… dann wäre die Welt plötzlich ein bißchen verschwommen. Schon als Kind brauchte ich eine Brille um meine Kurzsichtigkeit zu korrigieren. Dagegen muß George zur Sehhilfe greifen, sobald er sich an den Computer setzt. Vielleicht war das der Grund für sein Tauschangebot: “If you type the report I prepare lunch.” Klingt gut, ein bißchen Tippen gegen ein komplettes Sonntagsessen. Vor allem, da ich zehn-Finger-blind beherrsche. Eigentlich ja nur acht, aber darauf kommt es hier nicht an.

Eigentlich ist ein Sonntag ohne Sunday roast unvollständig, aber so ein Braten ist für uns zu viel Fleisch und im Pub haben wir es noch nicht versucht. George hat da wohl wenig gute Erfahrungen und weigert sich standhaft: “Pub roasts are the closest thing to school dinners an adult can eat.” Der Braten soll trocken wie ein Mauspad sein. [englisch: mouse-mat !]. – Ich hatte nie in eins gebissen und ahnte nicht, dass sich meine Erfahrung diesbezüglich binnen Stunden erweitern sollte. Ergänzend grummelt George: “You pay £15.60 for one cold slice of meat and half a plate of disintegrating cauliflower.” Das überzeugte mich, denn Blumenkohl mag ich weder im Stück noch zerkocht. Am schlimmsten aber der Geruch, die ganze Wohnung stinkt. “Yes, the whole evening every room of the house smelling like a blossom Airwick plug-in has exploded“. – Eins zu Null für ihn; seine Vergleiche sind besser. Oder hat er einfach interessantere Erfahrungen sammeln können? Bei mir ist noch nie etwas explodiert.

“Was für einen Bericht soll ich denn abtippen?” “A forensic post mortem report“. “Klar, eine Wettervorhersage wird es nicht sein, aber ist es ein technischer oder ein medizinischer Text?” “Medical, but rather short, simple.” Aus wessen Sicht?

Er drückt mir eine Tonbandkasette in die Hand. Es ist ein Protokoll, das während einer Obduktion aufgezeichnet wurde. Zusammen mit Notizen, Fotos, Skizzen, Laborergebnissen und etlichen Formularen wird daraus später ein umfassender Bericht werden. 

George richtet sich in der Küche ein und ich starte den Computer. Als man das kleine Haus anfang des Jahres umbaute, verzichtete man auf trennende Wände, wo immer es möglich war. So haben wir trotz separter Arbeitsplätze immer noch Sicht- und vor allem Hörkontakt. 

Ich stöpsel mir die Kopfhörer in die Ohren und George entkorkt erst einmal eine Flasche Wein. Leider schenkt er nur ein Glas ein. “Bekomme ich auch einen Appetitmacher?” “Bad choice, you shouldn’t taste one sip of this toe-curling wine. Perhaps it’s useful to clean the drain?” Na gut, dann eben ohne Alkohol, das passt wohl auch besser zu dem wahrlich nüchternen Text. 

Es fängt harmlos an: date and hour autopsy performed, name, age, sex und so weiter. Dann geht es mit der External Examination los. Es ist eine simple Sache, eine Frau wurde mit einem Gürtel erwürgt. Beim Auffinden ist der Gurt noch fest um ihren Hals geschlungen. Die Untersuchung bestätigte die erste, naheliegende Vermutung. Es lauern keine Überraschungen. Trotzdem gibt es viele Fragen, die beantwortet werden müssen. Ist es ein Selbstmord? Oder gibt es einen Mörder? Kann der Ablauf der Tat rekonstruiert werden? Hat sich das Opfer gewehrt? Wann trat der Tod ein und wurde die Leiche transportiert? War die Frau schwanger? Betäubt? Alkoholisiert? Und vor allem: Was genau war die Ursache für den Tod? Alles Routine und doch komplex.

Um all die Fragen zu beantworten, mußte das Opfer obduziert werden. Alle Organe wurden gesichtet, gewogen, untersucht. Die Ergebnisse gehören unter die Rubrik ‘Internal Examination’ gelistet. Mein Interesse an George’s Arbeit war von Anfang an groß und deshalb bin ich inzwischen auch ziemlich fit im Gebrauch mit den nicht alltäglichen medizinischen Bezeichnungen. Ich kann problemlos hyoid bone, thyroid and cricoid cartilages zuordnen. Aber wenn dann Begriffe wie pentaerythritol tetranitrate fallen, dann streike ich. Zum Glück liegt der ganze Text auch als handschriftliches Skript vor, aber es hilft mir nicht weiter. Also ist ein Besuch in der Küche fällig.

Hmmm, lecker. Hähnchenbrustfilets in einer Öl und Kräutermixture, Gemüse aus dem eigenen Garten (!) geerntet, das muß kaum geputzt werden, und ein großes Zugeständnis an meinen deutschen Geschmack hat George auch schon fertig, nämlich die Salzkartoffeln. Für englische Hobbyköche eher ungewohnt. Ich versuche es gar nicht erst englisch klingen zu lassen, sondern stammel es deutsch über die Zunge: Pentaerythritol Tetranitrate? Richtig?? “Yes, it’s a heart drug. Perhaps a little bit tongue-twisting.” 

Ich setze mich wieder an den PC und vertippe mich viermal bevor das Wort stimmig aussieht. Warum nutzen Mediziner / Chemiker solche Wortungeheuer? Kann George das, und ungefähr 17.000 weitere Substanzen, wirklich auswendig aufsagen? Vielleicht sollte ich künftig mehr Verständis zeigen, wenn er abends wieder mal alles vergessen hat, was wir morgens abgemacht hatten. Mir kommt der Verdacht das sein Speicherplatz randvoll ist. [Ich notiere: Nicht vergessen, gleich nach Antritt des Ruhestandes den Reset-Button drücken!]

Nachdem ich mich durch die sperrigen Laboratory Data gefummelt habe, geht es zügig weiter. Evidence Collected und Opinion sind schnell getippt. Speichern, ein Ausdruck, fertig ist die Zusammenfassung.

bee-master
Bienenzucht mitten in London

Inzwischen ist der Tisch gedeckt. Das Essen ist wirklich gut, der neu geöffnete Wein lecker. Das Gardening Hobby, das George mitbrachte, weiß ich inzwischen zu schätzen. Jeder Engländer genießt seinen Garten. Dort wird Obst und Gemüse gepflanzt und oft stehen ein paar Bienenkörbe in einer Ecke. Voller Leben! Bee-keeping ist weitverbreitet, mitten in London!

Zum Sonntagsessen gehören aus englischer Sicht vier Sorten Gemüse; mir hätte auch eine gereicht. Aber die Erbsen, Karotten und Bohnen sind aus dem Garten. Sie schmecken frisch und intensiv und erinnern mich an Genüsse aus fernen Kindertagen. Well done! bestätigen wir uns gegenseitig während ich noch mal schnell das Messer ablecke. Nein, bitte nicht die Geschichte vom Mann der sich seine Zunge abschnitt und dann am Blut erstickte. Ich will auch nicht wissen, ob und was du im aufgesägten Schädel letzte Woche gefunden hast. Mit einem sehr alltäglich aussehenen Gerät, ähnlich einem Stabmixer, werden betonharte Köpfe mal eben kreisrund aufgefräst. Die Schädeldecke kullert ab und der menschliche Kopf sieht einem geköpften Hühnerei erschreckend ähnlich.

All das habe ich schon auf Fotos gesehen, erst mit Entsetzen und dann, beim zweiten Blick, mit zunehmenden Interesse. Das Ende vom Lied ist, das die Bilder gespeichert bleiben. George hatte mich gewarnt, meine Neugierde war größer.

Grinsend fragt er, ob ich den Abwasch mache? Kein Problem, die Spülmaschine habe ich in zwei Minuten eingeräumt. Herd und Küche sind schon sauber. Da gibt es nichts zu meckern, mit der Hygiene am Arbeitsplatz ist George vertraut.

Jetzt bleibt noch zu klären ob wir vor oder nach dem Kaffeetrinken eine Runde drehen wollen. Zum siebenundzwanzigsten Mal weist George darauf hin, dass der five-o-clock-tea in England unbekannt ist. “We don’t know it but we feel an overwhelming desire for cake as soon as the clock strikes half-past four.” Schon sind wir uns einig und ziehen die Schuhe an, um rechtzeitig wieder zurück zu sein.

gartenhaus
Im Garten gibt es einen “Schuppen”. Der ist recht komfortabel eingerichtet und dient zum entspannen. Gäste sind willkommen. Das geliebte “gardening” spielt sich hier nicht ab.

Abends sitzt George am PC. Mit Brille auf der Nase und ca. 80 Textseiten plus 100 Fotos rund um sich verteilt, mixt er den endgültigen Report zusammen. Gerade als er die Passage mit dem ‘pentaerythritol tetranitrate’ übernehmen muß, stehe ich schon wieder neugierig hinter ihm. Mal sehen wie oft er sich korrigieren muß. Oder geht es womöglich im zwei-Finger-Profi-System besser? Klack, klack, klack, fertig. Schon nimmt er sich den nächsten Textabschnitt vor.

Das gibt’s doch nicht. Ich beuge mich vor, will es schwarz auf weiß lesen. Und was finde ich? PETN. Soll das ein Witz sein? Ich zeige auf das Wort. “PETN? It’s the short form of ‘pentaerythritol tetranitrate’. Nobody can write or pronounce it, so it’s common to use the acronym“. Fazit: Nach diesem Sonntag kann man mich nachts um drei wecken und ich werde fehlerfrei sagen können: pentaerythritol tetranitrate. Wer weiß wozu es gut ist?