‘Wat den een sien Uul, is den annern sien Nachtigall’, sagt man in meiner Heimat. Ein Engländer wird den Satz nicht verstehen, obwohl die Plattdeutsche Sprache ihm eigentlich vertrauter als das Hochdeutsche sein müsste. Ich glaube der Ausdruck ‘it isn’t everyone’s cup of tea’ trifft den Kern der Sache. Und damit wären wir beim heutigen Thema: London verliert an Anziehungskraft!

 

Die Themse stromaufwärts geschaut. Ich stehe auf der Tower Bridge, geniesse das schöne Wetter und fühle mich pudelwohl. Kann man sich an London sattsehen? Möglich, nix ist auf Dauer so sexy wie etwas ganz und gar Neues. Noch fürchte ich nicht um meine Faszination, erarbeite sie mir allerdings auch immer wieder neu.

 

 

Im letzten Jahr (Jan-Sep 2018) wurden 7,69 Millionen Besucher aus EU-Ländern gezählt. Es waren sowohl Urlauber als auch Geschäftsreisende. Im Vorjahr (gleicher Zeitraum) waren es 8,44 Millionen. Es haben sich also in 2018 fast zehn Prozent weniger Menschen für einen Aufenthalt in London entschieden. Die Sommermonate waren zwar fast so stark wie in 2017, aber das Weihnachtsgeschäft verlief äusserst enttäuschend und damit dürften das Jahresergebnis eher noch schlechter ausfallen. Ich war sowohl im August als auch im Dezember in London und kann bestätigen, dass ich subjektiv gefühlt mehr Raum hatte als in 2017. Na ja, ein bißchen mehr. Für London sind das alarmierende Zahlen, denn sie bedeuten weniger Einnahmen. Der Grund für die Zurückhaltung der Besucher ist ganz klar der Brexit. Viele Europäer werden sich fragen: “Warum soll ich jemanden in den Ferien besuchen, der mir gerade die Freundschaft*) gekündigt hat?” Es muß aber noch mehr dahinterstecken, denn die Anzahl der Besucher aus Übersee gingen genauso zurück; von 15,24 Millionen in 2017 auf 14,22 Millionen in 2018.

*) Ende einer Freundschaft? Ich kann mich leider dieses Gefühls auch nicht erwehren, so gerne ich es verdrängen würde, denn stets wurde ich freundlich, herzlich, mit offenen Armen empfangen. Als ich mit Londonern über den Brexit sprach, war ich überrascht, dass die allermeisten den Ausstieg wollten. Viele zeigten ihre Verärgerung über die ‘Bevormundung’ aus Brüssel. Wenn ich dann persönlich reagierte und darauf hinwies, dass ich doch auch eine Europäerin sein, reagierte man fast entsetzt. Sobald der Groschen gefallen war, zeigte man mir tiefstes Bedauern über die unkluge Äusserung. “For God’s sake, we don’t mean you. You are always welcome, it’s our pleasure to see you …” Und ich glaube, dass sie das aufrichtig meinten. Sie haben keinerlei Groll gegen irgendeinen Europäer, es sei denn er hat ein aktuell ein hohes Amt im Europäischen Rat oder in der Kommission inne.

Die schwindenden Touristenzahlen lassen London auf der Top-Ten Liste der Reiseziele ordentlich nach unten rutschen. Weitere Absagen sind zu befürchten, da wird schnell ein Lawineneffekt ausgelöst. Das eigentlich Problem sind natürlich die damit schwindenen Einnahmen. London lebt vom Tourismus. Es gibt unzählige Arbeitsplätze die schnell gefährdet sind, sobald die Besucher ausbleiben. Konkret liessen die Touristen in 2018 (Jan-Sep) 9,18 Millarden Britische Pfund (10,43 Millarden Euro) in London zurück. Ein Minus von 1,3 Millarden zum Vorjahr. Das tut weh und macht Sorge, denn der Trend zeigt weiter nach unten. Aus unserer Sicht sind das allerdings keine alarmierenden Nachrichten. Ganz im Gegenteil. Der Wechselkurs ist günstig wie selten, die Hotelpreise geben nach und der Gastronomie bleibt auch nichts anderes übrig. Und ehrlich gesagt, wird London für mich dadurch eher attraktiver, je weniger Touristen dort herumwuseln. Das ist nämlich manchmal beängstigend, wenn man sich von einem reissenden Menschenstrom davongespült wiederfindet. Fahren Sie mal morgens mit der Underground in die City. Am besten von Waterloo nach Bank Station um 8:30 Uhr. Wenn Sie da heil ankommen, ihre Nerven noch im Griff haben und sogar noch lächeln können, dann haben Sie sich einen Orden für Tapferkeit verdient.

 

Eine ‘normale’ Kreuzung in Westminster. Ein ‘normaler’ Wochentag im August. Menschen um mich herum, sie kommen von irgendwo her und wollen irgendwo hin. Es sind ausnahmslos Touristen. Abends werden hier zwei- bis dreimal soviele Menschen unterwegs sein.

 

Ich sehe der Saison 2019 mit gemischten Gefühlen entgegen. Finanziell werden die Londonreisen günstiger werden, oder sagen wir lieber bezahlbar, organisatorisch könnte es komplizierter werden. Ich werde es mir auf jeden Fall noch einige Zeit vor Ort ansehen, bevor ich meine Haltung zu den Engländern möglicherweise neu definieren muss. Aber noch sehe ich der Zunkunft, mit oder trotz Brexit gelassen entgegen. Ich hatte bisher immer das Glück ganz besonders liebenswerte Engländer kennenzulernen, die mich stets mit offenen Armen empfingen und mir halfen wo sie konnten. Und wie war London selbst? Das ist merkwürdig, aber von der ersten Sekunde an fühlte ich mich dort wohl. Ich weiss noch genau, wie mich mein erster Weg zum Trafalgar Square führte, wie ich dort wortwörtlich im Zentrum der Stadt und des Verkehrs stand und mir ganz von alleine die Worte: “I’m home. I’ve finally arrived” über die Lippen kamen.