In zwölf Tagen treffen sich die Präsidenten der zwanzig wichtigsten Wirtschaftsnationen in Hamburg. Eingeladen von der Kanzlerin, die am 17.07.1954 in Hamburg zur Welt kam. Das passt doch, da kann sie dann gleich zur Geburtstagsfeier bleiben. Das Gipfelwochenende (7. + 8. Juli) könnte allerdings brisant werden, jedenfalls wenn die Vorbereitungen angemessen sind. Die Stadt rüstet sich, Bürger werden gewarnt, dass die begleitenden ausländischen Sicherheitskräfte von der Schußwaffe Gebrauch machen dürfen. Dass die Saudis ihre Kamele mitbringen, soll eine Falschmeldung sein. Die begehrte Milch lässt sich problemlos wochenlang kühl lagern. Dass allerdings die Shops im Levante Haus geschlossen bleiben stimmt, denn dort übernachtet Putin im Hyatt Hotel. Man verspricht uns aber, dass alles zivilisiert zugehen wird, wenn erstmals Donald Trump auf Vladimir Putin trifft und die Gastgeberin den türkischen Präsidenten Erdogan willkommen heißt. Ich denke, spätestens dann werden sich protestierende Bürger vor den Messehallen formieren und man wird gar nicht wissen, welchem Protestmarsch man sich denn nun zuerst anschließen soll. Immerhin ist der Stadtpark gerettet, denn dort dürfen die erwarteten Massen nicht zelten. Der Erholungspark hat also noch Pause bis er platt gemacht wird, das werden dann die Fans der Rolling Stones erledigen, wenn sie dort ihre Konzerttour starten.  Aber ich will nicht zu negativ sein, stattdessen hoffe ich auf gewaltfreie Demonstranten, die während des G20 Treffens ihre Meinung zur Weltpolitik auf der Straße kundtun.

Nachtrag 27.6.: Karstadt in der Mönckebergstrasse verrammelt seit heute seine Schaufenster mit massiven Holzplatten. Können es sich die Hamburger Kaufleute wirklich leisten, zwei volle Tage auf Umsatz zu verzichten? Oder gibt es Todesmutige, die trotzdem den Einkauf dort wagen werden?

 

In London werden Kunstwerke öffentlich aufgestellt. Das passiert jeden Sommer. Dieser anatomische Körper wurde vom berühmten Damien Herst gestaltet und nahe Temple installiert. George finde die Figur langweilig, mich interessieren die Genitalien. “Sind die nicht ein bißchen zu groß?” Er: “Hm, no, perfect.”

 

Ich habe einen Abstecher nach London gemacht und will jetzt wissen, ob in der englischen Tagespresse meine Heimatstadt Hamburg endlich häufiger erwähnt wird. Hat der ganze Zirkus, der dort demnächst passieren wird, einen werbenden Effekt in England? Bisher assoziierten die Londoner kaum etwas Brauchbares mit dem Namen Hamburg. Meistens lief ihnen das Wasser im Mund zusammen, weil sie sofort an Fastfood dachten. Das war’s dann auch schon. Ganz langsam ändert es sich. Schon im Mai wurde gelegentlich über Deutschlands zweitgrößtes Stadt berichtet. Man war von ‘Lucky Luca’ schwer beeindruckt, als der im Mai den HSV in letzter Minute mit seinem Torschuß in der Bundesliga hielt. Sowas gefällt dem sportbegeisterten Engländer: Hamburg’s famous clock keeps on ticking. Gemeint ist die Stadionuhr, die seit Bundesligagründung die Stunden zählt.

Jetzt legte die Daily Mail nach und gab die ’10 Best Things’ bekannt, die man in Hamburg machen kann. Die Liste fängt harmlos mit dem ‘Miniatur Wunderland’ an, dass den Londoner nicht beeindrucken wird, denn er hat etwas ähnliches im Südwesten seiner Stadt. Mehr Interesse finden die Ausgehtipps für St. Pauli. Für den ‘hard-drinking seaman’ wird das Jolly Roger oder gleich der Old Sailor vorgeschlagen. Mein Freund George zeigt Interesse, denn er will wissen wo er die ‘watering holes’ finden kann. Leider kenne ich beide Lokale nicht und habe auch nicht wirklich die Absicht ihm diese zu zeigen. Aber er lässt nicht locker, denn die Aussicht für ein Bier nur 2 Euro zahlen zu müssen, lässt jeden Londoner Partygänger zu Fuß nach Hamburg kommen.

 

Britische Gemütsruhe. Diese jungen Menschen laufen um ihr Leben. Sie waren im Borough Market, als der London Bridge Terrorist mit einem Messer bewaffnet in das Lokal eindrang. Der ‘bloke’ rechts hat sein Glas Bier mit auf die Flucht genommen und schaffte es keinen Tropfen zu verschütten. Sein Kommentar: “That cost six pounds”. – Ja, die Bierpreise sind in London hoch. Gilt auch für Wein & Co.

 

Die Museumsmeile*) rund um den Haupbahnhof und der Fischmarkt an der Elbe lassen George kalt, aber die Reeperbahn mit den red-light strip ist doch sicher einen Abend wert? Mir stehen die Haare zu Berge, aber jetzt bloß nichts anmerken lassen. Ganz nebenbei erwähne ich, dass Hamburgs Kiez “during mid-summer full of stag-dos” ist. Das klingt für George wenige attraktiv, aus dem Alter sind wir definitiv heraus. “And”, so ergänze ich noch schnell, “during winter gets Hamburg icy cold”. Na dann vielleicht doch nicht, gibt er nach. Wir sollten erst einmal den G20 Gipfel abwarten und wenn dann noch etwas von der stolzen Schönen übrig sein sollte, dann können wir ja mal die Touristen Tour machen. – Übrigens findet die Elbphilharmonie keine Erwähnung, aber das sollten wir nicht persönlich nehmen, denn der Londoner ist mit seiner Royal Albert Hall ziemlich verwöhnt. Ja, das Ding ist auch rund, genau genommen oval, und ganz schön beeindruckend.

*) Apropos Museumsmeile. Wenn Hamburg den G20 Ausnahmezustand überstanden hat (eingeschränkter U- und Bus-Verkehr, weitgehend geschlossene City, Strassensperrungen, no-go-areas von Elbe bis Flughafen usw., werden die Bürger für ihre Schafsgeduld belohnt. Immerhin betrifft es Freitag und Samstag, wo wir uns am besten nur in der Wohnung aufhalten sollten. Wir dürfen danach, wenn alles gut gegangen ist, ein ganzes Wochenende lang kostenfrei unsere Museen besuchen. Beeindruckend oder nicht? Also ich finde es nicht so toll, denn in London kann ich ganzjährig alle Museen und Kunstgalerien kostenfrei ansehen. Und die sind ein Tick größer und besser bestückt als die Hamburger Häuser. 

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Ich bin hin- und hergerissen. Natürlich darf und sollte man gegen Politiker protestieren, ihnen deutlich machen, dass sie nicht für sich sondern für ihr Volk die besten Entscheidungen treffen müssen. Was ist also so furchtbar an dem Satz ‘America first’? Und was ist so toll, wenn die Bundeskanzlerin mal eben im Alleingang die Grenzen für eine Million Flüchtlinge öffnet, die dann von unzähligen ehrenamtlichen Helfer versorgt, geschult, betreut werden müssen. Die Sache war wohl nicht ganz zu Ende gedacht. Also Protest ist unbedingt notwendig, er muß zugelassen werden und man kann nur hoffen, dass die Politiker zuhören. Was mir Angst macht sind inhaltslose Gewaltaktionen. An den Krawallmachern stört mich die unsoziale Einstellung. Sie schlagen alles kaputt und lassen andere dann aufräumen. Das mag ich nicht, jeder sollte den Mist den er macht anschließend selbst wieder wegräumen. 

Es gibt leider viel zu wenige Protestaktionen, die mit Verstand, Herz und Witz durchgeführt werden. Wenn sich jemand mal diese Mühe macht, dann findet er zurecht die größte Aufmerksamtkeit. Und so passierte es auch diesen drei jungen Herren, natürlich Engländer. Sie sind Schüler einer public school. Die sind alles andere als öffentlich, denn sie kosten viel Schulgeld, man trägt Uniform und meistens wird die ganze Sache als Internat angeboten. Nun hatten wir letzte Woche ungewöhnlich heiße Temperaturen in und um London. Mehrere Tage kletterte das Thermometer auf fast 34° und brachte die Stadt ins Schwitzen. Weil noch keine Ferien sind, hatten die Schüler Unterricht. Und da zog sich dann ein Junge sein Jacket aus, weil er kurz vorm Hitzeschock stand. Aber man zeigte kein Verständnis, es gab weder Hitzefrei (unbekannt), noch wurden die Bekleidungsregeln gelockert. Die Schüler hatten ihre volle Uniform zu tragen und die Krawatten mußten stramm gebunden sein. Eigentlich unfassbar. Ein bißchen besser hatten es die Mädchen, denn wenn sie etwas breitbeinig standen, konnte sie auf ein kleines Lüftchen von unten hoffen. Und das brachte die Jungs auf die Idee. Alright, sagten sie sich. Wenn wir Uniform tragen müssen, machen wir das. Aber ist eigentlich irgendwo geregelt, wer den Rock zu tragen hat? Bravo, tolle Aktion. – Also liebe G20-Leader, immer schön aufs Kleingedruckte achten.