In der letzten Woche sind mir eine ganze Menge kleinerer, guter Nachrichten aufgefallen, die alle England betreffen. Es waren keine großen Informationen, keine die Schlagzeilen machen, eher Randbemerkungen in den Tageszeitungen. Und überhaupt, wer sortiert die Meldungen eigentlich in die Schubladen ‘gut’ und ‘schlecht’ ein? Klar, das machen wir, weil wir unseren Gefühlen beim Lesen erlauben uns über die Schulter zu sehen. Und schon schicken die Emotionen einen Auftrag an den Etiketten Drucker und kleben das Label auf den eigentlich neutralen Inhalt. Und weil mir das auch passiert, will ich es heute hier einmal gerade rücken.

Letzten Mittwoch suchte ich regelrecht nach einer bestimmten Info und mußte verdammt tief graben, bevor ich fündig wurde. Es ging um die geplante Hüftoperation des Duke of Edinburgh, die am Morgen des Tages erfolgreich verlaufen war. Na, Gott sei Dank, dachte ich mir. Prinz Philip, Ehemann der englischen Königin, musste sich ein künstliches Hüfgelenk einsetzten lassen und das war nicht ohne Risiko. Immerhin wird der Mann im Juni 96 Jahre alt. “He is in good spirits”, hieß es und vermutlich wird er Mitte dieser Woche das Krankenhaus verlassen können. Das ist ganz sicher eine gute Nachricht. Die Queen scheint es sehr gelassen genommen zu haben. Am Operationstag (in Marylebone, London) ging sie ihren Pflichten in Windsor nach; kein Besuch am Krankenbett. Nun ja, sie hat das alles schon bei ihrer Mutter erlebt, denn Queen Mum erhielt im Alter von 95 Jahren ihr erste Metall-Hüftgelenk und zwei Jahre später das zweite. Sie überstand beides bestens und wurde, wie wir wissen, über einhundert Jahre alt. Ich drücke dem Duke beide Daumen, dass auch er bald wieder ohne Hilfen gehen kann und vielleicht schon im Juni mit der ganzen Familie auf dem Balkon des Buckingham Palace stehen wird (Queen’s Birthday am 9. Juni). 

 

Prince Philip: Ein echter Gentleman, humorvoll und stets hell wach. Gute Besserung.

 

Anderes Thema, ein in England eher ungeliebtes, nämlich der leidige Brexit. Er ist finanziell spürbar, das britische Pfund verliert an Kaufkraft. Für mich natürlich eine gute Nachricht, denn die Preise sind (noch) stabil und deshalb wird mein Englandaufenthalt billiger. Überrascht haben mich aber neue Zahlen über die Wohnverhältnisse der Engländer. Der Wohnraum, den sie sich leisten können, schrumpft seit Jahren und ist jetzt auf dem Stand von 1940! Es gibt konkrete Zahlen und die haben mich dann doch verblüfft, obwohl ich um die engen Wohnverhältnisse weiß. Aktuell sind die Häuser der Briten (England, Wales, Schottland, Nordirland) durchschnittlich 92 qm groß. Das ist nicht gerade viel für eine vier- oder gar fünfköpfige Familie (+ Hund und Katze). Ein englisches Ehepaar schläft in einem 13,75 qm großen Schlafzimmer und wohnt in einem 17 qm großen Wohnzimmer (alles Durchschnittswerte). Die jüngeren Leute mit akademischen Abschluß, beispielsweise im teuren London, freuen sich über eine Ein-Zimmer Wohnungen, die zwischen 35-40 qm groß ist, und leben dort oft sogar mit Partner. Reviergröße ist eine Gewohnheitssache. Was man als klein oder groß empfindet ist kulturell unterschiedlich. Aber wenn die verfügbare Fläche sehr klein wird, dann hat das Folgen. Dann hat man keinen Raum für große Schränke, Regale oder viele Stühle. Und deshalb kann man auch nur wenig unterbringen, keine Vorräte sammeln, keine Bücher horten oder Gäste einladen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich diese Nachricht unter ‘schlecht’ einsortieren soll, denn beim zweiten Nachdenken fand ich Anregungen für mein eigenes Zuhause. Brauche ich das wirklich alles? Und macht es mir mehr Freude als Arbeit? Fragen, die ich noch nicht beantworten kann, aber ganz spannend finde.

Trotzt Brexit und Nebenfolgen, scheinen mir die Engländer deutlich glücklicher zu sein, als meine Landsleute es sind. Wie kann das sein? Immerhin spüren sie den Verlust der Kaufkraft und würde es uns nicht sehr beunruhigen, wenn wir gefühlt und de facto täglich weniger Geld in der Tasche hätten? Ja, das würde es und genau das ist einer, wenn nicht sogar der Unterschied zwischen der englischen und der deutschen Gemütslage. Während wie uns mehrmals täglich die Frage stellen ‘was wäre wenn …’, kommt dem Engländer dieser Gedanke gar nicht in den Sinn. Bei mir ist das ganz anders. Warum würde mich drohender Geldverlust beunruhigen? Wenn ich es zu Ende denke, dann geht es im Kern um einen drohenden Sicherheitsverlust. Mir, und damit bin ich typisch deutsch, ist Sicherheit ein hohes Gut. Ich will möglichst viel Garantie für die Zukunft haben: Stabile Gesundheit, sicheres Einkommen, feste Partnerschaft usw. Der Engländer kann damit nichts anfangen, er macht sich keine Gedanken über mögliche Gefahren, Bedrohnungen oder Einbussen. Selbst wenn sie unabwindbar vor der Tür stehen, wie der Brexit, sagt sich der Briten ‘da warten wir erst einmal ab’ und damit ist es für ihn im Augenblick erledigt. Ihn plagen anschließend weder Magengrummeln noch Alpträume. Ich kann meine These sogar sehr einfach beweisen, denn in England gibt es nur die Basis-Versicherungen. Niemand würde sein Fahrrad vor Diebstahl finanziell absichern oder ein Glasbruchversicherung zusätzlich zum Hausrat erbeten. Vermutlich haben auch nur wenige ihren Hausrat abgesichert. Und der Grund ist nicht etwa Sturheit, sondern die empfundene Sinnlosigkeit vor Aktionen oder gar Ausgaben, die rein prophylaktischen Zwecken dienen. Da warten wir doch erst mal ab bis etwas konkret passiert und reagieren dann in perfekt angemessener Weise. Diese gesunde und vertrauensvolle Einstellung zum Leben und zum Alltag kann man nur haben, wenn man sich rundherum sicher fühlt. Und das tut der Engländer, der vertraut sich selbst. Und weil mir das sehr gefällt ist auch dies eine gute Nachricht für mich.

 

Geburtstagsparade der Queen. Diesmal will ich auf der Mall dabei sein und es werden noch andere Debütanten erwartet: Meghan, die dann die Ehefrau von Prince Harry sein wird, und das Baby von Kate und William. Na ja, das wird wohl zu Hause bleiben müssen, aber es soll bald zur Welt kommen.

 

Zum Schluß aber der Paukenschlag: Die Queen wird für den Friedensnobelpreis 2018 vorgeschlagen! Kein Witz und eigentlich eine verdammt gute und überfällige Idee. Grundsätzlich können führende Staatsmänner und -frauen, also Präsidenten, einen Vorschlag beim Komitee in Schweden einreichen. In diesem Fall sind es gleich ein paar Dutzend Präsidenten, die das machen werden, nämlich die Staatsoberhäupter der Commonwealth Staaten. Darunter sind Kanada, Australien, Indien und Südafrika. Sie treffen sich alle in der nächsten Woche in London. Die Queen wird ihren Vorsitz aufgeben und hofft, dass ihr Sohn Charles die wichtige Aufgabe übernehmen kann. Aber das ist nicht garantiert, denn es kann theoretisch jeder gewählt werden. Immerhin hat die Königin seit Jahrzehnten die weltumspannde Organisation fehlerfrei geführt und ohne viel Aufsehen so manchen Konflikt entschärft. Das ist in der Tat lebenslange, weltweite Friedensarbeit und eines Nobelpreises wert. Ich drücke beide Daumen. Wenn es klappen sollte, die Wahl wird kurz vor Weihnachten bekanntgegeben, dann dreht England durch. So viel ist sicher. Ein Engländer hat es charmant ausgedrückt: “If someone nominates her and she is successful, I think the whole country would be thrilled to bits.” Ja, da wäre ich gerne dabei. Gleich mal für den Dezember einen weihnachtlichen London Trip notieren.