Zum Glück ist ‘porridge’ (Haferbrei) schon lange nicht mehr die erste Wahl, wenn man in England morgens seinen Hunger stillen will. Der berufstätige Engländer, mit knapper Zeit, wird ein Müsli löffeln und sich unterwegs einen Kaffee kaufen. Der hier übrigens nicht ‘coffee to go’ sondern ‘take-away coffee’ genannt wird. Es muß nicht immer Tee sein. Überall in der Londoner Innenstadt gibt es Frühstückcafés *), mal ganz abgesehen von Starbucks etc.

*) Das englische Café hat mit dem deutschen wenig gemeinsam. In London wird ein Imbiß mit Sitzgelegenheit ‘Café’ genannt. Der Engländer nimmt dort sein Frühstück ein, das eben oftmals eine warme Mahlzeit ist.

Wenn aber Zeit ist, vielleicht sonntags, dann kann man das klassische ‘full english breakfast’ ausprobieren. Ein opulentes Mahl. George machte den Vorschlag es zu probieren, aber ich wußte um die aufwendige Zubereitung und mauerte. “Don’t knock it until you’ve tried it.” Ich guckte ihn stumm an. “I’ll do it, you are invited.” “YEP!”

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Schon am nächsten Tag werkelt George früh morgens in der Küche, während ich mir noch den Schlaf aus den Augen wische. Gespannt setzte ich mich an den gedeckten Tisch.

Es fängt gesund an. Ein Glas Orangensaft, dazu eine halbe Grapefruit zum Auslöffeln, alternativ Cornflakes. Zum Glück lasse ich die Cerealien unberührt, sonst hätte ich jetzt schon verloren. Wir sind nämlich noch in der Aufwärmphase. Ein ‘full english breakfast’ ist nichts für Anfänger. Übrigens auch keine Empfehlung für Vegetarier.

Längst bruzzelt das Fett in der Pfanne und der Backofen ist angewärmt. Jetzt kommen die Würstchen dran. Schnell noch einen Speckmantel drum herum wickeln und dann kross braten. In der zweiten Pfanne stockt das Rührei. Am Rand schmoren drei große Champignons, sie werden zusammen mit Tomaten im Backofen landen und dort weitergaren.

cartonStreng genommen bräuchten wir eine dritte Pfanne für Schweinenieren, aber ich habe mein Veto eingelegt. George hat es akzeptiert und dafür ein Würstchen als Reserve nachgelegt. Wenn das Timing stimmt, dann sollte alles gleichzeitig gar sein. Gekonnt belädt George die Teller (großer Essteller ist Pflicht) und dann darf ich mich auch schon durch den Fleischberg beissen.

Damit es besser rutscht, steht ‘Brown Sauce’ auf dem Tisch. Sie schmeckt süß-sauer, ist ähnlich wie Ketchup. Zum Dippen liegt frisch geröstetes Toast im Korb.

Irgendwann zwischen Speck, Rührei und zweiten Champignon, hatte ich kurz den dringenden Wunsch, die Flasche Aquavit aus dem Kühlschrank zu holen. Statt dessen schenkt George noch mal Kaffee nach. Wash down!

Tapfer hatte ich mitgehalten; mein Teller war fast leer. George räumte ab, ich lockerte meinen Hosenbund. Es war schon Vormittag und ich überlegte ob wir rausgehen könnten. Aber da hatte ich mich schon wieder verkalkuliert. Das Frühstück war noch gar nicht zu Ende. Wir befanden uns erst in der großen Pause!

George befeuerte schon wieder den Toaster, stellte ‘jam’ *) (Erdbeer-, Kirsch-Konfitüre; für Engländer Teufelszeug) und ‘marmalade’ (Orange od. Limette und damit das einzig “richtige”) auf den Tisch, dazu Butter, nochmal Kaffee nachschenken und setzte sich erwartungsvoll hin. Ich konnte es nicht fassen, aber die Schlacht ging weiter. Wir waren jetzt offensichtlich in dem mir vertrauten deutschen Teil angekommen; bisher hatte ich diesen Nachschlag stets als vollwärtiges Frühstück angesehen.

jamsandwich*) jam/marmelade: Meine Eselsbrücke heißt, alles was rot ist heißt ‘jam’. Also auch die rot-weissen Polizeiautos, die über Englands Straßen fahren. Sie werden gerne ‘jam-sandwich’ genannt.

Das Frühstück hat mich wirklich kalorienmäßig erschlagen, aber lecker war es schon. Dabei hatten wir auf gebackene Bohnen, Schweinefleisch und Blutwurst schon bewußt verzichtet. Eigentlich gehören die Sachen auch dazu.

Für diese Frühstücksgewohnheit gibt es natürlich auch ganz handfeste Gründe. George erzählte mir, daß die Engländer viel länger unter Lebensmittelmangel litten, als die Deutschen. Bis 1954 waren auch die Grundlebensmittel streng rationiert. In Deutschland waren ab 1948 (Einführung der D-Mark) die Geschäfte wieder gut mit Waren gefüllt. Die englische Hausfrau musste also nicht nur während des Krieges, sondern auch noch weitere neun Jahre jede Kalorie nutzen, die sie kriegen konnte. Das prägte dann die Ess- und Kochgewohnheiten von mindestens einer Generation.

Ausserdem ist es in England üblich erst am Abend warm zu essen. Der Mittagslunch ist eher ein Snack. Das heißt die gefühlte “Hungerkurve” verläuft beim Engländer ganz anders. Das ist wirklich ein Thema bei uns. George hat immer noch Probleme mittags warm zu essen. Ich kriege die Motten, wenn er nach der Tagesschau anfängt Kartoffeln zu schälen.

breakfastSpaß macht das Englische Frühstück auf jeden Fall. Wenn es irgenwo angeboten wird, dann sollte man auf jeden Fall hingehen. Man hat nicht nur einen vergnüglichen Tagesbeginn, sondern kann auch so richtig schwelgen. Wer es trotzt aufwendiger Zubereitung zu Hause machen will, sollte zwei Dinge wissen. Die originalen englischen Würstchen (bangers) sind hier nicht zu kaufen, aber die Nürnberger Rostbratwürste kommen der Sache nahe. Der Speck darf nicht geräuchert sein und sollte nicht so viel Fett haben. Ich nehme den Dänischen Frühstücksspeck, das geht bei George unbeanstandet durch. Brown Sauce findet sich inzwischen auch im hiesigen Supermarkt. Ketchup + Senf geht auch.

Und wer es schnell und trotzdem kalorienreich haben möchte, der sollte es mit ‘bubble and squeak’ (blubbern und quieken) versuchen. Ich habe es zwar noch nicht gegessen, aber man sagte mir, daß es hauptsächlich aus Kohl und Kartoffelbrei besteht. Der Engländer bestellt es sich gerne am frühen Morgen im Café.

Also: Eat, drink and be merry!