Endspurt! Das Weihnachtsfest steht vor der Tür. Ich habe keinen Streß, denn wir feiern alleine und egal was passiert, wir werden unseren Spaß haben. Wer sich Gäste eingeladen hat, kommt jetzt langsam unter Druck. Wir beobachten aus sicherer Entfernung und geniessen unsere Oase der Ruhe. Natürlich kommt es dann mal wieder ganz anders. Eine Einladung bei jungen Leuten mit Kind bringt mich ordentlich ins Schwitzen.

Die kleine Poppie hat gerade ihren fünften Geburtstag gefeiert. Sie ist schon alt genug um auf eigene Christmas Erfahrungen zurückgreifen zu können. Das hat sie vom letzen Jahr noch gut in Erinnerung und seit Wochen fiebert sie dem Ereignis entgegen. Poppie hat einen Wunschzettel geschrieben. Eine universelle (?) Tradition. Klar, denn überall gibt es einen Santa und irgendwie muß man ihm ja die Bestellung aufgeben. Keine Überraschung, aber dass sie dann ihren Wunschzettel ausgerechnet mir überreicht, damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet. 

wunschzettel

Etwas verdattert nehme ich das Blatt Papier entgegen. Sie kann erste Worte schreiben und wo sie nicht weiter wußte, hat sie den Buntstift sprechen lassen. Father Christmas wird schon wissen, was gemeint ist, daran hat sie keinen Zweifel. Aber was erwartet Poppie nun eigentlich von mir? Und worauf warten ihre Eltern und George? Alle sehen mich erwartungsvoll mit großen Augen an. 

Ich habe in London eine alte Überlebensstrategie neu ausgepackt: Schreckstarre. Wenn mal wieder eine völlig unerwartete Frage gestellt wird, eine thematische Tür geöffnet wird, die ich lieber geschlossen weiß, dann halte ich einfach inne. Und zwar so sehr inne, dass mich meistens George zum Weiterleben auffordern muß: ” You can start breathing now.” “Danke”.

Diesmal fange ich mich schneller. Das kann ja nicht so schwierig zu erahnen sein, denke ich mir, was Poppie von mir will. Als erstes schenke ich ihr mal meine volle Aufmerksamkeit. Dann ein paar optimistische Worte zur pünklichen und korrekten Lieferung dank Santa’s schnellen Schlitten. Aber das reicht ihr nicht; ihr Blick sagt mir deutlich, dass sie noch etwas anderes von mir erwartet. Zum Glück schaltet sich George ein. Mein Retter! Aber der denkt gar nicht daran mich zu erlösen. Ihm macht die Sache großen Spaß und deshalb gibt er mir nur einen ersten Hinweis. “You should hand the letter over.” Zum Glück deute ich seine Geste richtig, die Richtung Kamin zeigt. Na klar, da hätte ich auch selbst drauf kommen können. Dort hängen längst die Strümpfe. Aber was genau soll ich dort machen? Poppie’s Wunschliste in die stockings stecken? Sicher nicht. Nein, der Brief muß in den Kamin geworfen werden. Natürlich nicht um ihn dort zu verbrennen, -die Folgen des kindlichen Schocks will man sich gar nicht ausmalen-, nein, der Zettel mit all den sehnlichen Wünschen muß natürlich durch den Kamin ins Freie schweben und dort, mit Hilfe von Wind und Wolken, bis zur Santa’s Grotto im hohen Norden getragen werden.

George hatte mich mit zarter Anspielung auf einen gerade gesehenen TV-Film geschickt an den sehr englischen Brauch erinnert. Aber ich hatte nicht so genau aufgepasst und wußte jetzt nicht, ob es einen Trick gibt, wie man die Wunschliste im Kamin verschwinden lassen kann? Gibt es da einen geheimen Mauervorsprung, den man nutzen könnte? Oder soll ich da jetzt reinklettern und selbst nach einem passenden Spalt im Schlot suchen?

letter
Dieser Brief an ‘Dear Father Xmas” lag 75 Jahre im Kamin. Jetzt tauchte er wieder auf.

Alles viel zu kompliziert, sage ich leise zu mir selbst. Poppie ist fünf Jahre alt und will nicht mehr als ein bißchen Hilfe. Ihre in schönster Schrift festgehaltenen Wünsche müssen an den Weihnachtsmann übermittelt werden und die Illusion werde ich ihr doch wohl bewahren können. Ich sage Poppie also, dass wir ihren Wunschzettel jetzt auf die Reise schicken, versichere ihr (oder mir?) noch schnell, dass es bestimmt klappen wird und lasse die Liste blitzschnell von der rechten in die linke Hand wandern. Dann werfe ich etwas mit der rechten in den Kamin und zeige gleich darauf Poppie die leere Hand. Simsalabim! Es hat funktioniert, die Liste ist abgeschickt.

Kein Hurray von Poppie, stattdessen fragende Augen. Mit drei Schritten ist sie um mich herumgetrippelt und zeigt mit ihrem Zeigefinger auf mein linke Hand. Dort halte ich noch immer ihren Wunschzettel fest. Voll erwischt. Die Frage, die jetzt wie ein Elefant im Raum steht, lautet: Wem laufen zuerst die Tränen? Poppie oder mir?

Es wird also ernst, das hat auch George erkannt. Nahtlos nimmt er die Sache in die Hand. Mit Poppie auf dem Arm und ihrer Wunschliste in der Hand geht er zum Eßtisch. Von den Eltern lässt er sich einen Briefumschlag geben und darauf schreibt er: Father Christmas, Santa’s Grotto, Reindeerland, XM4 5HQ. Das sollte ankommen und eine Antwort wird garantiert. Der Nachmittag ist gerettet. Poppie strahlt, ihre Wangen sind vor Aufregung ganz rot, ihre Eltern schauen zufrieden und ich bin glücklich, weil ich wieder ein bißchen englischer geworden bin.

Als wir schon längst wieder zuhause sind frage ich George ob er traurig ist, dass wir alleine feiern werden? Eine unsinnige Frage, denn eigentlich zielt sie auf das stets unbefriedigende Thema “Was wäre wenn” hin. Bevor ich in Trübsinn bade, weiß George die Sache wirkungsvoll zu beenden: “Family time could drive you up the wall.” Das stimmt, kann ich lächelnd erwidern. Die Facette ist mir auch nicht unbekannt geblieben. Schluß mit Zweifel und Ängstlichkeit. Freuen wir uns an dem was ist und was wir haben. Let’s have a merry Christmas! Oh, yes.