Wenn ich morgens in London erwache, ist in den Parks schon ordentlich was los. Jogger und Hundebesitzer sind dann im Regent’s oder Hyde Park unterwegs oder rennen querfeldein durch die Hampstead Heath. Ich kann davon leider nur mittelbar berichten, denn ich ich darf nicht laufen. George sagt das wäre Blödsinn, aber ich habe es schriftlich. Ein Anti-Jogging-Attest sozusagen. Ich hatte es ja versucht, konnte täglich ein Stück weiter mithalten und dann, nach fünf Wochen, war’s passiert. Das Knie schmerzte, wurde dick und nach ein paar Untersuchungen hatte ich sogar den Fotobeweis: Eingerissener Meniskus. Seitdem verweigere ich das Laufen. Da bin ich ganz konsequent und renne auch keiner U-Bahn mehr hinterher. Ist in London auch nicht nötig, die fahren morgens im 3 Minuten Takt. Allerdings habe ich durch meine Verweigerung auch keine Chance, jemals einem prominenten Mitmenschen in aller Herrgottsfrühe pustend zu begegnen. Einer unter ihnen ist der Politiker Boris Johnson, ehemaliger Bürgermeister von London und möglicher nächster Prime Minister. Er jogged normalerweise durch den St James’s Park im vornehmen Westminster.

 

Dass das in allen Zeitungen zu sehen sein wird, war dem damaligen BM von London bewußt. Es freut ihn, weil er damit seine Wähler amüsieren kann. Trotzdem, die Shorts sind zum Heulen.

 

Der Mann wird geliebt und gehasst. Boris Johnson zwingt zur Stellungnahme und lässt keine Chance zur Provokation aus. Ich weiß nicht, ob er ein guter Bürgermeister war, aber er hat viel in London bewirkt. Und ich muß zugeben, dass ich ein (heimlicher) Fan von ihm bin. Wann immer er mal wieder Schlagzeilen macht, weil er sich so gar nicht an das Protokoll gehalten hat oder weil er sich mal wieder peinlich-komisch aufgeführt hat, kommt er bei mir eigentlich positiv an. Egal wie idiotisch er gekleidet ist, wie wirr die Haare vom Kopf stehen, der Mann scheint echte Freude zu haben. Der ist authentisch, nichts an seinem Benehmen  scheint mir posenhaft zu sein. Boris ist irgendwie erfrischend ehrlich und ganz schön britisch.

 

Der Mann ist, wie so viele, mit den Royals verwandt. Eine Ur-ur… Ahnin war die Geliebte des englischen Königs. Weil der sie aber nie geheiratet hat, wird Boris auch nicht im offiziellen Stammbaum erwähnt.

 

Das Foto entstand anlässlich einer Promotion zur Olympiade 2012 in London. Man hatte eine Seilbahn gespannt und Boris, damals noch BM, war sofort bereit den Fototermin zu meistern. Er ließ sich nicht lange bitten, rutsche dann am Seil durch die Luft, bejubelt von Hunderten von Zuschauern. Das soll man sich erst einmal trauen. Natürlich hing er wie ein nasser Sack am Haken, zog dann aber zwei Union Jacks aus der Tasche und war so urkomisch anzusehen, dass man einfach hingerissen sein mußte. Das war allerfeinste, englische Unterhaltung. Die Seilbahn blieb stecken, er machte sich zum Idioten und schon konnten sich alle tagelang beim small talk austauschen und herrlich amüsieren. Thank you Boris. Fünf Minuten hing er wie ein flügellahmer Käfer über der lachenden Menge, eigentlich in einer ziemlich blöden Lage, die er aber mit größten Vergnüngen auskostete. Er hatte alle Aufmerksamkeit, alle Kameras und alle Lacher. Natürlich wußte er, wie man aus einer solchen Situation eine gute Show macht. Bravo, soviel Selbstbewußtsein hätte ich auch gerne.

Im nächsten Monat wird London ein Déjà-Vu erleben. Ein sportliches Großereignis findet auf dem ehemaligen Olympiagelände statt. Die World Athletics Championships werden Erinnerungen wachrufen. Ich hatte die Olympiade nur am Fernseher erlebt und war von der Eröffnungsfeier begeistert. Mag sein, dass damals meine London-Liebe begann. Jetzt kann ich es mir also einmal live ansehen. Man hatte damals die Sportstätten in den Osten der Stadt gebaut. Das sogenannte East-End war immer eine ärmliche Gegend, dort lebten die Hafenarbeiter mit ihren Familien und nach ihnen zogen Einwanderer aus der Karibik und von Fernost in die heruntergekommenen Häuser. Dann, nach der Milleniumswende, brachte die geplante Olympiade eine massive Aufwertung in die ganze Gegend. Die Strassen wurden ausgebaut, der Nahverkehr modernisiert und neuerdings werden sogar sehr schicke Wohnhäuser dort hochgezogen. Der Bauboom, bedingt durch die Olympiade, veränderte das Stadtbild im östlichen London rasant.

 

Das Olympia Stadion liegt im Stadtteil Stratford, gleich neben Hackney. Früher Arme-Leute-Gegend, jetzt aber begehrtes Wohnquartier, grün und doch nahe am Centrum gelegen. Man hat das Stadion stehen gelassen. Inzwischen ist dort der Fußball Club West Ham United zuhause und empfängt dort auch die europäischen Gegner aus der Premier League.

 

Eigentlich schade, dass Boris nicht mehr Mayor of London ist. Jetzt wird sein Nachfolger, Sadiq Khan, das Leichtathletikfest eröffnen und vermutlich wird er es perfekt meistern, ohne Pannen und damit auch ohne humour and charme. Aber es gibt zum Glück eine neue Chance Leuten zuzusehen, die irgendwo zwischen Himmel und Erde stecken geblieben sind. Eine Seilbahn wurde am Südufer der Themse installiert und lädt zur Schußfahrt ein. Alleine schon die zur Sicherheit nötigen Gurte garantieren, dass der handgeschneiderte Anzug verrutschen wird und unfreiwillige Komik ist somit garantiert. Wer sich auf das Abenteuer einlässt, muß mit allem rechnen. Mich werden Sie da nicht treffen können. Und das liegt nicht an den robusten Eintrittspreisen, sondern an meinem empfindlichen Gleichgewichtssinn. Ich mag es gar nicht, wenn der Boden wankt. George freut das und er nutzt es gerne beim Tanzen aus. Dann hänge ich untrennbar an ihm. Würde er loslassen, würde ich wie ein alter Zollstock in den Gelenken einknicken. “Oh look, they can’t let away from each other”, freuen sich die Verwandten, wenn wir eng umschlungen vorbeiwalzen. “Who would have thought it!”

 

 

In Southwalk, ganz in der Nähe des London Eye, wurde das Seil quer durch den Archbishop’s Park gespannt. Ich dachte erst, man könnte quer über die Themse segeln, aber leider geht es nur parallel am Ufer entlang. Sonst würde man allerdings auch direkt im Palast von Westminster landen, dort ist natürlich kein Platz für einen kontrollierten touch-down. Dass die Sache nicht kostenlos sein würde, war mir klar. Aber dass die Leute dafür 55 Euro ausgeben, hat mich schon überrascht. “It’s for two rides, a T-shirt and a photo”, klärt mich George auf. Klar, das leuchtet mir ein. Denn zwischen den beiden Fahrten wird man zwangsläufig das Shirt wechseln müssen und wenn man dann die ganze Katastrophe, -also die Kleckerei auf der Vorderseite-, auch noch im Bild dokumentiert bekommt, dann ist das für einen ‘tenner’ nicht zu haben. Ich weiß wovon ich spreche, mir wird schon übel, wenn ich an der Kasse des Riesenrades in der Warteschlange stehe. Nie habe ich es geschafft meine Angst vor der Höhe in den Griff zu bekommen, dabei genieße ich den Anflug im bequemen Ledersessel des Fliegers eigentlich immer ganz entspannt. Jeder hat da wohl so seine ganz persönlichen Ängste oder wie George es sagt: “Everyone is free to pursue his own happiness”.

 

Cartoon von Matt Pritchard

Man muß die Rekorde feiern, wenn sie fallen.
World Championships 4. – 13. August 2017 in London