Manchmal rutschen einen Sätze heraus, die man schon bedauert, ehe das letzte Wort über die Zunge rollt. So was passierte mir vor einigen Tagen, als ich George die dämliche Frage stellte: “Wie war es beim ersten Mal?” Richtige Frage, falsche Adresse. Sowas ist eine Steilvorlage für eine Ladiesnight aber gewiss nicht für einen romantischen Abend zu zweit. Böses Foul bzw. Eigentor.

Zum Glück ist das Leben nicht spurlos an George vorbeigezogen. Aus solchen unbequemen Lagen weiß er sich spielend zu befreien. Wie junge Kühe es mit Gartenstühlen machen 😉 Umso überraschter war ich, dass er sofort zu einer Antwort ansetzte. Das konnte doch nur schiefgehen. Er mußte doch wissen, dass er verliert, egal was er antwortet.

Erinnert er sich zu schnell, und auch noch mit genußvollen Lächeln, kochen bei mir unweigerlich die Emotionen hoch. Gibt er vor keine Erinnerung mehr zu haben, könnte ich das schnell verallgemeinern und fragen wie lange er sich meiner bewußt bleiben wird. Er hat sich auf vermintes Gebiet locken lassen und scheint es nicht zu merken.

Mit leicht hilfloser Handbewegung unterstreicht er sein first experience of sex und stuft es als damb squib ein. Typisch englisch bemüht er Bilder, um eine Sache zu beschreiben und hier fiel ihm der ‘feuchte Knallfrosch’ ein, womit ich sofort etwas anfangen kann (Rohrkrepierer). Zur britischen Hochform läuft er aber bei der Schilderung seines ersten Kusses auf. My first crush kissed like a car wash. – Es dauerte etliche Küsse bis ich das Bild der rotierenden Wasserwalze wieder loswurde. Leider mussten einige ‘passionated busses’ vorzeitig abgebrochen werden, weil lachen und küssen geht nun mal nicht gleichzeitig. 

Warum der Copper sich am Bank Holiday, Ende August, gerne mal verkleidet erfahren Sie weiter unten.

Gut gemeistert. Meine peinliche Frage war vom Tisch und das auch noch mit einem good laugh. Alles in Butter. – Das Telefon klingelt, George meldet sich mit einem knappen hello! mehr kann der Anrufer nicht erwarten. In England ist es üblich nur Hallo zu sagen, keinen Namen zu nennen. Macht ja auch Sinn, der Anrufer wird schon wissen, wen er sprechen will. Aber der Engländer ist generell sparsam mit seinem Nachnamen, den verrät er nicht so ohne weiteres. Es gibt Leute, die kenne ich schon seit Monaten, sie heißen Neil, Derek oder Clifford und haben sich mir auch so vorgestellt, aber ihren Nachnamen kenne ich nicht. Eine Freundin warnte mich mal anfangs: If someone gives you his surname be sure he will get you in bed. Damit muß man rechnen.

Zum Glück muß George nicht los. Inzwischen reagiere ich bei Anrufen schon etwas panisch; ich mag es gar nicht, wenn er nachts zu irgendwelchen Notfällen gerufen wird. Er würde auch lieber weiterschlafen, scheint aber auch nicht auf diese ‘Überraschungen’ verzichten zu wollen. Unsere Wohlfühlzonen sind nicht dieselben, he likes projects, I like maintenance. So einfach ist das.

Es war “nur” ein alter Freund, der gerade in den Ruhestand gewechselt ist und es nun an der Zeit findet seine langjährige Partnerin zu heiraten. Die beiden wollen es amtlich machen und man fragt, ob wir dabei sind. Hochzeitsfeiern vermeide ich, wie der Teufel das Weihwasser. Irgendwie sind sie mir immer eine Nummer zu dick und zu laut. Diese wedding könnte anders sein, angesichts des Alters der Brautleute. Damit George meine zögerliche Zusage versteht, versuche ich es ihm bildlich zu erklären. Ich habe zwar nie darüber nachgedacht, wie ich mir meine Hochzeit wünsche, weiß aber genau, was ich nicht erleben möchte: “I want a simple ceremony on a wet Thursday afternoon and not a multi-event festival, complete with an own hashtag and personalised confetti.” Er guckt mich groß an, dann sein Handy, das er immer noch mobile nennt, und sagt: Yes, next week it’s possible. Late afternoon.

Wieder klingelt das Phone und diesmal bin ich ziemlich froh darüber. Schluß mit der Fragerei, TV anschalten, Kissen in Rücken und Füße hochlegen. Der Abend kann beginnen. Der moderne Kamin bietet zwar kein offenes Feuer, dafür hat er aber eine Fernbedienung. So was weiß ich zu schätzen, wenn ich es mir erst einmal bequem gemacht habe.

Ende einer Hochsee-Regatta. die Clipper erreichen London. Jedes Jahr zum Herbstanfang wird das groß gefeiert. Die Segelsaison 2015 geht zu Ende.

Rückblick: Vor einer Woche war Herbstanfang. Auf den Tag genau rutschte das Quecksilber in den Keller. In England begann die Woche mit einem Feiertag, den letzten Bank Holiday des Jahres. Er hat kein festes Datum; er fällt immer auf den letzten Montag im August. Ganz schön schlau. Man feiert das “Sommerfest”, das sich unter anderem dadurch auszeichnet, dass es grundsätzlich verregnet ist.

Es gibt einige untrügliche Zeichen, die den arbeitsfreien Montag ankündigen: Die Eisenbahner streiken, Stillstand auf den Autobahnen, denn die Schule fängt am Dienstag wieder an und ganz London reist schlagartig zur selben Stunde Heim, und die Shops haben nur von 9:00 bis 18:00 Uhr geöffnet. Dafür bieten sie einen Schnäppchenverkauf, der dem guten alten SSV nahe kommt.

Feiertage sind Haupteinkaufstage. Am Bank Holiday geht man sonntags ins Modegeschäft und montags zum Baumarkt.

Die Baumarktkette Block & Quayle hat deutlich länger geöffnet, Mann trifft sich hier zwischen 7:00 und 20.00 Uhr. Am Feiertag. Es ist für alle englischen Männer Pflicht am Feiertag zu B&Q zu gehen oder neutraler gesagt DIY zu machen. (do it yourself). Kein Feiertag, inklusive Weihnachten, wo nicht renoviert wird. Man fängt große Projekte mit Feuereifer an und ist dann die nächsten Monate damit beschäftigt die Zerstörung halbwegs wieder gutzumachen.

Es ist Feiertag, das shopping center hat nur bis 18:00 Uhr geöffnet.

Und dann passiert noch etwas am Großen Sommerfeiertag, was ich niemals geglaubt hätte: Der Londoner feiert Karneval! Drei Tage Straßenfest mit Musik, Kostümen, Umzügen. Mitten in London, im Stadtteil Notting Hill. Karibische Steelbands heizen mächtig ein. Riesen Stimmung unter freien Himmel und inzwischen auch handfeste Schlägereien am späteren Abend. Autonome Gruppen nutzen das fröhliche Straßenfest leider auch für ihre Krawalle. Da ist man über einen Regenguss zur rechten Zeit ganz froh.

Karneval in London. Tausende ziehen tanzend durch Notting Hill.

Warum der Karneval im August gefeiert wird, konnte ich nicht ergründen. Auf jeden Fall ist er nicht der Auftakt zu einer Fastenzeit. Ganz im Gegenteil, man nähert sich ganz langsam der “Ballsaison”, da geht es bis zum Weihnachtsfest ganz festlich im abendlichen London zu. Ich mag da noch gar nicht dran denken, denn ich habe mich zwar kleidungsmäßig neu erfunden, habe gerne die Jeans gegen einen Rock getauscht, aber an das lange Abendkleid habe ich mich noch nicht getraut und ich fürchte George wird alleine ausgehen müssen. Es bleibt also spannend. Noch hat London ein paar ganz neue Erfahrungen für mich, bevor sich dann Ende Dezember auch mein erstes Jahr vollendet.