Das war ein schwieriges Jahr. Die Engländer hatten zwar schon im März 2017 ihren Austritt aus der Europäischen Union erklärt, dann aber monatelang den Kopf in den Sand gesteckt. -Übrigens ein Sprichwort, das man wörtlich übersetzen kann, aber nicht muß. ‘We closed our eyes to the problem …’ ist eleganter und trifft den Punkt.- Vor ziemlich genau einem Jahr musste man sich dann endlich dem Austritt widmen und die Verhandlung mit Brüssel wurden ernster genommen. Um es abzukürzen, es lief chaotisch. Zwei zuständige Brexit Minister warfen das Handtuch und bis heute wurde die zwingend notwendige Zustimmung des britischen Parlaments nicht eingeholt. Diese Abstimmung soll (wahrscheinlich) am 14. Januar stattfinden. Ausgang ungewiss, die restlich verbleibende Zeit beträgt dann nur noch neun Wochen! Viel zu kurz, um noch irgendetwas vorzubereiten.

Es ist fast egal wie sich das Parlament entscheidet, denn das eigentliche Problem wird damit nicht gelöst werden. Der hoch umstrittende Austritt spiegelt ja nur die Zerrissenheit wieder, die die englische (vermutlich britische) Gesellschaft spaltet. Etwas die Hälfte ist für den Brexit und die andere Hälfte dagegen. Das ist der Grund, warum eine zweite Volksabstimmung vermutlich ein ganz ähnliches Ergebnis wie die erste haben wird. Man steht sich unerbittlich gegenüber, nimmt gegensätzliche Positionen ein und zeigt keine Bereitschaft zur Einsicht. Das gilt sowohl für die Bevölkerung, als auch für die beiden großen Parteien (Tories and Labour) und zieht sich über kleinere Gruppen bis in den Kern der Familien hinein. Eine Tragödie, denn egal was man entscheiden wird, immer werden sich ca. 50% übergangen und sogar betrogen fühlen.

 

Die Briten haben sich zur Lachnummer gemacht und sie selbst fingen an ihre Politiker als Brexit-Clowns zu bezeichnen. Die echten, gelernten Spaßmacher fanden das gar nicht komisch und reagierten ungewohnt scharf: “Please don’t compare politicians to us. It’s insulting and very offensive to circus people. A clown or indeed a circus must be orderly and efficient to work properly. And in the cast of a circus, it takes team work.” Und da hat er ja nun mal Recht, der Vergleich hinkt tatsächlich gewaltig.

 

Man hat bis heute versäumt sich inhaltlich mit der EU, ihren Vor- und Nachteilen, auseinander zu setzen. Fast alle Engländer, die ich befragte, gaben zu verstehen, dass sie für den Austritt seien, konnten mir aber kein einziges Argument nennen. Es sind ausschließlich Gefühlsentscheidungen, aus dem Bauch heraus getroffen, ohne irgendeine faktische Basis. Das ist wirklich traurig und die heutige Nachricht, die mich zum Schreiben dieses Beitrags veranlasste, bestätigt den Dilletantismus der Verantwortlichen in Sachen Brexit. Die Geschichte ist schnell erzählt: Man hat vorsorglich, für den Fall des vertraglosen Ausscheidens, eine Firma mit einem millionenschweren Kontrakt beauftragt, im Fall des harten Brexit den LKW Transport vom Kontinent auf die Insel logistisch zu unterstützen. Es drohen in den ersten Tagen/Wochen lange Wartezeiten, ganz Kent könnte zum LKW Parkplatz werden und deshalb braucht man dringend Ausweichkapazitäten. Und so wurde die Firma Seaborne Freight beauftragt einen Teil der Fracht alternativ von Ostende (Belgien) nach Ramsgate (normalerweise Dover) zu transportieren und von dort weiter per LKW ins Land. Die Sache hat einen Haken. Seaborne Freight wurde erst 2017 gegründet, hat seitdem niemals irgendeinen Transport abgewickelt und verfügt über kein einziges Schiff! Eine Nachricht, die endlich mal wieder breites Grinsen auf englische Gesichter zauberte, aber natürlich auch den dramatischen Stand der Vorbereitungen in aller Deutlichkeit zeigt. Es gibt keinen einzigen brauchbaren Plan, niemand hat eine konkrete Vorstellung, alle streiten ohne zu wissen wovon sie reden. Ein Trauerspiel.

 

Die Chemie stimmte von Anfang an nicht. Theresa May ist eine sehr disziplinierte, eher zurückgezogene Persönlichkeit und Jean-Claude Juncker schätzt den fröhlichen Umtrunk und das auffällige Betatschen seiner Gesprächspartner. They agreed like cat and dog.

 

Und doch schöpfte ich heute morgen Hoffnung. Denn es macht mich wirklich traurig zu sehen, wie die von mir hochgeschätzen Engländer sich in eine dramatische Lage manövriert haben. Es scheint einige wenige Politiker zu geben, die die zweiwöchige Weihnachtspause genutzt haben. Statt im heimischen Landhaus irgendwo im Nirgendwo zu feiern, haben sie sich in London getroffen. Es ist ihnen gelungen eine Allianz zu schmieden, die endlich parteiübergreifend agiert. Eine Gruppe einflussreicher Männer und Frauen wollen sicherstellen, dass im Fall des Falles ein harter Brexit nicht vollzogen wird. Sollte das Parlament nächste Woche den mit Brüssel vereinbarten Deal ablehnen, dann wird man die EU um Aufschub bitten, um dann endlich die Hausarbeiten zu beginnen, die längst erledigt sein sollten. Hoffentlich geht das alles gut. Ich wünsche mir natürlich, dass die Briten in der EU bleiben und noch mehr, dass sie sich untereinander wieder auf ein Ziel einigen können. Sie brauchen jetzt jemanden, der ihnen eine realistische Zukunft aufzeigt. Mit ein bißchen Glück könnte es gelingen. Aber das Jahr 2018 wird als eines der schlechtesten in Erinnerung bleiben, denn es gab wenig zu lachen, kaum Freude und viel Unsicherheit. It can get only better now!


Fast hätte ich den Wetterbericht vergessen: Today it will be a mainly dry and mild day with generally cloudy skies, and the chance of the odd spot of drizzle. However, there could be occasional sunny spells at times. Oder wie es George zusammenfasst: “Light cloud and a gentle breeze.” – Das ist dann ja perfekt, um das neue Jahr im Freien zu begrüßen.