Seit Monaten strömen Flüchtlinge aus dem nahen und auch ferneren Osten Richtung Europa. Irgendwann erreichen sie Deutschland und schließlich kommen sie am Hamburger Hauptbahnhof an. Dort werden sie von ehrenamtlichen Helfern empfangen und mit dem Notwendigen wie Essen, Trinken und warmer Kleidung ausgestattet. Warum stehen dort keine amtlichen Helfer? Angemessen bezahlt von Steuergeldern? Überall in Hamburg entstehen in Windeseile Wohnungen, um die Menschen in winterfesten Quartieren unterzubringen. Südlich der Elbe werden Siedlungen mit 3.000 Wohnungen hochgezogen. Die Nachbarn reiben sich die Augen und sind von der schlagartigen Wandlung ihres Stadtteils zumindest überrascht. Wer seinen Ängsten Ausdruck verleiht, wird ins Gebet genommen. Dann sammeln sich schnell ‘Gute Menschen’ auf dem Rathausmarkt und zeigen ihre Solidarität mit den Flüchtlingen. Das fällt leicht solange man nicht unmittelbar betroffen ist. 

Ich gehöre auch zu der breiten Mehrheit, die etwas hilflos das Geschehen aus weiter Ferne betrachtet. Nach dem Massaker in Paris habe ich mir immerhin mal  klar gemacht, dass die Flüchtlinge, die hier ankommen, vor eben genau diesen Terroristen weglaufen. Sie bringen ihre Kinder in Sicherheit, denn sie kennen den Terror nicht als Bild aus dem TV, sondern als leibhaftigen Angreifer auf der Straße.

Ich wäge ab wo die potentielle Gefahr größer ist, in Hamburg oder London und entscheide mich für London. Ansonsten reagiere ich auf das Thema wie auf alle existenzielle Bedrohungen: Ich warte ab und bin mir sicher es wird mich niemals treffen. Das hat sich bei Krebs und Flutkatastrophen bewahrheitet, warum soll es nicht auch bei potentiellen Terrorangriffen funktionieren. Eine Empfehlung soll es wahrlich nicht sein. Aber vielleicht kennen Sie ja ähnliche Strategien? – Im vorweihnachtlichen London habe ich ganz andere Dinge im Sinn.

Und dann kommt es doch ganz anders. Unerwartet werde ich mich auch hier mit einigen Aspekten rund um das Flüchtingsthema beschäftigen. Und zwar nicht im Fernsehen sondern live mitten in Brixton. Es war mein Wunsch den Market dort zu besuchen und George reagierte besorgt. Alleine läßt er mich nicht gehen. Er fürchtet zwar nicht um mein Leben, aber in Brixton ist schon manches verloren gegangen. Das Risiko will er nicht eingehen. Andererseits ist ihm ein Ausflug ins südliche London duchaus recht, denn das kann spannend werden.

Wir fahren mit der Underground eine kurze Strecke von sechs Stationen bis nach Green Park, wo wir umsteigen. Die Station liegt an der Hyde Park Corner, der Buckingham Palast ist in Sichtweite. Wir aber wechseln in die Victoria Line und sind keine zehn Minuten später in Brixton! Das hätte ich wirklich nicht erwartet. Ein Stadtteil, der als sozialer Brennpunkt gilt, liegt in bester Lage in Londons Süden. Das haben inzwischen auch andere bemerkt und deshalb ist Brixton mitten in einer Wandlungsphase. Junge Leute, die in der City arbeiten, sind seit einigen Jahren auch gerne in Brixton zuhause. Der Stadtteil gehört zum Borough of Lambeth und dieser Bezirk liegt direkt am südlichen Themseufer, dort wo der Fluß sein ‘Knie’ hat. Attraktionen wie das London Eye (Riesenrad) markieren den nördlichen Rand. 

Und warum war Brixton, -eigentlich ganz Lambeth-, lange Zeit ein sozialer Brennpunkt? Das hängt direkt mit der massenhaften Immigration zusammen, gleich nach dem zweiten Weltkrieg, klärt mich George auf. Davon hatte ich noch nie gehört und fragte mich wer denn damals nach England flüchtete? Es waren Einwohner aus den Kolonien, vor allem aus Asien, Afrika und der Karibik. Sie kamen in solchen Massen nach England, dass man sich genötigt sah, sie zunächst in Kriegsbunkern in Clapham unterzubringen. Das war natürlich keine dauerhafte Lösung, half aber über den ersten Winter. Um die Menschen anzusiedeln, baute man in großer Eile tausende von Wohnungen im damals noch dünn besiedelten Brixton. So kam es, dass sich dort eine multi-kulturelle Gesellschaft entwickelte. Man richtete sich ein und prägte fortan das Strassenbild.

Der Brixton Market ist einmalig. Ein Strassenhändlermarkt mit dem typischen Angebot: Gemüse, Fleisch und Fisch. Aber ganz anders als unser Wochenmarkt, denn hier finden sich überwiegend Sachen von denen ich noch nie gehört habe: Okra und Tarowurzeln, pawpaw (Papaya) oder Blätter der Kassavawurzel. Ich begrenze mich aufs Gucken, Riechen und Hören. George wird fündig und kauft einige Orangen. 

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Exotisches Obst und Gemüse wird im Brixton Market feilgeboten. Die meisten Sachen kenne ich gar nicht.
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Hier werden Grußkarten verkauft, das ist genauso wie im Rest von London. Karten sind immer ein Renner, zu jeder Gelegenheit.

Orientalische Musik dudelt aus einem Lautsprecher, gegenüber in einem etwas heruntergekommenen Ladengeschäft wird Raggae gespielt. Das klingt in meinen Ohren besser. Wahrscheinlich eines der vielen kleinen Plattenfirmen, kleine Label, die hier ihr Glück versuchen.

Es ist ein bißchen unheimlich. Würde plötzlich eine Voodoo Priesterin aus den hinteren Räumen auftauchen, wäre ich auch nicht überrascht. An jeder Ecke werden Drogen angeboten, das Problem bekommt man nicht in den Griff und dasselbe gilt für rassistisch begründete Gewalt. Trotzdem ist Brixton einen Besuch wert und vielleicht kurz davor eines der spannendsten Stadtteile der Stadt zu werden. Die Menschen hier sind ursprünglich und leben ihren Alltag intensiv. Wir bleiben lieber Touristen und fahren nach zwei Stunden ins beschauliche Hampstead zurück.

Da erwartet mich noch eine faustdicke Überraschung. George packt die Orangen aus und fängt an ‘Pütt un Pan’ aus dem Schrank zu kramen. Erst einmal werden die Apfelsinen eine Stunde lang ins köchelnde Wasser gelegt. Mit Schale ziehen sie durch. Und George erklärt mir: You can’t take oranges for marmelade. You need Seville orange, nothing else. Okay, das sind also keine Apfelsinen sondern Pomeranzen oder Bitter Orangen, aber was mich jetzt mehr interessiert ist, willst DU Marmelade kochen??? Ja, er will. In England nicht ungewöhnlich. Die original Englische Orangenmarmelade wird vom Hausherrn hergestellt! Es scheint gar nicht so schwierig zu sein, neben den Früchten braucht er nur noch Wasser, Zucker und hochprozentigen Single Malt. Aber es gibt wohl einige Tricks, die man kennen sollte. Einer ist das Wissen, dass man das weisse Fleisch unbedingt an der Schale lassen muß, denn es enthält irgendeinen Stoff, der das Gelieren bewirkt. – Falls ein Chemiker mitliest: Es handelt sich um Pektin, greetings George. 

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Der Paddington Bär wirbt seit Jahrzehnten für Englische Marmelade

Die wichtigste Entscheidung darf ich treffen: Golden shred or chunkey? Ich bin für die feinere Variante und also wird die Schale in streichholzfeine Streifen geschnitten. George bevorzugt die fingerdicken Stücke, aber er will mich nicht gleich abschrecken, denn das schmeckt eher bitter. Der gute Whiskey wird erst einmal probiert, dann lieber noch einmal getestet und dient schließlich der Konservierung der inzwischen gelierten Masse. Vorher aber müssen die Gläser sterilisiert werden. Zehn Minuten auskochen sollte reichen. Ich halte das für überflüssig, schließlich sind sie gerade aus der Spülmaschine blitzsauber genommen worden. Aber ich irre, George verwechselt hier nicht die Küche mit seinem Labor, sondern weiß aus Erfahrung, dass Schimmel und Fäulnis schneller im Glas wuchern als man den leckeren Inhalt aufessen kann. Und dazu gibt es täglich gleich mehrere Gelegenheiten. Das Frühstück ist ohne marmelade nicht vorstellbar und zum Nachmittagstee gehört ein Dundee fruit cake, natürlich mit der fruchtigen Marmelade. Und schließlich wird das Gelee auch gerne an Fleischmarinaden gegeben. Dann schmeckt der Sunday Roast noch mal so lecker.

Wenn Sie sich London ansehen, sollten Sie einen Ausflug nach Brixton planen. Lassen wir George, den Fast-Londoner, die Sache mal auf den Punkt bringen: It’s a fascinating multi-cultural centre. Brixton is far better value for money than traditonal tourist hotspots such as the West End. Forget Buckingham Palace and Houses of Parliament, the south London suburb, best known for its relaxed view on the smoking of cannabis, is a must-see place. Ich würde ergänzen, vielleicht nicht beim ersten Besuch in London, aber beim zweiten, dritten oder vierten Mal sollte man sich Brixton ansehen. Und jetzt muß ich enden, denn die Toast sind fertig und wollen mit ganz frischer Marmelade bestrichen werden. Und während wir das zweite Frühstück am wärmenden Kamin zelebrieren, singt Robbie Williams im Radio seinen Candy Song und tatsächlich ist in dem fröhlichen Lied auch eine Kriegserinnerung enthalten, die sich in Brixton ereignet hatte:

Mother was a victim
Father beat the system
By moving bricks to Brixton
And learning how to fix them