Letzte Woche war ich in London. Kaum angekommen fiel mir eine Bekanntmachung der Historic Royal Palaces auf, man hatte einen Todesfall zu melden: “Munin sadly passed away after a brief age-related illness.” Ich wußte sofort wer gemeint war, denn ich hatte Munin noch im Dezember getroffen. Sie war eine der sieben Raben, die den Tower of London bewachen. Genau genommen bedarf es laut Legende nur sechs Raben, um das Königreich zu schützen, aber wie jede gute Mannschaft hat man einen Spieler in Reserve.

 

 

Nun sind es also tatsächlich nur noch sechs: Erin, Rocky, Grip, Harris, Jubilee and Merlina. Sie genießen ein sorgenfreies Leben in London, denn sie werden täglich mit frischen Rindfleisch und blutgetränkten Biskuits gefüttert. Der Ravenmaster verzichtet schon lange darauf ihnen die Schwungfedern zu kürzen. Wenn sie wollten, könnten sie fortfliegen, aber warum sollten sie? Munin hat das stolze Alter von 22 Jahren erreicht, war aber keineswegs die älteste ihrer Art im Tower. Ein legendäres Alter erreichte der Rabe namens Joe Hardy, er starb mit biblischen 44 Jahren. Für die verstorbenen Raben gibt es eine Gedenktafel an der süd-westlichen Ecke des Tower. Dort werden die Vögel begraben und ein Schild mit ihrem Namen erinnert den Besucher an sie. 

Laut Legende soll König Charles II (1630-85) die Raben in den Tower geholt haben. Neue Dokumentensichtungen ergaben aber deutlich jüngere Daten. Die Geschichte der Tower Raven begann viel später als bisher vermutet. Erst im späten 19. Jahrhundert, also zur Regierungszeit von Königin Victoria, wurden die Vögel im Tower heimisch gemacht. Sie dienten zunächst ausschließlich zur Unterhaltung der Besucher. Und das machen sie natürlich auch heute noch. Aber es gibt eine tiefe Verbundenheit zwischen der englischen Kultur und den Raben. Sie spielten schon in geschichtlichen Frühzeiten eine Rolle und irgendwie ist das jedem Engländer bewußt. So wie wir eine besondere Verehrung für das Pferd empfinden, so fühlt sich der Brite zutiefst mit dem Raben verbunden. Schon als William the Conqueror im Jahre 1066 die Insel eroberte, zeigte sein Banner das Abbild des Rabens. Shakespeare erwähnt den Vogel über 50 mal in seinen Werken und auch Edgar Allen Poe und Charles Dickens wiesen dem Raben immer wieder wichtige Rollen in ihren Geschichten zu. Von Tolkien will ich gar nicht reden. Der Ravenmaster of the Tower bringt es auf den Punkt: “The connection with ravens goes back as far as civilisation itself. In every part of our culture there is a raven in the background.”

 

Im Januar 2018 saßen Jubilee (links) und Munin (rechts) noch zusammen in ihrem Gehege.

 

Und nun ist also auch Munin in den Hintergrund getreten. Ihr freier Platz wird von einem Nachfolger eingenommen werden, der sich dann erst einmal bei seinem Käfiggenossen Jubilee vorstellen muß. Die Raben sind eigentlich friedlich, es sei denn, man hat sie provoziert. Sie sind erstaunlich intelligent, können Werkzeuge benutzten und sogar menschliche Sprache imitieren. Sie unterscheiden zwischen Freunden und Feinden und man sollte es nicht darauf ankommen lassen, dass sie einem zu nahe kommen. Aber keine Sorge, von alleine wird der Vogel niemanden attackieren. Der Ravenmaster erzählte uns aus seiner Erfahrung: “If you get the trust of a raven it will trust you for life. A raven can also hate you for life.” Dummerweise war ihm gerade dass mit Munin passiert, sie hatten über all die Jahre eine nicht ganz unproblematische Beziehung, deren Ursache aber immer unklar blieb. Nun ist Frieden eingekehrt und wenn ich im nächsten Winter einmal an einer Abendtour im Tower teilnehmen kann, -und das steht ganz oben auf meiner Wunschliste-, dann würde es mich nicht wundern, wenn irgendwie auch ein Hauch von Munin um die mittelalterlichen Türme schwebt.

 

Erst im zweiten Weltkrieg, während der Bombennächte (ab Sep. 1940), wurden die Tower Raben zum Maskottchen der Londoner. Die Zuversicht, dass London nicht fallen kann solange die Raben im Tower sind, stärkte die Moral der Bevölkerung. Es schadet dem deutschen Besucher nicht, sich dieser Geschichte bewußt zu sein.