Letzte Nacht hatte George wenig Schlaf und auch heute hat er viel zu tun. Sozusagen “working at full throttle”. Auch wenn es mein letzter Abend in London ist, komme ich seiner Bitte nach einem ruhigen Abend gerne nach. Besonders wenn es so nett formuliert wird: “This night I just want to chill. It’s nice to share things, to say how the day was. I only want cuddling up on the couch, canoodle and having a nice glass of wine and some cheese or nibbles.”

Ich glaube es hat gar nichts mit der Sprache zu tun, sondern viel mehr mit dem sehr offenen Zeigen des Gemütszustandes (solange er im positiven Bereich ist; Sorgen behält man für sich!). Immer wieder fällt mir auf, wie herzlich und ohne jede Scham in England liebevolle Gefühle in aller Öffentlichkeit bezeugt werden. Gerade auch die erwachsenen Männer haben keine Angst davor. Die Kollegen dürfen ruhig zuhören, das macht nichts. Ich mag das.

Deutsche Männer, besonders Chefs, fürchten in solchen Situationen schnell einen Autoritätsverlust, das ist dem englischen Mann / Boss eher fremd. Autorität ist ihm nicht wichtig. Würde ihn keiner mehr durch den Kakao ziehen, wäre er totunglücklich.

kamin
Am Kamin ist es urgemütlich: It takes a heart of stone and a will of steel to resist joining it.

Natürlich willige ich ein, sogar ausgesprochen gerne, und so rekeln wir uns vor TV und Kamin gemütlich durch den Abend. Allerdings muß George ein bißchen aufpassen, denn er hat schon seit einigen Tagen Schmerzen beim Bewegen. Ein Nerv klemmt oder ein Muskel hat sich verhärtet, wahrscheinlich beides. Auf jeden Fall ist die Sache lästig. Die Brustregion ist betroffen, da will er jetzt mal selbst Hand anlegen und geht deshalb schon vor mir ins Schlafzimmer.

Als ich vor einiger Zeit ähnliches im Nacken hatte, wurde nicht lange gefackelt. Eine Novocain-Spritze war fällig. Sie wirkte schnell. Wenn es aber um ihn selbst geht, bevorzugt George sanftere Methoden. Naturheilmittel aus der chinesischen Medizin lassen sich in vielen Londoner Apotheken kaufen. Es sind ‘over the counter drugs’, also rezeptfrei zu haben.  

Wenig später gehe auch ich die Treppe hoch. Gerade bin ich auf der letzten Stufe, da fliegt die Schlafzimmertür auf. George rast in Windeseile Richtung Bad. Ich tippe auf akute Magenverstimmung. Mein Mitleid hält sich in Grenzen, denn es wird höchste Zeit, das er mal der Betroffene ist. Mein “nervöser” Magen hat sich ja schon öfter bemerkbar gemacht. Und ich bekomme noch immer einen roten Kopf, wenn ich an unsere Rückfahrt von Barnes, Süd-West London, denke. 

ch-jug-bottle-bar
Tresen im Coaches & Horses in Barnes. Gemütlicher Pub, gutes Essen und wunderbarer Biergarten. Im Sommer auch mit Barbecue. Für den kleinen Hunger gibt es Scottish Eggs.

Mitten auf der Themsebrücke, die nach Hammersmith führt, wurde mir übel. In Barnes waren wir im Pub, wo ich einige Scotsh Eggs verdrückt hatte. Das ist die UK-Variante der russischen Eier, aber viel leckerer. Man nimmt hartgekochte Eier, ummantelt sie mit einem Wurstbrei (z.B. Bratwurst), paniert und fritiert das Ganze. Wenn die dann noch warm dampfend auf dem Tresen stehen, greife ich zu. Ausserdem hatte ich Hunger. Zwei Pints Young’s Ale rundeten die Sache ab.

Und nun, mitten auf der Brücke, mit Gegen- und Fußgängerverkehr, will alles wieder raus. Das sind die Momente wo ich George’s Beruf zu schätzen weiß. Er bleibt ganz ruhig, als hätte ich ein bißchen geschnieft und bräuchte jetzt ein Taschentuch. Er klappt das Handschuhfach auf und vertraut mir.

hammersmith
Die Hammersmith Brücke quert die Themse. Zweispurig mit seitlichen Fußgängerwegen.

Eigentlich sollten dort einige Plastiktüten liegen. Die braucht er am Tatort zum Einsammeln von suspicious objects. Und genau für den Zweck bräuchte ich sie jetzt auch. Dringend. Leider Fehlanzeige.

Ich sehe nur seine Lieblingsmütze, die vom Tropical Zoo mit dem rosa Flamingo vorne drauf, eine Packung Einweghandschuhe und mein seit Monaten gesuchtes 60-mm Nikkor Objektiv! Kurzentschlossen greife ich zum Handschuh, zum Glück Qualitätsware. Dicht und elastisch. Zielsicher halte ich ihn auf. Schnell füllen sich die Gummi-Finger mit Scottish-Eggs-Ale-Brei. George verzieht keine Mine. Ich fühle mich zwar erleichtert, glaube aber bald darauf am heiß brennenden Scham ersticken zu müssen. Den Latex-Handschuh halte ich eisern in der Faust fest.

scottish eggs
Schottische Eier. Frikadelle mit gelben Kern. Sehr lecker.

Heute abend aber hat es offensichtlich George erwischt. Heute steht er blöd da. Ich werde Verständnis zeigen: “Halb so schlimm, das wischen wir schon weg, das kann doch mal passieren …”.

Aber statt Klospülung höre ich nur den Wasserhahn rauschen. George jammert: “It itched like hell!”. Es juckt ihm? Wo denn? Warum denn?

Schon taucht er im Flur auf. Er hat nur seine Hose an, einen Waschlappen presst er auf die Brust, wohl dort wo der Muskel schmerzt. Irgendwie riecht es aus dem Schlafzimmer brenzlig. – Um es kurz zu machen, George ist dem Übel mit Moxa-Sticks an die Wurzel gegangen. Eine der Akupunktur ähnliche Behandlung. Aber beim Moxa wird mit Hitze gearbeitet und die wird durch die Nadeln in das schmerzende Gewebe geleitet. Ganz in ursprünglicher Art nimmt George dazu getrockneten Beifuß. Er wird zu Wattekügelchen geformt, auf das Nadelende befestigt und angezündet. Mag sein, das die Sache klappt, aber nicht auf gut behaarter Männerbrust!

Ich beiße mir auf die Zunge. Jetzt bloß nicht lachen. Erst mal pusten, trösten und einige Stunden später die Brandblase sanft punktieren. Ein dicker Klacks Salbe wird kühlen.

Mitten in der Nacht frage ich noch mal nach: “Tut’s noch weh?” “Like root canal surgery.” “Na ja, verständlich. Du hast dir immerhin eine richtige Brandblase geholt.” “Yes that’s true … and I’m still on fire”. Ich lächle, das lässt sich behandeln, aber diesmal auf meine Art. 

* * * * *

beifuss
Gemeiner Beifuß. Rechts die Blütendolde und im Detail. Beifuß findet sich überall, sowohl in England als auch in Norddeutschland.

George besteht ausnahmsweise auf ein Nachwort. In diesem Fall, wo ich über seine Tolpatschigkeit berichte, kann ich es kaum verweigern. Er kann zwar über seine Brandblase inzwischen lachen, aber der Einsatz von Naturmitteln ist ihm ein ernsthaftes Anliegen. Als engagierter bee-keeper (Bienenhalter, Imker) und naturverbundener Mensch kommentiert er diesen Bericht mit seinem Tipp:

Artemisia vulgaris (Beifuß) is a very important plant in the East. When dried small cones are made and burnt on the end of Acupuncture needles. You can buy Moxa sticks in Chinese pharmacies. A cone 2 cm high and lit sitting on a piece of ginger or garlic will draw poison out of an infected part of the body. You will of course have to pick it off when the heat becomes intense. It is also sold for bee-smokers as it gives off a pleasant smell somewhat evocatively reminding us of those dopey student days. Don’t buy the stuff, it is everywhere in UK, particularly on derelict ground.

George

Achtung: Die eingeschleppte Beifuß-Ambrosie (Ambrosia artemisiifolia) kann Allergien und Asthma auslösen. Sie gilt als giftig. – Im Fall des Falles immer vorher den Arzt fragen 😉