Was unterscheidet den Engländer vom Deutschen? Nun, er lebt auf einer Insel. Und das zeigt Spuren. Mental, sozial und psychologisch. Und so zeigt sich das Insel-Bewußtsein auch gerne in den Alltagsgesprächen.

George ärgert sich über dieselben Sachen wie ich. Z.B. der Verkehrsschilderwald, der von Jahr zu Jahr weiter wuchert. Traffic signs ohne Ende auch auf der Strecke zwischen London und Luton. Dort holt er mich vom Flughafen ab und zählt auf der Hinfahrt, -wahrscheinlich wegen akuter Langeweile-, die Schilder.

ROAD CLUTTER 01
Hinweis-Wut ist nicht nur den Deutschen zu eigen. Am besten man guckt gar nicht hin. Das Navi oder George werden mich schon sicher ans Ziel bringen.

Auf der Rückfahrt macht er mir seine Rechnung auf: “200 signs in the space of eight miles means that there is a sign every 70 yards“. Mit einem Ohr hinhörend sage ich mir, da denkt der Wissenschaftler. Aber dann kommt eine erstaunliche Schlußfolgerung: “Multiply that by the miles of road in this country and it is a wonder we are not sinking under the weight of their metal.” 

Da hat er nicht Unrecht, aber ich wäre nie auf die Idee gekommen meine Gedanken um das Gewicht der Schilder kreisen zu lassen. Warum auch? Der Kontinent ist tragfähiger und gibt mir ein anderes Urvertrauen als dem Insulaner. Dafür ist er in jeder Hinsicht beweglicher.

signs
Too much signs. Selbst für George; der kann sie wenigstens sekundenschnell lesen und verstehen. – Das L-Schild auf dem Wagen macht darauf aufmerksam, dass ein Anfänger (Lerner) unterwegs ist. Meines Wissens reicht es aus, so ein Schildchen anzukleben und schon kann jeder jeden fahren lassen.

Mir fällt das Schild ein, das Zuhause bei George an der Küchenwand hängt: “I long for a time when chickens can cross the road without having their motives questioned.” Und denke mir das könnte bald soweit sein, denn wenn der Verkehr zum Stillstand gekommen ist, minimiert sich das Risiko gegen Null. Nicht nur für die Hühner.

Meine Verkehrsprobleme in England sind anderer Art. Man muß den Blick senken um sie zu sehen. Ich meine die zahlreichen Hinweise auf den Straßen. Überall sind Botschaften auf die Fahrbahnen gepinselt. Manche so groß wie ein LKW. Andere farbig, wie z.B. die gelben Linien entlang des Rinnsteins. Sie regeln die Haltevorschriften. Gelb ist das eingeschränkte Halteverbot. Die rote Linie, auch in der Zickzack-Variante üblich, signalisiert absolutes Verbot. 

yellow-line
Sobald ein Reifen die yellow-line berührt sind £ 50-70 fällig. – Die Nummernschilder sind nur hinten gelb, vorne weiß. Angeblich ist die Nummer dann für Radarkameras besser erkennbar. Ob’s stimmt? Auf jeden Fall funktionieren englische Radarfallen auch nachdem man sie passiert hat. Also nicht sofort auf Gas treten.

Egal ob rot oder gelb, beides kommt in der Ausführung single- oder double-lined vor. Damit soll die Tageszeit angezeigt werden, wann die Regel gilt. Irgendwo am Straßenrand wird man ein Schild finden, auf dem es dann genau vermerkt ist. Ich glaube die Red-Lines gibt es nur in London, jedenfalls habe ich sie außerhalb noch nie gesehen.

Der grundsätzlich tolerant eingestellt Engländer kann ziemlich bürokratisch werden, wenn man die Regeln nicht einhält. Das wird von der Polizei nicht toleriert und es wird schnell teuer. Letztens hat eine Autofahrerin £ 100 zahlen müssen, weil sie eine Banane im Verkehrsstau gegessen hat. Die Regel sagt, das beide Hände während der Fahrt am Steuer sein müssen. Auch im Stau. Also bitte kein mobile phone (Handy) ohne Freisprechanlage nutzen. Mal abgesehen davon, dass das alles tatsächlich und nachweislich der eigenen Sicherheit dient. Unfälle sind fast immer durch einen Mangel an Konzentration verursacht.

‘Putzig’ finde ich die riesigen Aufschriften in der City: “Look right“. Damit wird der Engländer täglich auf’s Neue darauf hingewiesen, dass die Autos von rechts kommen (Linksverkehr!). Bei uns ist es andersherum. Obwohl wir ohne jeden Hinweis die Fahrbahn queren müssen, klappt es doch eigentlich reibungslos.

fussgaenger

Das mütterliche Mantra ‘erst links, dann recht’ prägt ein lebenlang, oder nicht? Der Engländer geht lieber auf Nummer Sicher und hält es schriftlich fest. Auf der Straße steht das “Look right” und auf dem Bahnsteig das “Mind the gap“.

Aus meiner Sicht zuviel Sicherheit mit fatalen Folgen. Denn kaum ist George in Hamburg, nimmt das Unheil seinen Lauf. Er steht am Straßenrand, findet keine plakative Anweisung vor seinen Füßen und kommt prompt ins Straucheln. Immer dauert es einige Tage Praxis und zwei bis drei Vollbremsungen bis er die sichere Straßenquerung beherrscht.

Stimmt alles gar nicht, grummelt George. “It’s simply not true. That’s only for all the tourists.” “Und für die Einwanderer?” Keine Antwort. Jetzt begeben wir uns auf gefährliches Terrain, denn der Engländer hat unbegründete, und gerade deshalb, Angst vor einer Einwanderungswelle. Besonders aus EU-Ländern. Eines der Gründe für die Skepsis weiterhin der Gemeinschaft anzugehören.  [Hallo, ich bin auch Europäerin. “Yes, but more German …” ???]

kreuzung
Kreuzung in Fulham, London. Ich dachte das Muster dient der Ästhetik, aber es hat wohl verkehrsregelnde Bedeutung. Welche? Keine Ahnung. – Nett das ganz oft Linkspfeile diskret darauf hinweisen, welche Fahrbahn die richtige ist. Vielleicht doch ein Service für die Touristen?

Wir fahren weiter über die grüne Insel. Die Landschaft ist wirklich so schön wie man sie sich vorstellt. Grün in allen Varianten. Weite Wiesen und Felder werden nur von uralten Hecken durchzogen. Hoffentlich bleibt das alles so erhalten. Erste Fracking-Firmen sind schon am Bohren. Man sollte sie zum Teufel jagen.

Auf der Straße, vor einer S-Kurve, steht eine letzte, ultimative Warnung: SLOW. Es steht in meterhohen Lettern auf der Fahrbahn. Darunter ARAF. “What does this mean? Something funny?” Nein, kein witziges Kürzel, sondern zweisprachiger Service. Wir nähern uns der Westküste und da wird Walisisch gesprochen.

wales
Waliser Orte erinnern mich oft an die Schweiz. Zum Glück hängt der Union Jack und der Waliser Drache am Haus. Übrigens auch eine Parallele zur Schweiz, dort sieht man auch häufig die Flagge wehen. Wer hängt in Hamburg schon schwarz-rot-gold aus dem Fenster?

Schließlich steuern wir ein kleines, verträumtes, – naja eher verschlafenes-, Fischerdorf in der Nähe von Newport an. Dort werden wir übernachten.  In dem nett eingerichteten Landgasthaus ist nichts los. Gar nichts. Wahrscheinlich sind wir die einzigen Gäste und könnten alles verlangen. So dankbar ist man über unser Erscheinen. Dann entdecke ich eine Frau, nennen wir sie mal Sally, die in einem Gentleman-Chair tief versunken sitzt und nicht so richtig hier her zu passen scheint. Weiß der Teufel von welcher Küste es Sally angespült hat. Sie reckt den Hals und mustert George mehr als auffällig. “Kennt ihr euch?” Ein Blick von ihm zur ihr und ein überzeugendes No! zu mir.

Wie immer brauche ich länger im Bad. George ist schon vorgegangen, er hat sich an die kleine, aber ebenfalls nette Bar gesetzt und sich etwas zu Trinken bestellt. Neben ihm hockt Sally; sie spricht pausenlos auf ihn ein. Wenn George noch ein Stück weiter wegrückt, könnte er vom Hocker fallen. Typisch englisch. Egal was kommt, er bleibt höflich. Sally scheint das auszunutzen und George traut sich nicht “shut up” zu sagen. Gut das er mich hat; mir fällt das leicht.

Gerade als ich mich an seine noch freie Seite auf einen Barhocker setze höre ich Sally fragen: “Are you married?” Triumphierend schaut sie ihn an. Mich ignoriert sie. Und was macht George? Er dreht sich zu mir hin, lächelt mich an und fragt: “Honey, am I married?” “Und ob!” – Sally schiebt ab und George zischelt mir ein “Don’t even ask” zu. Na also, geht doch.