Die Frage hören Sie hundert Mal am Tag, denn es ist die klassische Begrüßung zweier Engländer. Statt ‘Guten Tag’, fragen sie sich lieber gegenseitig ‘Wie geht es Ihnen?’. Und die Antwort ist ebenfalls stets die gleiche: “Fine, thanks”. Oder wenn man variieren will, dann geht auch ein ‘good thanks’ oder ‘fine’ und sogar ‘not bad’ ist im Ausnahmefall*) erlaubt. Was aber würde passieren, wenn ich in deutscher Gewohnheit offen und ehrlich antworte: “Nicht so gut” oder einfach nur “puuuh”? Die Frage stellte ich einigen Freunden und Kollegen von George, mit denen wir nach einem Messebesuch noch zum Essen gegangen waren. Gleich an der Themse, an der Einfahrt zur Limehouse Marina, hatten wir ein Restaurant gefunden mit wunderbaren Blick über das Wasser.

*) ‘Not bad’ benutzen Sie bitte nur, wenn der Arzt Ihnen gerade mitgeteilt hat, dass Ihre Lebenserwartung bestensfalls noch in Monaten gemessen werden kann.

 

 

Linda wagte als erste eine Anwort. Sie würde es reizvoll finden den Gruß ‘How do you do’ ehrlich zu beantworten. “I’ve grown so bored of small talk that I would like to liven up my answers”. Allerdings muß man vorsichtig sein, fügt sie schnell hinzu, denn neue Freunde oder Arbeitskollegen könnte man damit erschrecken. ‘Womit?”, frage ich nach. Und sie sagt: “They don’t expect brutal honestly.” Leider verstehe ich es immer noch nicht so ganz, was sie mit ‘brutaler Ehrlichkeit’ meint und muß dann doch schmunzeln, als sie es mir am Beispiel deutlich macht. “Well, perhaps by saying ‘I’m not sleeping well’ or ‘the kids are driving me up the walls’ and things like this.” Na hoffentlich plant Linda keinen Urlaub in Hamburg, da wird sie ehrliche Antworten anderen Art kennenlernen. Mir haben schon wildfremde Menschen, nur nach einem freundlichen Augenkontakt, ihre ganze Krankengeschichte erzählt, inklusive detaillierter Angaben zur gerade neu eingesetzten Blasenschiene. Da hilft dann nur noch hanseatische Freundlichkeit: “Danke und Tschüss.”

George scheint das alles nicht zu interessieren. Wahrscheinlich träumt er sich noch immer als Kapitän auf die Brücke der schnittigen Yacht, die wir für 5,9 Mio. Pfund gleich hätten mitnehmen können. Wir waren nämlich auf der London Boat Show Messe. Schauspieler Hugh Bonneville lief uns über den Weg, leider ohne Paddington. Aber zurück zu den rüden deutschen Umgangsformen, mit denen ich George nicht mehr erschrecken kann. Er hat sich längst daran gewöhnt auch wenn er mich noch immer in solchen Momenten ‘terribly embarrassing’ findet. Aber da muß er durch, denn ich sage ja auch nichts, wenn er zur späten Stunde im Karaoke Pub das Mikrofon verlangt. Doobedobedoo, oh baby I got it … So was geht in Ordnung, je schräger die Darbietung desto größer das Vergnügen. Aber ein auch nur leicht negatives oder persönliches Wort zur Begrüßung, wird vom Engländer höchst ungern gehört. Warum, frage ich mich. Und George antwortet stellvertretend für alle: “You can’t bring your emotional baggage to new friends or workmates because you are transferring your negative energy to them.” Alle nicken zustimmend und ich bin kurz beeindruckt. Was für ein schöner Gedanken. Machen wir uns in Deutschland über energetischen Austausch Gedanken? Die meisten würden wahrscheinlich den Kopf schütteln und fragen: Watt is datt denn?

Um sicher zu sein, alles verstanden zu haben, frage ich noch einmal nach. Ich kann also auf die Begrüßung ‘How are you’ problemlos ‘I am fine, thank you’ oder ‘good, thanks’ anworten? “Well”, beginnt jetzt Steven seine Antwort, was auf gut Deutsch soviel heißt wie ‘eigentlich schon, aber …’ und fährt fort: “It is a reply (good, thanks) that says ‘I don’t want to talk about’. It’s a bit more distanced than ‘I am fine, thank you’.”  Oha, da muß man ja wie ein Luchs aufpassen welche Variante man wählt. Eine andere wäre ‘very well, how are you?’, das ist sehr höflich und positiv. Langsam verstehe ich, aber ein bißchen muß ich noch provozieren und lege deshalb noch mal nach. “Was wäre wenn ich antworte ‘coping’ (alles im Griff) oder ‘hanging in there’ (was mich nicht umbringt …), geht das in Ordnung? “No don’t do it. Only with true pals (echte Kumpel) or with George.” 

 

Die Limehouse Marina ist ein geschützter Platz für kleine Segelboote. Hier, wo der London Canal in die Themes mündet, wurde in den letzten Jahren viel gebaut. Die Wohnungen sehen schlicht aus, sind aber hochteures Wohneigentum. Vom Balkon sieht man auf die O2-Arena am anderen Themseufer. Starkoch Gordon Ramsey hat am Limehouse Bassin sein Restaurants ‘Narrow’ eröffnet. Die Londoner sehen es nicht gerne, dass die Bewohner des Quartiers am liebsten unter sich bleiben. Überall wurden Zugangsbarrieren errichtet und Hinweisschilder sollen den Besucher fernhalten.

 

Unser Hunger ist gestillt, der Durst noch nicht ganz und die Stimmung wird von Runde zu Runde besser. Eigentlich sind alle noch immer beim Thema ‘verbale Höflichkeitsfloskeln’, inzwischen aber geht es um knifflige Situation am Arbeitsplatz. Wie kritisiert man eine Arbeitsleistung, bittet um eine Gehaltserhöhung oder kündigt gar einem Mitarbeiter? Selbst George, der nun seit Jahrzehnten eine eigenen Firma hat, ist in solchen Situationen hilflos wie ein Baby. Wie fügt man einem Rausschmiss eine freundliche Note bei? You’re fired and we wish you well? Ja, so oder ähnlich müsste es wohl klingen. Und dann erzählt Linda von ihrem schrecklichsten Erlebnis der letzten Bürowochen. Eine Fahrt im Fahrstuhl gemeinsam mit dem CEO in die oberen Etagen. Ausser ihnen beiden ist niemand an Bord. Auf einmal ein Ruck und das Ding bleibt stehen. Man muß wissen, das man in England niemals jemanden im Lift anspricht oder auch nur ansieht. Nun hängt Linda aber mit ihrem Boss zwischen Himmel und Erde und kein Mensch weiß für wie lange. Also muß man irgendetwas sagen. Beiden fällt nix ein. Dann, nach endlos langen Sekunden, fragt Linda: “How were your holidays?” Der CEO antwortet: “Thank you, fine” und lächelt erleichtert. Das ist ja man gerade noch mal gut gegangen. Man hat small talk gemacht ohne aufdringlich zu werden. Best British practise.