Am Ende wartet auf mich ein Schiff und auf George ein Pub, beide mit dem Namen ‘Cutty Sark‘. 

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Unser Weg von der Tower Bridge nach Greenwich. Dort liegt auch die Cutty Sark vor Anker. Und hier wird die Erde geographisch in West und Ost geteilt! Wir stehen auf dem Null-Meridian.

Wir gehen durch das alte Hafenviertel, Docklands genannt und auf der Isle of Dogs ehemals angesiedelt. Wie in Hamburg, kam auch hier die große Krise mit Einführung der Container. Längst werden die Fracht-Schiffe weit stromabwärts abgefertigt. Hier in London kommt kein Frachter mehr an und zig-tausende von Arbeitsplätzen gingen in den 70-Jahren verloren. Auf der ‘Hundeinsel’ ist heute kein Speicher mehr zu finden. Dafür moderne Bürohochhäuser. Gleich am Anfang kommen wir an dem bekannten Komplex Canary Wharf vorbei, architektonisch umstritten, aber zumindest nachts imposant anzuschauen. Heute sitzt hier die Finanzwelt und steuert die Geldmärkte.

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Ehemals Hafengebiet, heute Bankenviertel. Die Canary Wharf auf der Isle of Dogs.

Irgendwann müssen wir die Themse queren, denn die Cutty Sark liegt am Südufer, und da erwartet mich die nächste Überraschung. Ein Tunnel für Fußgänger lässt uns trockenen Fußes ans andere Ufer kommen. Der Tunnel diente früher den Hafenarbeitern um den Arbeitsplatz zu erreichen. Er ist sicherlich gut hundert Jahre alt und erinnert mich mal wieder gewaltig an Hamburg. Déjà-vu. Ich war lange nicht im alten Elbtunnel, aber die Ähnlichkeit ist frappierend.

Schon habe ich George wieder die Überraschung vermasselt. Er hoffte auf meine Ängstlichkeit, denn die endlose lange Röhre ist ganz schön gruselig. Statt mich zittern an ihn zu drücken stelle ich nur fest: “Ganz wie zu Hause” und gehe furchtlos weiter. Das war nicht das, was er sich erhoffte.

Ich bin heilfroh als wir die potthässliche Röhre am Südufer wieder verlassen. Abgesehen von den gelben Kachelwänden (trostlos, bitte schickt da mal ein paar Sprayer rein) bekomme ich sofort Ohrenprobleme. Bei anderen reagiert das Trommelfell auf Unterdruck erst ab ca. 3.000 Meter Höhe, mir reichen 5 Meter unter der Erde. Ich bin halt feinfühlig.

Vor uns liegt das königliche Observatorium und ich lerne ganz nebenbei, das Greenwich bitte schön [Grenitsch] ausgesprochen wird. Aber George winkt ab, ein Besuch lohnt allemal, wir sollten uns aber einen ganzen Tag Zeit nehmen. Also Kehrtwendung, zurück zur Themse und zur Cutty Sark.

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Die Cutty Sark ruht in einem Glas-Museum. Man kann sie von allen Seiten besichtigen, auch von unten.

Ich staune nicht schlecht. Das Schiff liegt auf dem Trockenen, mitten in einem imposanten Glashaus. Man kann also nicht nur in das Schiff hineinklettern, sonder auch den Rumpf von allen Seiten betrachten. Die Tour kostet £12,50, wenn ich es richtig erinnere. Es lohnt durchaus.

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Ein Feuer zerstörte die Cutty Sark im Jahre 2006.

Der Clipper brannte 2006 lichterloh und nur weil man Mast und Gallionsfigur gerade restaurierte, konnten diese beiden wichtigen Dinge original erhalten bleiben. Fast der ganze Rest mußte neu aufgebaut werden. Man brauchte Jahre, erst zur Olympiade 2012 konnte die Fertigstellung gefeiert werden. Gut das man es machte, denn das Schiff ist sehr imposant. Die Geschichte kann auf Wikipedia nachgelesen werden. Der Name stammt von einer Romanfigur, der schönen Hexe Nannie, die ein sehr kurzes Hemd trug, weil sie arm war und sich keine neuen Kleider kaufen konnte. Ach so, Cutty Sark heißt ‘abgeschnittenes Hemd’.

Im letzten Jahr brach erneut ein Feuer auf dem Museumsschiff aus. Die Flammen wurden schnell gelöscht, der Schaden hielt sich in Grenzen. Komisch, es scheint Menschen und Orte zu geben wo sich dieselben Katastrophen wiederholt ereignen.

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Die Hexe Nannie mit abgerissenen Pferdeschweif in der Hand ziert den Bug.

Genug gelaufen, genug gebildet, genug gesehen. Es wird Zeit die andere Cutty Sark aufzusuchen. Der Pub ist nicht weit entfernt, direkt am Themseufer. Das Lokal hat mehrere Etagen und wenn man einen Fensterplatz oben ergattert, dann hat man einen traumhaften Blick auf die modernen Hochhäuser Londons.

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Wir entern das Krähennest und bestellen uns einmal durch die Karte. Fisch, Fleisch, British Pie, alles was das Herz begehrt. Dazu ein sehr leckeres Young’s Ale und zum Nachtisch den klassischen sticky toffee pudding der so süß ist wie der Name verspricht und der jede Figur ruiniert. Man kann trotzdem nicht nein sagen.

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Der Pub geht über mehrere Etagen. Alles sehr gemütlich und das Essen schmeckt.

Und jetzt? Ich mag nicht mehr laufen, wie kommen wir nach Hause? George geht es ähnlich und er hat einen Plan B. Wir könnten natürlich einfach in die Bahn einsteigen, aber es gibt eine schnellere Verbindung. Wir fahren mit der Fähre ganz gemütlich zurück zur Tower Bridge.

Auch die wäre einen Ausflug wert, denn man kann in die Türme hineingehen und von oben hat man einen guten Rundblick. Bei der Gelegenheit sollte man auch gleich den Tower selbst besuchen. Wir haben also genug neue Ziele. 

Wer aber einen Blick auf das Herz der Stadt werfen will, dem sei die Waterloo Bridge empfohlen. Ich finde von dort hat man den besten Rundblick. Besonders abends sind alle Brücken und Häuser an der Themse traumhaft schön. Alles wird sehr stimmungsvoll beleuchtet. Die Wirkung ist hoch emotional; mir läuft da auch beim x-ten Besuch  ein wohliger Schauer über den Rücken.

Wieder zurück in Hampstead koche ich erst mal Tee. Das ist immer die beste Entscheidung, die man in England treffen kann. Sollte George das Wort Glück beschreiben, würde er wohl sagen: Sitting together in the kitchen while the kettle sings and the toast pops up. Und dafür liebe ich die Engländer. Sie sind mit wenig zufrieden, wissen aber worauf es im Leben ankommt. 

Wir trinken den Tee, knabbern Kekse und sind glücklich.  Ein schöner Tag.