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Die Queen auf Staatsbesuch. Die Berliner heißen sie herzlich willkommen. Im Fernsehen gibt es Sondersendungen. We are very pleased that you are visiting Germany.

Die Engländer scheinen mir kollektiv verstimmt zu sein. Man zeigt Gefühle, über die man eigentlich niemals spricht: Neid und Eifersucht. Man ist angefressen und spielt die beleidigte Leberwurst. Da hilft es alles nix, da muß ich mal ein klares Wort sprechen.

Erst dachte ich der verregnete Sommer wäre Schuld. Aber den verfrühten Herbst steckt der Engländer locker weg. Und es bleibt ja noch Hoffnung. Mal seh’n wie der Siebenschläfer (27. Juni) wird? Wenn wir Glück haben folgen 7 Woche Hitze; nach drei Tagen stöhnen wir dann alle: “Nicht auszuhalten!” bzw. “heat wave!”.

Und ob die Tristess ganz England im Griff hat, weiß ich gar nicht sicher, denn mein Fokus liegt doch deutlich auf London. Dort aber mault man. Öffentlich!

Weil die Queen in Deutschland auf Staatsbesuch ist, habe ich die englische Presse besonders aufmerksam verfolgt. Ich wollte wissen, wie man über Deutschland berichtet. Während der letzten sechs Monate habe ich keinen einzigen Beitrag gefunden, einzig über Kanzlerin Merkel wird berichtet, aber man nimmt sie ausschließlich in ihrer Funktion als führende EU Politikerin wahr.

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Treffen der “Queens” im Buckingham Palast. Merkel hat die Hosen anbehalten. Sie kann es sich leisten.

In dieser Woche, -endlich-, findet Germany Platz in den englischen Zeitungen. Die Überschrift ist vielversprechend: “What the German really think of the British Royal family“. Na ja, das ist vielleicht nicht der wichtigste Aspekt zwischen zwei Nationen, aber immerhin ein Anfang.  Was dann aber folgt ist so oberflächlich, das es sich nicht lohnt, es hier zu wiederholen. Der Grund für den schlechten Journalismus wird mir bald klar, man nutzt als Quelle Deutschlands biggest-selling newspaper ‘Bild’.  Das ärgert mich langsam, denn es scheint die einzige Nachrichtenquelle zu sein, die die englischen Journalisten (Zeitung, Radio und TV) kennen.

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Kanzlerin Merkel zeigt der Queen beim Staatsbesuch in Berlin wo es langgeht.

Es sind kaum Fakten zu finden, dafür Gejammer: ‘Die Deutschen nehmen die Engländer ganz falsch wahr. Sie haben einen höchst kritischen Blick, der durch das geplante EU-Referendum geprägt ist.’ Bei der mageren Feststellung bleibt es. Statt aufzuklären, schiebt man gleich eine Erwähnung des Zweiten Weltkrieges nach. 

Ich kann mich an keine einzige Meldung über Deutschland in den britischen Nachrichten erinnern, in der nicht irgendwie schnell noch an Krieg, “Blitz” (die Luftangriffe mit der V2-Rakete)  oder gleich Hitler erinnert wurde. So heißt es also auch anläßlich des königlichen Staatsbesuches 2015: “Relations between our two countries have traditionally been tricky … Two world wars have left deep wounds. On both sides.” (Telegraph) Inhaltlich ist der Satz richtig, aber zeitlich und anlässlich unpassend. Was will man erreichen?

Der grauenhafte zweite Weltkrieg war offiziell 1945 in Europa beendet. Es folgten viele Jahre größter Entbehrungen für die Bevölkerung. In Deutschland, dem Verlierer, entwickelte sich die Wirtschaft unerwartet schnell und erfolgreich. Das waren die Wirtschaftswunderjahre, die bereits ab Anfang der 60-er Jahre das Leben wieder sehr angenehm machten. In England hat es deutlich länger gedauert. – Auch wenn ich den Krieg nicht erlebt habe, und nur noch wenige, aber prägende Erinnerungen an die Nachkriegszeit habe, danke ich heute noch (von Zeit zu Zeit) den Schicksalsmächten, dass wir nunmehr eine siebzigjährige Phase des Friedens erleben. Fast ein ganzes Menschenleben lang.

Unsere Welt ist eine andere geworden. Der Horizont hat sich längst verschoben. Statt im Nationalstaat leben wir heute in einer europäischen Union. Für viele ist die Globalisierung längst Alltag. Die Menschen arbeiten für Companies, die auf der ganzen Welt tätig sind. Ihre Teamkollegen sind international, sie können sich verständigen indem sie Englisch sprechen. Und sie haben die Bedeutung von “DIVERSITY” längst verinnerlicht. – Es braucht Vertrauen und Mut. Man muß sich überwinden etwas Neues zu wagen. Wer das nicht fertig bringt, wer sich aus der Starre nicht lösen kann, sich nicht traut die Insel zu verlassen, der verliert.

Im Telegraph war auch in diesen Tagen zu lesen: “London is afraid of a Europe where Britain sits at the children’s table and policy is decided by Berlin and Paris.” Klar, das macht keinen Spaß. Aber wartet man wirklich darauf an die Tafel gebeten zu werden? Wie wäre es, wenn man sich selbst voll verantwortlich einbringt? Statt Sonderregelungen zu fordern, sollte England sich Europa gegenüber so verhalten, wie sie es selbst von Schottland fordern. Die Schotten hatten Kürzungen im Beitrag zum königlichen Haushaltsbudget angekündigt. Das wurde in London, von der Regierung, verärgert kommentiert: “It’s a very sad decision and will mean that England will have to make up what Scotland doesn’t pay. If we are in a Union each part of the Union has to pay their fair share.”

Genau so isses! Faires Teilen der Kosten und des Gewinnes. Übrigens auch in Sachen Flüchtlingshilfe und -aufnahme.

Es mag noch einen anderen Grund geben, der die Engländer zur Zeit die gute Laune vermiest. Kaum hat man ihnen beigeboben, dass sie jahrzehntelang für die Restaurierung des Westminster Palace blechen müssen, fällt ihnen die nächste Schreckensmeldung auf die Füße. Der Buckingham Palace ist dringend renovierungsbedürftig. Der Kasten scheint so marode zu sein, dass bereits an der Ausquartierung der königlichen Familie gearbeitet wird. Für 1 bis 2 Jahre wird man sich im Wochenendhaus einrichten müssen. Man wird nach Windsor Castle ziehen. Das liegt ganz in der Nähe Londons, gleich hinter dem Flughafen von Heathrow. Oder ist das noch London? Ich werde nie verstehen wo die Stadtgrenze verläuft. Wenn ich frage, heißt es offiziell: “Alles was innerhalb der Autobahn M25 liegt!” Ehrlich? Die wurde doch erst vor einigen Jahrzehnten gebaut??

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Der Buckingham Palast. Wunderschöne Fassade, drinnen ist alles morsch.

Also um den Buckingham Palast scheint es wirklich schlimm zu stehen. Er ist immerhin die offizielle königliche Residenz, wird für Staatsbesuche genutzt, für diplomatische Banquets, Garten Parties, Investitur und zu Empfängen aller Art. Er hat 775 Räume, wovon die Queen nur 9 bewohnt.  Der “Haushalt” inklusive Büro und Verwaltung wird von 426 Angestellten am Laufen gehalten. Es werden übrigens immer wieder Stellen frei, falls Sie sich bewerben möchten, können Sie es bequem im Internet machen. Wäre ich jünger, könnte ich mich für solch ein Berufsabenteuer begeistern: Working for the Royal Household

Der Buckingham Palast wurde letztmals 1953 renoviert! Also seit über 60 Jahren wurde dort keine Tür lackiert, keine Wand gestrichen und keine Tapete neu geklebt! Man mag es sich gar nicht vorstellen, wahrscheinlich ist es noch schlimmer. So ist jetzt eine Generalüberholung fällig. Aber neben den dringend notwendigen Dekorationsarbeiten müssen alle E- und Wasser-Leitungen neu installiert werden. An vielen Stellen ist Asbest verbaut, das Dach leckt und die Fassade bröckelt. Man weiß von wenigsten drei Beinaheunfällen in der letzen Zeit. Jedemals lösten sich größere Fassadenteile und fielen erschrockenen Besuchern, Wachleuten oder Angestellten vor die Füße. Also falls sie den Palast besichtigen wollen (kostenpflichtig), ziehen Sie lieber Sicherheitsschuhe und Schutzhelm an.

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Wenn Prince Charles auf Reisen geht wird es meistens teuer. Eine Woche Mittelamerika wurde mit über £ 400.000 abgerechnet.

Eine Zentralheizung wird es mit Sicherheit nicht geben. Ich möchte gar nicht wissen wie klamm es im Winter in den gut 750 nicht regelmäßig bewohnten Zimmer ist. Jedenfalls kein Platz für Weicheier und Warmduscher. (Dafür gibt es keine englische Übersetzung. Man kennt den wimp, aber das trifft es nicht. Wer länger in England lebt, härtet zwangsläufig ab 😉 Die brauchen dafür kein Wort.)

mattGerade jetzt, wo man jedes Pfund Einnahmen für die Renovierung benötigt, kürzt Schottland den royalen Haushaltszuschuß. Und wenn der Palast wegen Umbaus gesperrt werden muß, dann fehlen auch noch die Besucher. Immerhin laufen jeden Sommer über eine halbe Million zahlende Touristen durch das Haus. Die Einnahmen alleine aus den Ticketverkäufen belaufen sich auf ca. £ 6 Mio. Das könnte man jetzt gut brauchen.

Man wird sich in England etwas einfallen lassen müssen. Die Renovierungen wollen finanziert werden. Weil die Kosten ungewöhnlich hoch sind, wird man auch ungewöhnliche Wege einschlagen müssen. Geliebte Engländer, wenn euch nichts einfällt, lasst euch von den europäischen Partnern beraten. Sie sind Freunde. Trust us!