Es gibt ein europäisches Gesetzt, dass die Transporte für lebende Schafe, Rinder und Schweine regelt. Darin wurde u.a. die max. Temperatur festgelegt (30° C). In Londoner U-Bahnen müssen Sie mit mehr rechnen, allerdings werden damit auch ‘nur’ Menschen transportiert. Den einsamen Rekord hält die Central Line. Sie ist bei Touristen beliebt, denn sie bringt einen von Notting Hill zum Regent’s Park und vom Hyde Park zur St Paul’s Cathedral. Sie ist eine der ältesten Strecken, ihre Tunnel sind tief in der Erde vergraben und beides führt zu ungeahnter Wärme. Auf neueren Linie werden die Züge bereits klimatisiert. Soweit ich weiß bedienen die aber nur vier Strecken: Northern-, Circle- und District Line and Overground. 

 

Transport for London veröffentlichte 2017 diese Übersicht. Sie zeigt die Durchschnittstemperaturen in den Zügen an. Die Werte gelten ganzjährig, an heissen Sommertagen geht es noch ein Stück nach oben.

 

In den Zügen der Central Line hatte man im August 2016 stolze 31°C gemessen und die Bakerloo Line hat es im selben Jahr sogar auf knapp 31°C geschafft. Neuere Zahlen sind nicht bekannt, aber der letzte Sommer war noch heißer und TfL hat nix gemacht, um die Temperaturen in den Zügen zu reduzieren. So eine Fahrt wird dann schnell schweißtreibend. Die eigentlich großen mechanischen Ventilatoren, in der Decke der Bahnen, nützen im Tunnel wenig, sie blasen sogar noch mehr Hitze ins Innere. Es sind nämlich die Tunnel, die sich so stark aufheizen.

 

Per Klick lässt sich die Karte vergrößern. TfL hat diese Map erstellt, die genau zeigt, auf welchen Teilabschnitten die Underground im Tunnel fährt. In der Innenstadt sind es alle Linien, außerhalb ändert sich das.

 

Ein ‘Konstruktionsfehler’ ist Schuld an der Misere. Die Tunnel, besonders die alten, sind unglaublich eng gebaut. Man kann Platzangst bekommen, wenn man sich mal darauf konzentriert, wie nahe der Zug an der Tunnelwand entlang fährt. Man sieht es auch gut von den Bahnsteigen aus. Da sind am Ende zwei runde, schwarze Löcher und dort passt die ebenfalls runde U-Bahn zentimetergenau hinein. Dass das Wort ‘tube’ (Röhre) zum Synonym für die ganze Londoner U-Bahn wurde, ist einleuchtend. Um nun Entlüftungssysteme zu installieren, bräuchte man Platz in den Röhren. Aber selbst der natürliche Luftaustausch findet dort kaum noch statt. Immerhin, Platz für Ratten ist hier auch nicht viel vorhanden. Einzig eine Mückenart hat sich tief in den U-Bahn Tunnels angesiedelt und sie ist tatsächlich weltweit einzig dort zu finden. Die Londoner U-Bahn Mücke ist eine echte Rarität. Ich hoffe, sie ist kein Blutsauger.

Als die U-Bahnen eingeweiht wurden, manche vor einhundert Jahren, waren die Temperaturen deutlich niedriger. Jetzt steigen sie aber stetig an und Wissenschaftler haben die Antwort gefunden. Sie liegt in Londons Untergrund, der überwiegend aus Lehm besteht. Ein sehr guter Wärmespeicher, was schon unsere Ur-Ur-Ahnen wußten und für den Hausbau verwendeten. Diese dicken Lehmschichten speichern die Energie aus ihrem Umfeld. Beispielsweise die Wärme, die auf Londons Straßen durch Bewegung oder Licht entsteht. Irgendwie sickert das alles dann nach unten und entlädt sich in den Tunnels. Dazu kommt natürlich die umgewandelte Bewegungsenergie der Züge und vor allem ihrer Bremsen. Fassen Sie mal eine Bremse nach Gebrauch an, die ist kochend heiß. Es bedarf also ausgeklügelter Ingenieurskunst, um das Dilemma zu durchbrechen. Einerseits die heiße Luft, die nicht entweichen kann, andererseits der fehlende Platz, um kühle Luft hinein zu pumpen. Aber man kann Bahnhöfe kühlen, denn dort ist mehr Raum und man kann die notwendigen Leitungen von oben einführen. So machte man es beispielsweise an der Station St Paul’s und die ist seit dem eine richtige ‘box of icy goodness’

 

Kein Wunder, dass die Londoner ihren jährlich stattfindenen ‘Underground Strip Off Day’ so lieben. Er findet im Januar (!) statt und fordert dazu auf, die Tube in Unterhose zu nutzen. Natürlich endet man im Pub. Auch in Unterhose.

 

Inzwischen hat TfL auch andere Stationen mit technischen Kühlanlagen ausgestattet. Man arbeitet sich langsam durch das Netz. Grundsätzlich aber müssen Sie in der London’s Underground mit ungewöhnlich warmen Temperaturen rechnen, und das ganzjährig. Am besten zieht man die dicke Jacke oder den Mantel aus, wenn dafür genug Platz ist. Morgens und abends wird das kaum gehen, denn dann steht man eingeklemmt zwischen tausend anderen Pendlern und versucht verzweifelt jeden Körperkontakt zu unterlassen. Das wäre ganz unhöflich und irgendwie schafft es der Engländer auch im dicksten Gewühl einen Abstand von zwei Millimetern rund um sich herum zu wahren. Auch eine Kunst.