Vor einer Woche begann die Paarungszeit der Rothirsche. Geht man morgens, bei Sonnenaufgang, in den Duvenstedter Brook (Naturschutzgebiet im nördlichen Hamburg) kann man das Spektakel hautnah erleben. In London fing zeitgleich eine andere Art der “Brunftzeit” an: The Autemn Season. Die Abende werden länger, da zieht es den Londoner zu den festlichen Events im vornehmen West End. Gerade erst wurde der kulturell Sommer beendet, mit der legendären Last Night of the Proms. Am letzen Samstag bebte die Royal Albert Hall, als tausende Menschen, plus ICH, lautstark sangen: Land of Hope and Glory, Jerusalem, Rule Britannia und das wunderschöne Auld Lang Syne

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Die Proms 2015 waren wie immer ein Riesenerfolg. Ich kannte es vom TV, aber live dabei sein ist vermutlich ein Erlebnis für die Ewigkeit.

Wer keinen Platz fand konnte im Hyde Park mitfeiern, aber auch dort brauchte man Karten, denn der Andrang ist enorm. Der Abend war ein Riesenerfolg. Ich habe es erstmals live erlebt; unvergesslich.

1. Überraschung: Jonas Kaufmann singt Franz Lehár auf Deutsch! ‘Dein ist mein ganzes Herz. Wo du nicht bist, kann ich nicht sein‘. Schnell drücke ich mal kurz George’s Hand; der kapiert es erst als Jonas den Refrain auf Englisch wiederholt.

2. Überraschung: Die Dirigentin Marin Alsop. Ich hatte nie von ihr gehört (shame) und war sofort begeistert. Tolle Ausstrahlung, ungemein sympathisch.

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Super-Idee! Kaum ist der Ton verklungen, schon zieht die Dirigentin Marin Alsop ihr Phone aus der Tasche und macht Selfies. Britischer Humor vom Feinsten, in diesem Fall von einer Amerikanerin zelebriert.

Die Frau hat mich wirklich mitgerissen. Sie hat den Abend großartig gemeistert. Sie fand die perfekte Balance von professioneller musikalischer Leitung und ansteckend fröhlichen Entertainments. Bravo!

3. Überraschung: Das Schlußlied ‘Auld Lang Syne’. Mir bestens bekannt, ich kann mitsingen, aber ich dachte es wird nur am Silvesterabend gespielt. Kaum höre ich die ersten Klänge, steigen mir die Tränen in die Augen. Das war schon immer so; es hat also nichts damit zu tun, dass wir uns letztes Jahr am Neujahrsbeginn bei diesem Lied erstmals küssten. Das Lied löste stets tiefste Gefühle bei mir aus, auch als ich den Text noch gar nicht verstand. Aber inzwischen weiß ich, dass meine melancholische Reaktion durchaus angemessen ist. Das Lied wendet sich nämlich stets an die in den letzen Monaten Verstorbenen. Jeder Engländer denkt beim Singen an seine Lieben, die jetzt nicht mehr unter uns sind. Er erinnert sich an die ‘lange zurückliegenden Tage’ und an die schönen Dinge, die man geteilt hat. – Was für ein herzlicher Brauch, dass man das Lied stets zum Abschluss von Festivitäten aller Art spielt. Man lädt die Verstorbenen zum fröhlichen Feiern ein, statt ihnen die Tür vor der Nase zuzuknallen. Nach dem Motto: Entschuldigung, die Pietät will es. Bleib draußen, du störst unsere Fröhlichkeit.

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Auch in den Parks feierten die Fans ausgelassen ihre Proms-Night.

Neue Erkenntnis, frisch geteilt: Was macht die Last Night aus? Wie kann aus einer so kunterbunten Liederauswahl ein grandioser Kunstabend werden? Ich hörte diesmal Musik, die mich an Bach erinnerte (Arvo Pärt: Credo), einige bekannte Opernarien, Jazz- und Boogie Woogie am Klavier und wie immer, im zweiten Teil, die Nationalhymne. Kurz vorher, scheinbar in nahtloser Folge, spielt das Orchester ein Kinderlied: I bought me a cat. Fünftausend Besucher singen aus voller Kehle: I bought me a cat and the cat pleased me, I fed my cat under yonder tree. Cat goes fiddle-i-fee. Und dann antworten die zugeschalteten Gäste, die in Parks auf der Insel den Abend auf Leinwänden verfolgen, alleine 30.000 Menschen im Hyde Park, und schließlich singen alle zusammen: Dog goes bow-wow, bow-wow, Horse goes neigh, neigh, Cow goes moo, moo, Pig goes oink, oink, Sheep goes baa, baa, Goose goes hissy, hissy, Duck goes quack, quack, Hen goes chimmy-chuck, chimmy-chuck, Cat goes fiddle-i-fee.
Dreißig Sekunden Pause und schon steigt die ‘Morgenstimmung’ von Edvard Grieg (Peer Gynt) aus den Flöten, Bilder eines Sonnenaufganges an der Ostsee sehe ich vor mir und die Tränen rollen schon wieder übers Gesicht. Gänsehaut am ganzen Körper.
Wie kriegt man das zusammen, wieso passt das alles so wunderbar ineinander und fügt sich zu einem großen musikalischen Genuß? Ganz einfach, es gibt ein übergreifendes Thema, das alle Konzerte während der Proms-Wochen durchzieht und zu einer runden Einheit machen. Die Überschrift heißt: Höchste musikalische Qualität.
Nichts an diesem Abend war Mittelmaß. Alles war überragend, erstklassig. Spielt man ein Kinderlied auf diesem Level dann fügt es sich nahtlos ein. Vielleicht gar nicht beabsichtig, war dieser Abend auch ein schönes Beispiel für den Gewinn von gelebter ‘Diversity‘.


Jetzt startet also die Londoner Party-Saison und bei George liegen bereits erste Einladungen auf dem Tisch. Bis zum Weihnachtsfest nutzt man die langen Nächte und geht gemeinsam ins Theater, Museum, Konzert und/oder zum Essen und Tanzen. Es gibt viele die eingeladen werden ‘müssen’: Familie, Freunde, Kollegen und Kunden. Von allen erhält man natürlich Gegeneinladungen und so wird der Herbst zu einer kurzweiligen Zeit. 

Ist der Smoking gereinigt? Yes, it’s done. Mit Anzug geht es jetzt nicht mehr,  ab sofort ist elegante Kleidung Pflicht. ‘Black tie’ steht auf der Einladung, was man nicht wörtliche nehmen darf. Denn eigentlich heißt es nur ‘schwarze Krawatte’ meint aber die Fliege. Wahrscheinlich hängt bei vielen Engländer jeden Alters ein Smoking im Schrank, denn er wird regelmäßig gebraucht. Alternativ leiht man sich einen für ca. 90 Euro. Da man aber ab ca. 200 Euro durchaus einen eigenen kaufen kann, lohnt sich die Anschaffung. Man sollte aber das doppelte ausgeben, dann hält das  gute Stück etliche Jahre. Bitte nicht zunehmen!

Wer nun glaubt die durch den ganzen Herbst stattfindenden Feiern werden eine ziemlich steife Angelegenheit, irrt gewaltig. Den Engländer hält ein Abendanzug nicht vom Witzemachen ab. Auch mit Fliege kann er sich bestens amüsieren und kaum eine Schleife hält bis in die Morgenstunden. Ab Mitternacht darf man den Begriff black tie wieder wörtlich nehmen.

Ich habe keine Ahnung, was da auf uns zurollt, und bin eher etwas nervös. Mal sehen was bereits an Einladungen angekommen ist. Da wäre ein Ballettabend im Coliseum, West End. The Nutcracker von Pyotr Ilyich Tchaikovsky wird geboten. Nicht schlecht, die Musik ist bekannt, geht ins Ohr und macht Winterlaune. Die Veranstaltungsorte sind alleine schon einen Besuch wert. London hat erstaunlich viele Theater und Musikhallen. Das Coliseum ist eines der größten und bietet Platz für mehr als 2.300 Besucher. Dagegen ist die Hamburger Musikhalle oder die Staatsoper ausgesprochen ‘überschaubar’. 

Das Coliseum im Londoner West End bietet gut 2.300 Besuchern Platz.

Ich ziehe die nächste Karte aus dem Stapel, hier lädt ein Geschäftspartner zum Fish & Wine im Clarke’s ein. Ein Restaurant in Kensington, also beim Buckingham Palace. Vorher wird noch eine Ausstellung im National History Museum besucht: Wildlife Photographer of the year. Das ist ganz nach meinem Geschmack. Die Karte kommt nach oben. Die Sache fängt an mir Spaß zu machen. Ich hatte gedacht, es wären ausschließlich Theaterbesuche zu absolvieren. Scheint aber nicht so zu sein.

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Eine Einladung ins Clarke’s verspricht einen interessanten Abend im vornehmen Kensington. Wer weiß, wer noch alles dort sein wird?

Na, das kann ja ganz nett werden. Denke ich mir so und habe noch immer keine Ahnung was ich anziehen werde. Ich verlasse mich auf mein Glück. Bisher fiel mir noch immer das richtige Outfit rechtzeitig vom Bügel in den Schoß.

Familienfeiern fallen zum Glück aus. Wir sind die beiden letzten unserer Art. Sehr entfernte Stief-Cousins lassen wir jetzt mal beiseite. Dafür hat George sich aber Ersatz einfallen lassen. Er hat die Kollegen zum sonntäglichen Mittagessen privat eingeladen! Und das findet ausnahmsweise wirklich um 13:00 Uhr mittags in den eigenen vier Wänden statt! Für englische Sitten und Gebräuche eine Sensation. Also der Ort, nicht die Zeit. Ich bin auch erst einmal auf Abwehrkurs und polter los: “That means the small rooms are filled with 10 to a dozen tallish people, plus a double buggy and a pair of two-year-olds?” “More or less and perhaps two Golden Retriever and a Labrador.” Das muß ich erst mal verdauen. Aber dann dauert es gar nicht lange und ich freue mich auf die Gäste. Spielen wir doch ein bißchen Ehepaar, das kann nett werden. Well, that’s the theory. 

Und dann ist da auch noch die Einladung von Auntie Ingrid. Sie bittet engste Freunde zum Dinner in ihrem hochherrschaftlichen Haus, bevor sie mit dem Luxusliner Queen Mary 2 *) nach New York entschwindet. Dort wird sie den Winter bei den Enkelkindern verbringen und gleich im Januar 2016 ihren 80. Geburtstag feiern. Auntie Ingrid ist eine außergewöhnlich rüstige Dame, sehr unternehmungslustig, Witwe eines echten Earls, der im Gewürzhandel ein Vermögen gemacht hat. Ihre Jugend und die ersten Ehejahre verbrachte sie auf dem indischen Kontinent, dann zog es sie aber nach London zurück. Gerade rechtzeitig um den damals 16-jährigen George aufzunehmen und ihn wohl nicht nur mit guten Worten zum Studium zu ermutigen. 

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Keiner bringt es so schön auf den Punkt wie Cartoonist Matt. Selten so gelacht.

*) Übrigens kann man mit der Queen Mary 2 eine 2-tägige Schnupperreise machen. Ab 350 Euro ist man dabei. Es wird einiges geboten: Flug nach London, Transfer nach Southampton, Überfahrt nach Hamburg. Weil wir Urlaub machen wollen, habe ich mir gerade die aktuellen Kataloge der Cunard Line angesehen. Für mich ist es sogar ein Doppel-Schnäppchen, denn ich spare ja auch noch den normalen Hinflug! – Leider werde ich schon auf der Hafenfähre seekrank. Also, lieber nicht.

George meint es wäre an der Zeit mich der Tante vorzustellen. Das ehrt mich ungemein, treibt mir aber auch die Schweißperlen auf die Stirn. “We are not personal invited to tea party in Buckingham Palace” gibt er mir zu bedenken. “But it’s pretty close” füge ich hinzu. Vermutlich alles nur ein Test, um herauszufinden ob ich inzwischen die englische Gastkultur begriffen habe. Molto raffinato!

Es wird Zeit für uns, die Koffer zu packen. George braucht dringend Urlaub, fast hätte ich ihn alleine ziehen lassen. Er hat aber lauthals protestiert, was ziemlich nett war. Aber statt mich zu freuen, überwiegt bei mir noch immer die Skepsis. Werden wir die ungewohnte Nähe aushalten? Wenn nicht, dann greift Plan B. Dann wird George die fischreichen Seen in Irland besuchen und ich buche ein langes Wochenende im Shaolin-Kloster. So oder so, by hook or by crook, wir brauchen Erholung. Wenn’s sein muß mit Gewalt 😉

Allen, die noch nicht im Urlaub waren, wünsche wir gute Reise. Have a good holiday, take a rest, you deserve it!